Wiener Schnitzel Tanz ums goldgelb panierte Kalb

Schnitzel ist ihre Religion: In einem neuen Buch feiern Wiener Autoren ihre Stadt und deren bekanntestes Gericht. Eine literarische Liebeserklärung an einen leiblichen Genuss.
Zum Niederknien lecker: Das Wiener Schnitzel

Zum Niederknien lecker: Das Wiener Schnitzel

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iStoch /sedmak) / Brandstätter Verlag

Als die Redakteure des britischen Lifestylemagazins "Monocle" im März eine Österreichausgabe konzipierten, packten sie kurzerhand ein Schnitzel in der Form Österreichs aufs Cover - ein Land paniert. Als wäre nicht das Schnitzel nach der Hauptstadt des Landes, sondern die Hauptstadt nach dem Schnitzel benannt. Fest steht: In puncto Berühmtheit steht das eine dem anderen kaum nach.

Das Schnitzel sei eine "Ikone des österreichischen Seins", schreibt der Wiener Gastronom Florian Weitzer  in einem neuen Buch. "Schnitzel ist Religion", behauptet der Restaurantkritiker Severin Corti  ebendort, und der Wiener Theaterkritiker Wolfgang Kralicek stellt die Zehn Gebote des Schnitzels auf. Sechstens: "Du sollst einen Erdäpfelsalat zum Schnitzel essen." Pommes sind nur Kindern gestattet. Siebtens: "Du sollst keine Sauce auf dein Schnitzel tun." Auch keinen Ketchup. Nur Zitrone und Preiselbeeren sind erlaubt.

Kurzum: Die Wiener veranstalten in diesem Buch einen ziemlichen Tanz ums goldgelb panierte Kalb.

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Severin Corti, Florian Weitzer (Hg.), Meissl & Schadn (Hg.)

The Wiener Schnitzel Love Book!

Verlag: Brandstätter Verlag
Seitenzahl: 208
Für 35,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

02.12.2022 21.26 Uhr

Keine Gewähr

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Den Buchtitel "The Wiener Schnitzel Love Book" kann man hip oder albern finden, je nach Geschmack. Nur eins ist er sicher nicht: traditionell. Im Buch ist dann zum Glück alles, wie es sich gehört: das Schnitzel aus Kalb, die Panade aus Mehl, Ei, Weißbrotbröseln, das Bratfett entweder Butter- oder Schweineschmalz. Nun gut, auch Pflanzenöl darf heutzutage in die Pfanne, wenn der Gast das ausdrücklich wünscht. Es ist dann halt nur nicht mehr "the real thing".

Ferdinand Schmalz hat sich einer der besten österreichischen Schriftsteller der jungen Generation genannt, ein Künstlername. Und wenn dem Buch, dieser literarischen Liebeserklärung an einen leiblichen Genuss, eins fehlt, dann vielleicht dies: ein Text von Schmalz über Schmalz.

Das Schnitzel muss schwimmen

Christian Seiler , einst Chefredakteur des Nachrichtenmagazins "Profil ", wettert gegen die Unsitte, das Schnitzel zu frittieren: "Wer etwas Knuspriges essen will, soll sich eine Familienpackung Pringle's besorgen." Und sein Journalistenkollege Georges Desrues weist darauf hin, dass ein richtiges Wiener Schnitzel auch nicht einfach gebraten wird, wie viele Deutsche meinen. Es wird im Bratfett schwimmend "herausgebacken", wie der Wiener sagt, die Schmalzpfanne dabei stets geschwenkt. Nur so hebt sich die Panade vom Fleisch ab und schaukelt sich zu sanften Wellen empor.

Das Wiener Schnitzel ist ein Gericht aus einer Zeit, in der einem der eigene Magen noch näher war als die Anzeige auf der Digitalwaage und das Kalb auf der Wiese, in der nicht jedes Abendessen Klimadiskussionen zur Folge haben konnte und in der noch nicht Heerscharen vermeintlicher Glutenallergiker skeptisch die Semmelbrösel beäugten. "The Wiener Schnitzel Love Book" ist eine Hymne nicht nur aufs Schnitzel, sondern auch auf diese Zeit.

Das Schnitzel als Bühnenstar

Die Burgschauspielerin Maria Happel  erinnert sich in einem Kapitel daran, wer einst der Star des Thomas-Bernhard-Stückes "Claus Peymann und Hermann Beil auf der Sulzwiese"  war: ein Wiener Schnitzel. Regisseur Peymann  besetzte es mehrfach um. Einmal musste Happel für ihn ein Originalschnitzel aus Wien in einem mit Styropor und Kartonagen präparierten Reisekoffer zu einem Gastspiel nach Lindau am Bodensee transportieren. Peymann konnte sich wohl einfach nicht vorstellen, dass ein Schnitzel vom Bodensee glaubwürdig ein Schnitzel aus Wien spielt.

Warum ein Wiener Schnitzel oft so absurd groß ist? Vielleicht weil es aus einem kleinen Land kommt, ein Gericht für Narzissten. Diese Lesart legt zumindest der Schriftsteller Wladimir Kaminer  nahe, ein gebürtiger Russe. "Das Schnitzel sieht immer besser und größer aus, als es in Wahrheit ist", schreibt Kaminer. "Es ist wie Österreich selbst. Es gibt nämlich zwei Österreichs, ein riesiges Reich, das auf keinen Teller passt, politisch wie ökonomisch eine gewichtige Stimme Europas, Vorbote der heutigen Europäischen Union, und ein real existierendes Stückchen, das sich mit einer knusprigen Panade aus Kunst und Kultur schmückt."

Es ist eine Pointe, die einem köstlichen Buch den letzten Biss gibt.

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