Schelmenroman "Wie Frau Krause die DDR erfand" Casting fürs Klischee

Die DDR soll zur TV-Serie werden, fehlen nur noch die grauen Arbeiter und totalitären Kindergärtnerinnen! In ihrem Roman "Wie Frau Krause die DDR erfand" lässt Kathrin Aehnlich die Vorurteile gegen den Osten auflaufen.
Mitropa-Raststätte in Berlin-Helmstedt (1984)

Mitropa-Raststätte in Berlin-Helmstedt (1984)

Foto: Günter Schneider/ akg-images

So war sie, die DDR: ein Land mit lauter geknechteten, verängstigten, unfrohen Menschen. Die geduckt ihrer Arbeit nachgingen, immer die Vorgaben von Plansoll und Ideologie im Nacken. Die sich frustriert zurückzogen in ihre kleine spießige Nische. Die sich Fröhlichkeit und Singen vom Staat verordnen lassen mussten, Gemeinsamkeit ist alles. Eine Zumutung, dieses Land!

Klischees sind zäh wie Rübensirup und verführerisch zugleich, sie halten Jahrzehnte lang. Sie sind bequem, weil sie die eigene Weltsicht zementieren und letztlich das eigene System aufwerten. Auch der Filmautor aus München, der eine Fernsehserie über die ehemalige DDR machen will, ist so eine Klischee-Ventiliermaschine. Jetzt braucht er nur noch Protagonisten für seine "Wild-Ost"-Produktion.

Kathrin Aehnlich

Kathrin Aehnlich

Foto: Christian Eisler/ Verlag Antje Kunstmann

30 Jahre nach dem Mauerfall hat Kathrin Aehnlich, geboren 1957 in Leipzig, ein Buch über den mehr oder weniger wilden Osten geschrieben: "Wie Frau Krause die DDR erfand". Auch ihre Hauptfigur Isabella Krause ist ein Kind der DDR, aufgewachsen im Osten, 49 Jahre alt, 1,50 Meter groß. Allerdings lebt die Schauspielerin, die sich mit unglamourösen Rollen zufriedengeben muss, seit fast 30 Jahren im Westen.

Frau Krause bekommt einen Auftrag, und der hat es, wie sie feststellen muss, in sich: Sie soll für den TV-Autor, auch genannt "der Fuchs", die Protagonisten finden. Also besucht sie die Orte ihrer Kindheit und fahndet nach vergrämten Jammer-Ossis, möglichst mit nachhaltiger DDR-Traumatisierung.

Trinken aus Freude

Melitta Kreller hat einst in einer Mitropa-Gaststätte als Kellnerin gearbeitet, wo sich nach Schichtende die Arbeiter aus dem nahen Wälzlagerwerk trafen. Mittlerweile ist das Werk "abgewickelt" worden, als wäre es ein "Wollknäuel", wie Kreller sagt. In der alten Bahnhofskneipe möchte der TV-Autor von ihr hören, dass die Leute einst ihren Ärger über die miserablen Lebensbedingungen herunterspülen mussten. Doch Kreller hält entschieden dagegen, man habe aus Freude getrunken.

Auch mit Ulla, der Schwester der Kellnerin und ehemals Kindergärtnerin, hat der Fuchs wenig Glück. Im Kopf hat er die allseits bekannten Bilder: Krippenkinder sitzen aneinandergequetscht in Reih und Glied auf dem Topf. Doch was er als Missachtung der Intimsphäre brandmarkt, war für die ehemalige Erzieherin unproblematisch. Und schließlich erweist sich auch der ehemalige Arbeiter eines veralteten Kohlekraftwerks als undankbarer Chronist. Man brauchte schließlich das Werk, sagt der Mann achselzuckend.

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Kathrin Aehnlich

Wie Frau Krause die DDR erfand: Roman

Verlag: Kunstmann, A
Seitenzahl: 180
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Was passiert, wenn die Recherche nicht so läuft, wie es sich der Auftraggeber wünscht? Isabella Krause wird massiv unter Druck gesetzt, sie muss liefern. Und da sie ahnt, dass sie in kurzer Zeit nicht die gewünschten Schicksalsträger liefern kann, greift sie zu einem Trick. Der wundersamerweise von Erfolg gekrönt ist.

Man könnte meinen, die Autorin hätte in ihrem Buch einfach den Spieß umgedreht und eine nostalgische Verklärung der ehemaligen DDR geliefert, herzlich, menschlich und so weiter. Tatsächlich zeigt sie aus der Perspektive ihrer Hauptfigur immer wieder die liebevollen Seiten ihrer untergegangenen Heimat.

Immer dieser Hallodri

Gleichzeitig aber legt sie den Finger auf die Wunden und die düsteren Seiten des Unrechtsstaates. Die vielgepriesene Gleichberechtigung der Frau war oftmals Heuchelei, nicht zuletzt wurde das Land "von einem Klub alter Männer" regiert. Und natürlich gab es auch viele Menschen, denen der Staat tatsächlich das Leben versaut hat.

Kathrin Aehnlich hat ihren kurzen Roman, der fast eine Novelle ist, mit einem hübschen Plot versehen. Der zwar immer wieder unwahrscheinliche Volten schlägt, inklusive der Pointe, aber das sollte man eher spielerisch sehen. Der Roman ist ein humorvoller Bilderbogen über einen maximal absurden Staat und den hartnäckigen Überlebenswillen von Stereotypen.

Schade ist nur, dass einige Figuren zu sehr Schablonen geworden sind, etwa Isabellas Vater, stets "der Hallodri" genannt, Spross einer Tanzschulen-Dynastie. Zudem hätte man der Autorin gewünscht, dass sie ihren Bildern mehr traut und stellenweise nicht so didaktisch und explizit wird. Wenn sie zum Beispiel ausführt, "dass alles hinterfragt werden musste" und nicht "in Gut oder Böse einzuteilen war".

Die DDR ist tot, die DDR ist quicklebendig. Lebendig wird sie im Buch in vielen Details aus dem Alltagsleben, etwa dem 1959 eingeführten "Lipsi"-Tanz, einem DDR-Eigengewächs mit staatlich vorgegebenen Schrittfolgen. Schluss mit dem westlichen Rock 'n' Roll und der "Monotonie des Yeah Yeah Yeah". So sah es zumindest Walter Ulbricht. Lange gehalten hat sich der Lipsi nicht. Vorurteile gegen die DDR hielten deutlich länger.

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