Wunderbarer Flaneur-Roman Genazino macht glücklich

Unser Dasein als ewig Wartende: Keiner schreibt über diesen Zustand so berauschend nüchtern wie der Frankfurter Wilhelm Genazino. Auch seinen neuesten Roman zu lesen ist wie durchs Leben zu flanieren.

Verwehte Plastiktüte
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Verwehte Plastiktüte

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"Dieses In-der-Luft-Herumzittern einer Plastiktüte war offenkundig der allgemein akzeptierte Selbstausdruck des Tages", stellt der Erzähler nüchtern fest. Der Wind schubst sie herum, sie ist ihres eigentlichen Zwecks beraubt, es gilt festzustellen: In diesem Sichtreibenlassen steckt Schönheit. Oder, okay, man echauffiert sich über den Müll.

Ein wenig wie diese unentschlossene Tüte: So lässt sich die Identität des Erzählers in Wilhelm Genazinos jüngstem Roman fassen, der sich so berauschend liest, als würde man dieser Tüte hinterherbummeln. Mittendrin ein meist arbeitsloser, halt, nein, "beschäftigungsloser", Schauspieler, der ab und an beim Rundfunk was einsprechen darf, ein Teil der "Kameradschaft der Gescheiterten". Er lebt, als hoffe er auf das passende Drehbuch. Nur bedeutsam, das soll sein Leben sein.

Doch, eben: "Außer uns spricht niemand über uns". Einen derart fatalistischen Buchtitel hat es wirklich lange nicht gegeben. Genauso umkreist der Erzähler auch eine Naja-nicht-wirklich-vielleicht-Beziehung: Das "Wir" ist so vage, dass es nach außen nicht existiert. Er und Carola machen nicht. Sie sprechen nur darüber, wie es wäre, den Mut zu haben. Alles Konjunktiv, bis die Realität dazwischengrätscht. Sie sind Wartende, wie so viele heute.

Es ist ein bisschen verrückt, in Genazinos Frankfurter Ich-Erzählern immer wieder Zeitgenossen zu erkennen, die ihr unverbindliches Wesen in unseren Großstädten treiben. Über die derzeit ganze Feuilletons vollgeschrieben werden. Denn diese Wartehaltung ist uralt. "Zögerndes Geöffnetsein", nannte das Siegfried Kracauer schon 1922 und eine bessere Formulierung wird nie einer finden.

Autor Wilhelm Genazino
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Autor Wilhelm Genazino

Klar, es ist nicht das erste Mal, dass Genazinos Nähe zu den Texten der beiden anderen großen Frankfurter Soziophilosophen Kracauer und Walter Benjamin auffällt. Im Fokus stets ein Typus, der "ziellos dahinschlenderte und das Nichts, das er um und in sich spürte, durch eine Unzahl von Eindrücken überdeckte" (Kracauer). In Genazinos "Ein Regenschirm für diesen Tag" aus dem Jahr 2001 jobbte der Protagonist gar als Probeläufer für teure Schuhe, ein großer Spaß. Und auch sein jüngster Erzähler ist wie ein Verwandter: ein "Betrachter der Bestände" mit Tendenz zur "Lebensaufschiebung".

Er streunt herum, um Zeit zu füllen, in der Hoffnung, es ergibt sich von alleine was. Sinnsuche ist eine seltsame Aufgabe. Glück von außen - Job, Eigentumswohnung, Pferdepflegerinnen - ist ihm wurscht. Das Glück bei sich, mit Carola zu finden, gelingt ihm nur für einen Moment: Ausgerechnet als sie mit ihm frische Unterhemden kauft (eine Szene mit fast Loriot-hafter Präzision), weil sie genervt ist von seinen Fetzen.

Doch wenn einer nicht weiß, was er will, entdeckt er es auch nicht. "Man muss es soweit bringen, dass man wegen seines Ungeschicks geliebt wird", so die Erkenntnis. "Ich war froh, dass es wenigstens Eichhörnchen gab."

Durchs Leben flanieren, bis was passiert

Dann, im Herbst, der Erzähler schlendert gedanklich von Schwalben zu Konzerten, folgt nahtlos, ohne Absatz, ohne Pause, ohne vorbereitende Leerstelle: "Carolas Selbstmord war für alle, die Carola kannten, ein Schock." Bumm. Diese Bruchlosigkeit zeigt zweierlei: sein Leben in Slowmotion, in dem Ereignisse erst verspätet real zu werden scheinen. Und Genazinos großartige Kunst, genau dieses Gefühl zu evozieren: Lesen ist wie durchs Leben flanieren, bis was passiert.

Seine Bücher sind stets eine Rückbesinnung: Die kleine Form, das Novellenhafte, wie dicht und aufregend sie sein kann. Wer sich zu oft in Romane fallen lässt, um erst nach mehreren Hundert Seiten ins Gegenlicht blinzelnd wieder in der Realität aufzutauchen, vergisst das gerne mal. Aber wer sich Genazino für meist 160, 170 Seiten an die Fersen heftet, um mit ihm im Kleinstadt-Frankfurt den dahinplätschernden Alltag zwischen Aromaschutzpackungen und Bügelbrettern, Sex und Friedhof zu vermessen, wird so reich belohnt wie es die wenigsten Schmöker schaffen.

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Selbst wenn man albernen Satzfetischismus eigentlich verabscheut: Hier werden Buchränder ganz schamlos Seite um Seite mit Markierungen bemalt. Einfach nur, weil der 73-Jährige es schafft, das, was wir zu kennen meinen, so präzise und neu zu zeigen, dass man jeden einzelnen Satz in die Hand nehmen und x-beliebigen Passanten zeigen möchte, weil sie so schön funkeln. Diesen hier etwa: "Endlich wusste ich, wie man alt wird. Man verarbeitet eine Mitteilung, geht zum Bahnhof, steht dort herum, wundert sich und stellt fest, dass man seit drei Minuten alt geworden ist." Da war sie wieder, die Verzögerung.

Wilhelm Genazino ist das verblüffende Kunststück gelungen, eine Liebesgeschichte übers Trauern und den Tod zu schreiben. Wie es sich anfühlt, wenn man vor Trauer betäubt rumsteht "wie ein leerer alter Karton". Bis sich der Boden auftut. Und solange man zögernd geöffnet darauf wartet, dass das Leben endlich anfängt, man den Mut fasst, zu machen, bleibt immerhin Genazino: Denn sein flanierendes Erzählen macht glücklich.



insgesamt 4 Beiträge
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nobody_incognito 01.08.2016
1.
Nichts ist für die Ewigkeit, auch nicht das Warten. ;-)
soalso 01.08.2016
2.
kenne zwar nur ein paar passagen, aber ganz ehrlich, selbst wenn ich sonst absolut nicht tun könnte, wäre es mir zu langweilig als dass ich es lesen würde. wenn flaneur-roman mit *absoluter* belanglosigkeit gleichzusetzen wäre, dann würds wieder treffen...
nolabel 02.08.2016
3. Angefixt
bin ich schon seit seiner "Abschaffel" Trilogie. Also danke für den Tip, sonst wäre womöglich ein neuer Genazino an mir vorbei flaniert.
noonecares 22.08.2016
4. ich habe das Buch gelesen,
auf dieser Rezension basierend und es war leicht zu lesen, interessant ebenfalls. Jedoch finde ich nicht, dass es glücklich macht, und eine Begründung hierfür ist bei genauerer Betrachtung des Artikels auch nicht zu erkennen. Denn eben diese herumschlendern und motivationslose bringt mich in in Stimmung, die mir das Gefühl gibt: So sinnlos verbringe ich ebenfalls meine Zeit, ohne Ziel und ohne Antrieb. Da dieser Zustand durch Carolas Selbstmord noch intensiviert wird, wird es nicht besser, zumal auch kein positives Ereignis einen Wandel hervorbringt. Es gibt ebenfalls, spoiler, keinen Höhepunkt, das ganze Buch ist mehr oder weniger ein ganzes retardierendes Moment.
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