Büchnerpreisträger Wilhelm Genazino ist tot

Er war der große Flaneur der deutschen Literatur, fand das Traurige und das Komische im Alltag in den Städten. Nun ist der Schriftsteller Wilhelm Genazino gestorben.

Wilhelm Genazino (1943-2018)
Peter-Andreas Hassiepen/ Hanser

Wilhelm Genazino (1943-2018)


Der Schriftsteller Wilhelm Genazino ist am 12. Dezember 2018 nach kurzer Krankheit gestorben, wie der Hanser-Verlag mitteilte. Genazino wurde 2004 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet, dem renommiertesten deutschen Literaturpreis.

Wilhelm Genazino wurde am 22. Januar 1943 in Mannheim geboren und lebte als freier Autor in Frankfurt. Er begann als Journalist, unter anderem bei der Zeitschrift "Pardon", und schrieb auch Hörspiele, bevor er mit seiner Angestellten-Romantrilogie "Abschaffel" (1977), "Die Vernichtung der Sorgen" (1978) und "Falsche Jahre" (1979) bekannt wurde.

Genazino erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen, darunter 2004 den Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt und 2014 die Goetheplakette der Stadt Frankfurt. Genazinos Werk wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Einen Virtuosen in der Darstellung "innerer melancholischer Verwilderung" nannte ihn der SPIEGEL einmal, einen "Meistersinger des Lebensschreckens". In Romanen wie "Ein Regenschirm für diesen Tag", "Mittelmäßiges Heimweh" oder "Außer uns spricht niemand über uns" erzählte er mit großer Genauigkeit aus dem Alltag in den bundesrepublikanischen Städten, durch die seine Figuren flanierten. Sein letzter Roman "Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze" erschien im Frühjahr 2018.

"Stadtgänger-Prosa"

Genazinos Vorfahren stammten aus Italien, er wuchs in Mannheim in ärmlichen Verhältnissen auf, besuchte zwar das Gymnasium, musste es aber ohne Abschluss verlassen - das Abitur holte er als fast 40-Jähriger nach und studierte anschließend in Frankfurt am Main Germanistik, Soziologie und Philosophie. Er habe von dem Studium sehr profitiert, sagte er später: "Ich bin dadurch ein anderer Autor geworden".

Einen ersten Roman hatte Wilhelm Genazino schon 1965 veröffentlicht, doch "Laslinstraße" fand wenig Beachtung. Ganz anders erging es ihm mit der "Abschaffel"-Trilogie über das Leben eines Büroangestellten, der durch Entfremdung im Beruf auch sich selbst als Person verfehlt. Ausdrücklich sah sich Genazino darin in der Tradition der sozial engagierten Literatur.

In dieser ersten Schaffensphase war seine Erzählweise eher konventionell. Der "andere Autor" Genazino nach dem Studium aber baute seine Bücher häufig aus lose verknüpften, in sich geschlossenen Prosaminiaturen zusammen. Werke wie "Das Licht brennt ein Loch in den Tag" oder "Die Kassiererinnen", die nach diesem Prinzip konstruiert sind, wurden in den Neunzigerjahren als "Stadtgänger-Prosa" gefeiert. "Ein Regenschirm für diesen Tag" wurde 2001 nach Marcel Reich-Ranickis Lob im "Literarischen Quartett" sogar kommerziell ein großer Erfolg.

"Der große, stille Chronist der Bundesrepublik", wie ihn SPIEGEL-Kritiker Volker Hage einmal nannte, rekonstruierte 2003 dann die ausgehende Adenauer-Ära in "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman". Von 2005 an verfasste Wilhelm Genazino auch Theaterstücke, eines davon löste einen kleinen Skandal aus, als Veronica Ferres die für sie vorgesehene Hauptrolle in "Courasche oder Gott lass nach" wegen deren vulgärer Sprache nicht spielen wollte.

Von der Literaturkritik wurde an Genazinos Stil häufig das Unpathetische gelobt. Im SPIEGEL-Interview zum Büchner-Preis mutmaßte er, es sei die Klugheit, die ihn da zur Zurückhaltung zwinge: "Gelungenes Pathos ist sehr, sehr selten", sagte er: "Man muss den Ton genau treffen." In seinen Beobachtung des Alltagslebens ist ihm dies umso besser gelungen.

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