Zum Tod von Wiglaf Droste Der große Wüterich

Er zückte den rhetorischen Revolver und traf seine Gegner rechts wie links - und wenn er nur aus der Hüfte schoss: Der Künstler Wiglaf Droste führte ein Leben zwischen Komik und Abgrund. Er wird gerade heute fehlen.

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Wiglaf Droste war eine Gewalt. Veröffentlichte er auf einer Zeitungsseite, verblassten alle Buchstaben ringsum zu "schmunzelnder Verschmitztheit", wie er sie dem deutschen Feuilleton attestierte. Und betrat er einen Raum, fühlte man sich durch seine Präsenz an die Wand gedrückt, in den Arm genommen - oder in den Schwitzkasten.

Um politische Kolumnisten von vergleichbarer Wucht zu finden, müsste man die Fahndung bis weit in das vorige Jahrhundert hinaus ausdehnen. Peter Hacks, Hans Fallada, Kurt Tucholsky, Karl Kraus - mit dem es sich Droste, wäre er Kolumnist bei der "Fackel" gewesen, aber sicher auch irgendwann verdorben hätte.

Droste stammte aus Westfalen, von wo er nach eigenem Bekunden eine gewisse Dickschädeligkeit mit nach Berlin brachte. Dort verdingte er sich nach erfolgreichem Abbruch des "grunddummen" Studiums der Publizistik und Komunikationswissenschaften bald dort, wo die Schwelle zum Eintritt niedrig und die Freiheit groß ist: Erst beim "Spandauer Tagblatt", dann beim Stadtmagazin "tip", kurzfristig als Redakteur bei der "taz", erst auf der Medienseite, bald aber als freier Kolumnist für die "Wahrheit", deren Profil als einzige Satireseite einer deutschen Tageszeitung er in den folgenden Jahren allfreitäglich zu schärfen half.

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Wiglaf Droste: Treffer rechts wie links

Er arbeitete für die "Junge Welt", den WDR, den Deutschlandfunk und - als besonders absurder Irrtum in diesem an Irrtümern und Sackgassen reichen Lebenslauf - auch einmal für eine Werbeagentur in Düsseldorf. Ein Metier, in dem er gewiss weniger verdient haben wird als seinerzeit Bertolt Brecht. Denn neben der Schärfe seiner Texte, die ihn bisweilen auch vor Gericht brachte, hatte Wiglaf Droste: Haltung.

Es ist diese eine Eigenschaft, die unter Journalisten derzeit zugunsten der Äquidistanz aus der Mode gekommen zu sein scheint. Droste aber war kein Journalist. Er war Künstler, der das Zuspitzen nicht nur aus ästhetischen Gründen pflegte. Er wollte damit auch zustechen, notfalls auch mit exotischen Waffen wie "ramentern" oder "jabbeln" aus dem Arsenal des Plattdeutschen. Wolf Biermann war ihm ein "dummdreister Ranzlappen", Leni Riefenstahl schlicht eine "Nazizicke" - und der Feldjäger ein "Waschbrettkopf".

Kein Augenzwinkern

Jede Polemik ist eine heftige Attacke, deren Heftigkeit dem Umstand geschuldet ist, keiner Argumente zu bedürfen. Ergab sich die Evidenz seiner gefürchteten Urteile nicht von selbst, dann aus der schieren Sprachgewalt seiner Zeilen. Wobei es bei Droste kein Augenzwinkern gab, kaum Ironie und nur selten stilistische Pirouetten aus reiner Freude am Spiel. Er war einer, der den rhetorischen Revolver zückte und seine Gegner rechts wie links - nie unten! - auch dann noch traf, wenn er aus der Hüfte schoss.

Wer seiner Meinung war, liebte ihn für diese Treffer. Wer anderer Meinung war, fürchtete ihn für sein Wüten. Umso mehr überraschte seine Wärme im persönlichen Umgang. Er speiste gerne und trank gerne, las Dashiell Hammet, hörte Johnny Cash und Richard Wagner - letzteres aber nur, um sich in Stimmung für ein Ansinnen zu bringen, das er an die israelische Luftwaffe richtete. Die möge doch, kolumnierte er in der "taz", statt Beirut einen "Kuhdunghaufen" namens Bayreuth plattmachen, "aus dem turnusmäßig Größenwahnfried quillt". Das dortige Jean-Paul-Museum aber sei zu verschonen, der Dichter ein "Lichtblick der Zartheit im bayreuthdeutschen Dröhnen".

Und so diversifizierte er sich in den Neunzigern gemäß seiner Talente, auch zur Zartheit hin. Veröffentliche eine lukullische Zeitschrift ("Häuptling Eigener Herd", mit Vincent Klink) und ging mit Büchern (u.a. "Der Barbier von Bebra") und Klassikerkolumnen (Poetry Slam avant la lettre) ausgiebig auf Lesereisen in die Provinz, die er nie als geistige empfunden hat, ganz anders als Kreuzberg übrigens: An seinem langjährigen Wohnort herrsche ein "Arschgeigentum, das nichts mit Freiheit, aber viel mit Rücksichtslosigkeit zu tun hat".

Kein Systemclown

Weil die Sprache ihn liebte wie er sie, machte er auch als Interpret von Chansons - etwa mit dem Spardosen-Terzett und Hits wie "Du kleine Löterin" - eine gute Figur. Er erwies sich als nicht nur raum-, sondern auch kleinkunstbühnenfüllend. Die feuilletonistische Formulierung, er würde der Gesellschaft "den Spiegel vorhalten", hat er nicht nur aus stilistischen Gründen immer weit von sich gewiesen. Zu gut wusste er um die Abgründe des Menschen, also auch seine eigenen. Selbst über die Preise, die man ihm zu Füßen legte, konnte er unter vier Augen spotten: sie seien "wie Hämorrhoiden, früher oder später bekommt jeder welche".

Charles Bukowskis Diktum, dass "intelligente Menschen voller Zweifel und Dumme voller Selbstvertrauen" seien, galt auch für Droste. Es spricht für die Integrität dieses so intelligenten wie verletzlichen Menschen, dass er nicht als Gagschreiber oder gar Systemclown für das ZDF endete - sondern es in den letzten Jahren vorzog, dem urbanen Gewese den Rücken zu kehren, sich rar zu machen in Oberfranken.

Freunde seiner bissigen Prosa mussten fortan mit poetischen Miniaturen in der "Jungen Welt" vorlieb nehmen: "Ich konnte etwas tauschen/ Für mich ist das sehr gut/ Ich wünsch dir Rausch und Rauschen/ und nehme meinen Hut". Und zur Kenntnis nehmen, dass der Große Wüterich ausgerechnet in einer Zeit leiser wurde, die sein Wüten gut hätte brauchen können. Gerne hätte man gelesen, was ihm zur realen Renaissance eines Faschismus eingefallen wäre, den er unter der sattbürgerlichen Oberfläche schon lange gewittert hatte.

Zeitlos gültig

"Wer allzu offen ist", sagte er einmal, "der kann nicht mehr ganz dicht sein". Offen war er nicht mehr für Twitter und Facebook, das Anonyme und die überhitzte Hypermoral einer neuen Zeit. "Die Entschlossenheit zum Nichtverzweifeln war immer das Rückgrat meines Lebens", diktierte er dem "Tagesspiegel". Allein aber könne man "die Welt nicht retten, mit Glück sich selbst und vielleicht einige andere, und man kann ermutigen. Das kostet volle Kraft voraus, und die Übermacht der Brutalität, der Gedächtnis- und Gewissenlosigkeit ist niederschmetternd".

Vielleicht ist es auch so, dass er im besten Sinne sein Pulver längst verschossen hatte. Seinen Beitrag zu aktuellen Diskursen hat er bereits 1995 zu Papier gebracht, und er ist zeitlos gültig. Für "Gespräche unter Freien und Gleichen" möge gelten: "Die Beteiligten stimmen darin überein, nicht übereinstimmen zu müssen und nutzen die Möglichkeit, im Dissens zu sein, ohne deshalb gleich verfeindet zu sein".

Mit Rechten reden? Nein, man müsse nicht "an jeder Mülltonne schnuppern", und: "Das Schicksal von Nazis ist mir komplett gleichgültig; ob sie hungern, frieren, bettnässen, schlecht träumen usw. geht mich nichts an. Was mich an ihnen interessiert, ist nur eins: dass man sie hindert, das zu tun, was sie eben tun, wenn man sie nicht hindert: die bedrohen und nach Möglichkeit umbringen, die nicht in ihre Zigarettenschachtelwelt passen".

Nach kurzer, schwerer Krankheit ist Wiglaf Droste in der Nacht zum Donnerstag gestorben. Er wurde 57 Jahre alt. Und wird sehr fehlen.



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
loewengaenger 16.05.2019
1. Ein Großer ist gegangen
Ach, es fuhr mir heute durch Mark und Bein, als die Nachricht via Radio verbreitet wurde. Es machte Freude, ihn zu lesen und ihm zuzuhören, seine scharfen Einlassungen über die Dümmlichkeiten in Bezug auf unsere Sprache waren - leider - nur zu notwendig und sie werden fehlen.
G.E.Rücht 16.05.2019
2. ...das unbekannte Pferd läuft heim.....
....und ich bin einfach nur traurig. Er fehlt jetzt schon.
InannasHost42 16.05.2019
3. blüht sie...?
klasse Nachruf. Er sprach aus, was man selbst vielleicht manchmal tief in sich dachte und dann vor sich selbst erschrak... "Ach ist es schön, im Ausland Landsleute zu treffen." - "Nein, ist es nicht!" oder: "Schon damals ahnte ich, dass es nichts Gutes bedeutet, wenn Deutsche nach ihrer Identität suchen: Entweder sie langweilen sich und andere damit zu Tode, oder die Sache endet vor Stalingrad." Nichts reimt sich auf "Forsythie".... Werde beim Anblick dieser gelben Rattensträucher immer an den Westfalien Alien denken...
Der_schmale_Grat 16.05.2019
4. Ein seltener Stern
am Horizont, der aber durch sein Geschriebenes, Gesagtes und tief innerlich wohl auch mal Verzagtes jetzt anders scheint. Was für ein Verlust!
Interzoni 16.05.2019
5. Danke
für den sehr angemessenen Nachruf. Wiglaf Droste war ein Solitär. Manchmal erinnerte er mich an Thomas Bernhard. Zuletzt habe ich die wunderbaren Bücher "Wein" und "Wurst" gelesen, die er mit Vincent Klink und Nikolaus Heidelbach gemacht hat.
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