400. Todestag des Universal-Genies Was uns Shakespeares Worte heute noch sagen

"Hamlet", "Macbeth", "Romeo und Julia" - das ist doch alter Kram, der nichts mit der Gegenwart zu tun hat? Von wegen: Zehn Shakespeare-Texte und was sie uns heute noch sagen können.

AFP

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"Hamlet", die Erste

Billy Crystal in Kenneth Branaghs "Hamlet"-Verfilmung von 1997
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Billy Crystal in Kenneth Branaghs "Hamlet"-Verfilmung von 1997

Hamlet:
Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage:
Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern
Des wütenden Geschicks erdulden oder,
Sich waffnend gegen eine See von Plagen,
Durch Widerstand sie enden? Sterben - schlafen -
Nichts weiter! Und zu wissen, daß ein Schlaf
Das Herzweh und die tausend Stöße endet,
Die unsers Fleisches Erbteil, 's ist ein Ziel,
Aufs innigste zu wünschen. Sterben - schlafen -
Schlafen! Vielleicht auch träumen! Ja, da liegts:
Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen,
Wenn wir die irdische Verstrickung lösten,
Das zwingt uns stillzustehn. Das ist die Rücksicht,
Die Elend läßt zu hohen Jahren kommen.
Denn wer ertrüg der Zeiten Spott und Geißel,
Des Mächtigen Druck, des Stolzen Mißhandlungen,
Verschmähter Liebe Pein, des Rechtes Aufschub,
Den Übermut der Ämter und die Schmach,
Die Unwert schweigendem Verdienst erweist,
Wenn er sich selbst in Ruhstand setzen könnte
Mit einer Nadel bloß? Wer trüge Lasten
Und stöhnt' und schwitzte unter Lebensmüh?
Nur daß die Furcht vor etwas nach dem Tod,
Das unentdeckte Land, von des Bezirk
Kein Wandrer wiederkehrt, den Willen irrt,
Daß wir die Übel, die wir haben, lieber
Ertragen als zu unbekannten fliehn.
So macht Bewußtsein Feige aus uns allen;
Der angebornen Farbe der Entschließung
Wird des Gedankens Blässe angekränkelt;
Und Unternehmen, hochgezielt und wertvoll,
Durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt,
Verlieren so der Handlung Namen. - Still!
Die reizende Ophelia! - Nymphe, schließ
In dein Gebet all meine Sünden ein!

Das passiert gerade:

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Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 17/2016
Macht, Mord und Moral - Die erstaunlich aktuelle Welt des William Shakespeare

Hamlet wähnt sich allein irgendwo im Schloss des dänischen Königshauses. Wann immer also dieser berühmte Monolog aufgesagt wird und der Hamlet einen Totenschädel in der Hand hält, ist das nur ein Vergänglichkeitssymbol - und nicht aus einem offenen Grab geklaut. Kurzum, Hamlets machthungriger Onkel Claudius hat seinen Bruder, den König, ermordet und dann die Witwe geheiratet. Ganz schön viel für einen jungen Mann.

Was soll uns das heute sagen?

Mal abgesehen davon, dass das Szenario verdammt nach "House of Cards" oder CDU/CSU-Ränkespielen klingt: Hamlet wird gerne als unentschlossener Jüngling dargestellt, der trauert und nicht ganz bei sich ist. Viel deutlicher wird das alles aber, wenn man das Ganze mal aus medizinischer Perspektive anschaut: Das ganze Stück ist eine endlose Liste mit Depressions-Symptomen. Das Loch, in dem Hamlet saß, war so tief, dass er heute sicher mit Psychopharmaka zugeballert werden würde.

Wo man es zitieren kann:

Über Menschen mit Depressionen Witze zu machen, ist kaum möglich. Aber wenn Sie merken, dass diese Passage ihre Gedanken spiegelt, rufen Sie hier an .

Nachlesen:

Akt 3, Szene 1
Deutsch: http://gutenberg.spiegel.de/buch/-5600/4
Original: http://shakespeare.mit.edu/hamlet/hamlet.3.1.html


"Hamlet", die Zweite

Szene aus der "Hamlet"-Version von Laurence Olivier aus dem Jahre 1948
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Szene aus der "Hamlet"-Version von Laurence Olivier aus dem Jahre 1948

Hamlet:

O Heer des Himmels! Erde! -
Was noch sonst? Nenn ich die Hölle mit?
O pfui! Halt, halt, mein Herz!
Ihr meine Sehnen, altert nicht sogleich,
Tragt fest mich aufrecht! Dein gedenken?
Ja, Du armer Geist, solang Gedächtnis haust
In dem zerstörten Ball hier. Dein gedenken?
Ja, von der Tafel der Erinnrung will ich
Weglöschen alle törichten Geschichten,
Aus Büchern alle Sprüche, alle Bilder,
Die Spuren des Vergangnen, welche da
Die Jugend einschrieb und Beobachtung;
Und dein Gebot soll leben ganz allein
Im Buche meines Hirnes, unvermischt
Mit minder würdgen Dingen.

Das passiert gerade:

Hamlet, der gute Prinz von Dänemark, unterhält sich mit einem Geist. Dem Geist seines Vaters. Vulgo: Er erinnert sich an seinen Vater. Und will sichergehen, wie alle, die um jemanden trauern, dass diese Kopfbilder nicht verblassen. Die ganze Sache mit der "Tafel der Erinnrung", "weglöschen", "einschreiben" ist wörtlich zu nehmen: In der Antike ritzte man Notizen in mit Wachs überzogene Tontafeln, dann kam die nächste Schicht Wachs drüber, voilà, tabula rasa. Der Schlaumeier-Verweis: Platon lässt Sokrates und Theaitetos über diese Tontafeln reden, um zu erklären, wie das Gedächtnis funktioniert ( hier ).

Was soll uns das heute sagen?

Es ist nach wie vor die perfekte Beschreibung, wie Gedächtnis und Erinnerung funktionieren "in this distracted globe" namens Hirn: Momente werden gespeichert als Spuren der Vergangenheit. Und wir sortieren nach Priorität, was wichtig ist und was nicht, verdrängen "törichte Geschichten" und Belastendes, erinnern uns leichter ans Schöne.

Wo man es zitieren kann:

Letztes Spiel der Bundesliga-Saison beim Kellerduell - in der Fankurve des Gewinners. Oder immer wenn man nach den Nachrichten feststellt: So schlecht geht's mir wirklich nicht.

Nachlesen:

Akt 1, Szene 5
Deutsch: http://gutenberg.spiegel.de/buch/-5597/2
Original: http://shakespeare.mit.edu/hamlet/hamlet.1.5.html


"Der Sturm"

Science-Fiction-Film "Alarm im Weltall" (1956), der Motive aus Shakespeares "Sturm" aufnahm
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Science-Fiction-Film "Alarm im Weltall" (1956), der Motive aus Shakespeares "Sturm" aufnahm

Prospero:

"Was dieses Geschöpf der Finsterniß betrift/
so muß ich bekennen, daß es mir zugehört."

Das passiert gerade:

Das Ganze hat ein Robinson Crusoe-Setting: Prospero ist samt Tochter vor Jahren auf irgendeiner Insel gestrandet und hat den eigentlichen Herrscher der Insel, Caliban, zu seinem Sklaven gemacht. Weil: Das macht man ja so, wenn man als Kolonialherr irgendwo einmarschiert. Am Ende segeln alle zurück gen Mailand.

Was soll uns das heute sagen?

Es ist ein klassischer Fall, der zeigt, wie stark sich die Perspektive auf ein Stück ändert, wenn sich der gesellschaftliche Kontext wandelt. "Der Sturm", heute, kann eigentlich nur noch als Abbild eines Kolonialdramas gelesen werden - Caliban als "noblen Wilden" (Shakespeare hat Montaigne gelesen), als Monster gar (Caliban ist ein Anagramm von Kannibale), zu inszenieren, ist vorgestrig. Im Original sagt Prospero: "This thing of darkness I / acknowledge mine" - Hautfarbe und Sklave, das gehört hier zusammen. Das war nicht nur zu Kolonialzeiten so: Alltagsrassismus ist nichts anderes.

Wo man es zitieren kann:

Wenn man das mit der Finsternis weglässt, klingt es wie: Wir gehören zusammen. Dann gerne in jeder Flüchtlingsunterkunft aufsagen. Oder in Idomeni oder wo auch immer gerade diejenigen stranden, die (auch) wegen der Langzeitfolgen kolonialer Ausbeutung aus ihrer Heimat fliehen.

Nachlesen:

Akt 5, Szene 1
Deutsch: http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-sturm-oder-die-bezauberte-insel-2163/24 Original: http://shakespeare.mit.edu/tempest/tempest.5.1.html


"Romeo und Julia"

Leonardo DiCaprio und Claire Danes in Baz Luhrmanns "Romeo und Julia"
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Leonardo DiCaprio und Claire Danes in Baz Luhrmanns "Romeo und Julia"

Julia:

Was ist ein Name? Was uns Rose heißt,
Wie es auch hieße, würde lieblich duften;
So Romeo, wenn er auch anders hieße,
Er würde doch den köstlichen Gehalt
Bewahren, welcher sein ist ohne Titel.
O Romeo, leg deinen Namen ab,
Und für den Namen, der dein Selbst nicht ist,
Nimm meines ganz!

Romeo:

[ indem er näher hinzutritt.] Ich nehme dich beim Wort.
Nenn Liebster mich, so bin ich neu getauft
Und will hinfort nicht Romeo mehr sein.

Das passiert gerade:

Ja, genau, richtig geraten: Es ist die Balkonszene im Hof der Capulets. Julia oben am Fenster, Romeo unten im Gebüsch. Kennt man. (Fun fact: In Shakespeares Text taucht das Wort Balkon nicht einmal auf. Nicht mal in der Regieanweisung. Angeblich gab es das italienische "balcone" zu seinen Zeiten noch gar nicht. Wieso dann alle zu diesem Balkon in Verona pilgern? Gute Frage.)

Was soll uns das heute sagen?

Wir leben in einer Ära permanenter Selbsterfindung. Instagram, Twitter, all das ist reines Eigenmarketing. Ein Name? Pff, ist Image-Sache. Und schlimmstenfalls mit Vorurteilen behaftet. Als Romeo Montague hätte man heute auch schlechte Chancen ( ). Dieser Dialog ist ein Fest für Semiotik-Freunde: Mit welchem Zeichen man etwas bezeichnet, ist letztlich Willkür.

Wo man es zitieren kann:

Sie wollen an irgendeinem Türsteher vorbei und beharren darauf, auf der Gästeliste zu stehen? Bitte jetzt deklamieren: "Was ist ein Name? Was uns Rose heißt / Wie es auch hieße, würde lieblich duften." Gern geschehen.

Nachlesen:
Akt 2, Szene 2
Deutsch: http://gutenberg.spiegel.de/buch/romeo-und-julia-2188/1 Original: http://shakespeare.mit.edu/romeo_juliet/romeo_juliet.2.2.html


"Sonett 18"

Sänger Bryan Ferry - er vertonte Shakespeares "Sonnet 18" zu Ehren von Prinzessin Diana
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Sänger Bryan Ferry - er vertonte Shakespeares "Sonnet 18" zu Ehren von Prinzessin Diana

Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?
Er ist wie du so lieblich nicht und lind;
Nach kurzer Dauer muß sein Glanz verbleichen,
Und selbst in Maienknospen tobt der Wind.
Oft blickt zu heiß des Himmels Auge nieder,
Oft ist verdunkelt seine goldne Bahn,
Denn alle Schönheit blüht und schwindet wieder,
Ist wechselndem Geschicke untertan.
Dein ew'ger Sommer doch soll nie verrinnen,
Nie fliehn die Schönheit, die dir eigen ist,
Nie kann der Tod Macht über dich gewinnen,
Wenn du in meinem Lied unsterblich bist!
Solange Menschen atmen, Augen sehn,
Lebt mein Gesang und schützt dich vor Vergehn!

Das passiert gerade:

Seine Zeilen sind unsterblich: Shakespeare erklärt sehr breitbeinig, dass er so gut ist. Muss man auch erstmal machen. Und ok, er hat recht behalten.

Was soll uns das heute sagen?

Wenn heute ein Typ daherkommt und diese unfassbar rhetorische Frage stellt: "Soll ich Dich einem Sommertag vergleichen?", um sofort zu erklären, wie vergänglich das Wetter ist, und schau, da drüben wird's wieder dunkel, und überhaupt, ich dichte so super, das hält länger als Deine jugendliche Frische, und bist Du wirklich erst 35?, da kann es nur eine Replik geben: Geht's noch?

Wo man es zitieren kann:

Bei jedem x-beliebigen Date via Tinder oder OKCupid.

Nachlesen:
Deutsch: http://gutenberg.spiegel.de/buch/sonette-2186/18
Original: https://en.wikipedia.org/wiki/Sonnet_18


"Sommernachtstraum", die Erste

Kevin Kline und Michelle Pfeiffer in "Sommernachtstraum" von 1999
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Kevin Kline und Michelle Pfeiffer in "Sommernachtstraum" von 1999

Pyramus :

O Nacht, so schwarz von Farb, o grimmerfüllte Nacht! O Nacht, die immer ist, sobald der Tag vorbei. O Nacht! O Nacht! O Nacht! ach! ach! ach! Himmel! ach!

Thisbe :

O Wand, du hast schon oft gehört das Seufzen mein, Mein'n schönsten Pyramus weil du so trennst von mir; Mein roter Mund hat oft geküsset deine Stein', Dein' Stein', mit Lehm und Haar geküttet auf in dir.

Pyramus :

Ein' Stimm ich sehen tu; ich will zur Spalt und schauen, Ob ich nicht hören kann meiner Thisbe Antlitz klar. Thisbe!

Das passiert gerade:

Es ist ein Stück im Stück. Die Schauspieler tragen für Theseus und Hypolita (Herzog von Athen samt Braut) zum Abend-Entertainment Ovids Liebesgeschichte von Pyramus und Thisbe (Wie, watt? Hier: ) vor. Und ja, die Wand hat einen eigenen Darsteller. Theseus hat zuvor die Liste mit Vorschlägen angeschaut als wäre er auf Netflix, wiederholter Kommentar: Och nö, das nicht, was gibt's noch? Wem der Dialog bekannt vorkommt: Shakespeare hat den "Sommernachtstraum" und "Romeo und Julia" etwa zur gleichen Zeit geschrieben.

Was soll uns das heute sagen?

Niemand ist souveräner als Künstler, die sich über sich selbst lustig machen können. Was heute Kitsch ist, war damals schon Kitsch, und Shakespeare wusste das. Eine bessere Parodie auf das liebesseufzertriefende "Romeo und Julia" gibt es bis heute nicht.

Wo man es zitieren kann:

Im Kino, bitte. Mitten in der klischeehaftesten Kitschszene der nächsten romantischen Komödie. Katharsis und so, hilft. Ach, und: Wieso sind Sie da noch mal gelandet?

Nachlesen: Akt 5, Szene 1
Deutsch: http://gutenberg.spiegel.de/buch/ein-sommernachtstraum-2169/10
Original:

http://shakespeare.mit.edu/midsummer/index.html


"Sommernachtstraum", die Zweite

Shakespeare-Verfilmung von Max Reinhardt und William Dieterle aus 1935
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Shakespeare-Verfilmung von Max Reinhardt und William Dieterle aus 1935

Puck:

Wenn wir Schatten euch beleidigt,
O so glaubt - und wohl verteidigt
Sind wir dann -: ihr alle schier
Habet nur geschlummert hier
Und geschaut in Nachtgesichten
Eures eignen Hirnes Dichten.
Wollt ihr diesen Kindertand,
Der wie leere Träume schwand,
Liebe Herrn, nicht gar verschmähn,
Sollt ihr bald was Beßres sehn.
Wenn wir bösem Schlangenzischen
Unverdienterweis entwischen,
So verheißt auf Ehre Droll
Bald euch unsres Dankes Zoll;
Ist ein Schelm zu heißen willig,
Wenn dies nicht geschieht, wie billig.
Nun gute Nacht! Das Spiel zu enden,
Begrüßt uns mit gewognen Händen!

Das passiert gerade:

Das ist die Schlussszene, ein Monolog von Puck, dem Troll. Danach: Vorhang. Direkt vorausgegangen: das kleine Theaterstück über Pyramus und Thisbe, das Theseus und Hypolita, der Herzog von Athen und seine Fast-Vermählte, gesehen haben. Indem Puck das Publikum adressiert, reißt er die (jaja, unsichtbare) "Vierte Wand" zwischen Zuschauern und Schauspielern ein, Motto: Hallo, war alles nur Fake. Was auf der Bühne passiert, sind nur "Schatten", also ein Abbild der Realität (Schlaumeier-Hinweis: Platons Höhlengleichnis ). Schön auch: die Bitte um Applaus.

Was soll uns das heute sagen?

Diese selbstreferentielle Spielerei, auf die Gemachtheit eines Kunstwerks hinzuweisen, um die Grenzen zwischen Original und Kopie, Realität und Fiktion zu verwischen, ist Popkultur pur. Dieser Meta-Meta-Tatort "Wer bin ich?" mit Ulrich Tukur nach Weihnachten? Eins-zu-eins genau die gleiche Chose.

Wo man es zitieren kann:

Bei der nächsten Konferenz im Büro. Ach kommt, ist doch eine einzige Show hier, wir wissen es alle.

Nachlesen:
Akt 5, Szene 1
Deutsch: http://gutenberg.spiegel.de/buch/ein-sommernachtstraum-2169/10
Original: http://shakespeare.mit.edu/midsummer/index.html


"König Lear"

"King Lear"-Verfilmung von Jean-Luc Godard (1987)
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"King Lear"-Verfilmung von Jean-Luc Godard (1987)

König Lear:

Blast, Wind', und sprengt die Backen! Wütet, Blast! -
Ihr Katarakt' und Wolkenbrüche, speit,
Bis ihr die Türm' ersäuft, die Hähn' ertränkt!
Ihr schweflichten, gedankenschnellen Blitze,
Vortrab dem Donnerkeil, der Eichen spaltet,
Versengt mein weißes Haupt! Du Donner schmetternd,
Schlag' flach das mächt'ge Rund der Welt; zerbrich
Die Formen der Natur, vernicht' auf eins
Den Schöpfungskeim des undankbaren Menschen!
Rassle nach Herzenslust! Spei', Feuer! Flute, Regen!
Nicht Regen, Wind, Blitz, Donner sind meine Töchter:
Euch schelt' ich grausam nicht, ihr Elemente:
Euch gab ich Kronen nicht, nannt' euch nicht Kinder,
Euch bindet kein Gehorsam; darum büßt
Die grause Lust: Hier steh' ich, euer Sklav',
Ein alter Mann, arm, elend, siech, verachtet:
Und dennoch knecht'sche Helfer nenn' ich euch,
Die ihr im Bund mit zwei verruchten Töchtern
Türmt eure hohen Schlachtreih'n auf ein Haupt
So alt und weiß als dies. Oh, oh, 's ist schändlich! -

Das passiert gerade:

König Lear von Britannien schnappt frische Luft, unterwegs in der Heide. Er will in Rente gehen, sein Reich unter seinen drei Töchtern aufteilen, weiß nur nicht, wie. Er tüftelt einen Plan aus, um ihre Loyalität zu testen. Blöd: Es stellt sich raus, dass er sich auf seine Brut nicht verlassen kann. Lears Gemütszustand: sauer. Das passende Hintergrundgeräusch immerzu: Sturm.

Was soll uns das heute sagen?

Lear sei altersdement, klapprig, senil - das ist die gängige Lesart. Seine Töchter und Co. behandeln ihn jedenfalls so. Dass Menschen im Rentenalter oft behandelt werden als seien sie nicht ganz dicht oder jedenfalls kein relevanter Teil unserer Gesellschaft, ist so normal, dass es einen Fachbegriff dafür gibt: "Ageism", Diskriminierung des Alters wegen. Ein Wunder, dass nicht mehr ausrasten und spuckend Zeter und Mordio schreien wie Lear.

Wo man es zitieren kann:

Altersabhängig. Denkbare Szenarien: Nerviger Kindergeburtstag. Oder bei der nächsten Rentendebatte im Bundestag.

Nachlesen:
Akt 3, Szene 2
Deutsch: http://gutenberg.spiegel.de/buch/das-leben-und-der-tod-des-konigs-lear-2162/30

Original: http://shakespeare.mit.edu/lear/index.html


"Macbeth"

Marion Cotillard als Lady Macbeth in der Verfilmung von 2015
ddp images/ INTERTOPICS/ LMKMEDIA

Marion Cotillard als Lady Macbeth in der Verfilmung von 2015

Lady Macbeth:

Selbst der Rabe,
Der Duncans schicksalsvollen Eingang krächzt
Unter mein Dach, ist heiser. - Kommt, ihr Geister,
Die ihr auf Mordgedanken lauscht, entweiht mich,
Füllt mich vom Wirbel bis zur Zeh, randvoll,
Mit wilder Grausamkeit! Verdickt mein Blut,
Sperrt jeden Weg und Eingang dem Erbarmen,
Daß kein anklopfend Mahnen der Natur
Den grimmen Vorsatz lähmt, noch friedlich hemmt
Vom Mord die Hand! Kommt an die Weibesbrust,
Trinkt Galle statt der Milch, ihr Morddämonen,
Wo ihr auch harrt in unsichtbarem Wesen
Auf Unheil der Natur! Komm, schwarze Nacht,
Umwölk dich mit dem dicksten Dampf der Hölle,
Daß nicht mein scharfes Messer sieht die Wunde,
Die es geschlagen, noch der Himmel,
Durchschauend aus des Dunkels Vorhang, rufe:
Halt, halt! -

Das passiert gerade:

Macbeth macht nicht das, was seine Frau ihm gesagt hat, verdammt. Dann muss sie eben selbst zur Tat schreiten, um an die Spitze zu kommen und König Duncan abzulösen.

Was soll uns das heute sagen?

Vergessen wir mal die Sache mit dem Mord: Lady Macbeths gesamte Attitüde entspricht einem #aufschrei nach Gleichberechtigung. Im Original heißt es "unsex me", was im Deutschen mit "entweiht mich", naja, eher liederlich übersetzt wurde. Mann, Frau, diese Kategorien sollte für die Karriere einfach keine Rolle spielen. Die Raben krächzen deswegen schon so lange, dass sie heiser sind.

Wo man es zitieren kann:

Bei der nächsten Gehaltsverhandlung. Sonst: In diesem Café in Berlin-Mitte, das stillende Mütter des Hauses verweist. Gerne mit folgendem Nachsatz, auch von Lady Macbeth:

"Ich hab gesäugt und weiß,
Süß ists, das Kind zu lieben, das ich tränke;
Ich hätt, indem es mir entgegenlächelt',
Die Brust gerissen aus den weichen Kiefern
Und ihm den Kopf geschmettert an die Wand,
Hätt ichs geschworen, wie du dieses schwurst."

Nachlesen:

Akt 1, Szene 5

Deutsch: http://gutenberg.spiegel.de/buch/macbeth-2182/1

Original: http://shakespeare.mit.edu/macbeth/macbeth.1.5.html


"Ende gut, alles gut"

Shakespeare-Aufführung im Globe Theatre in London
ddp images/ CAMERA PRESS/ Nigel Norrington

Shakespeare-Aufführung im Globe Theatre in London

Nun warten tausend Liebsten deines Herrn,
Eine Mutter, eine Freundin, eine Braut,
Ein Phönix, eine Feindin und Monarchin,
Göttin und Führerin und Königin, Ratgeberin, Verräterin und Liebchen,
Demütiger Ehrgeiz und ehrgeizige Demut,
Harmonische Dissonanz, verstimmter Einklang,
Und Treu, und süsser Unstern: und so nennt er
'ne Unzahl artiger, holder Liebeskinder,
Die Amor aus der Taufe hebt ... Nun wird er ...
Ich weiss nicht was er wird ... Gott send ihm Heil.

Das passiert gerade:

Geplänkel zwischen Helena, der Herzogin von Roussillon, und Parolles. Sie hat eigentlich ihr Auge auf einen anderen geworfen, aber hey, Parolles fängt an, sich mit ihr über ihre vermeintliche Jungfräulichkeit zu unterhalten, also, gut: Sex-Talk. Zum besseren Verständnis: Die entscheidenden zwei Zeilen sind in der deutschen Fassung inexistent. Nachdem Parolles vollmundig erklärt hat, dass sexuelle Unerfahrenheit nicht doller wird mit der Zeit, fragt er sehr direkt: "Will you anything with it?", also: "Wie sieht's aus?". Darauf Helena prompt: "Not my virginity yet - /", also grob: "Schaumermal". Dann folgt die obige Passage.

Was soll uns das heute sagen?

Es ist ein Monolog wie ein ausgetreckter Mittelfinger. Es gibt sogar ein Verb für das, was Parolles macht. Sprich: Wenn Männer Frauen erklären wollen, wie sie zu sein haben, was richtig und was falsch ist, sie auf ein Stereotyp festnageln wollen (Mutter/Freundin/Braut/Ratgeberin), nennt man das heute "Mansplaining". Schon so lange vorgestrig wie Shakespeare tot ist.

Wo man es zitieren kann:

Bar. Wenn er sagt: "Na, Schnecke?".

Nachlesen:

Akt 1, Szene 1

Deutsch: http://gutenberg.spiegel.de/buch/ende-gut-alles-gut-7714/3

Original: http://shakespeare.mit.edu/allswell/allswell.1.1.html



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
dieter 4711 23.04.2016
1. Wir sind alle nur Menschen
Dsss wir alle nur Menschen sind.
AxelSchudak 23.04.2016
2. 10 Texte...
Keine "Band of Brothers"? Zu martialisch? In vermute mal, in jeder anderen Auflistung wäre diese Szene enthalten gewesen. Aber egal. Shakespear hat genug für jeden Geschmack geschrieben. Gedenken wir also des grossen Schriftstellers, der vor 400 Jahren gestorben ist: Cervantes.
hanfbauer2 23.04.2016
3. Text und Bebilderung passen nicht...
Hey SPON, ihr fangt euren Artikel mit "Sein oder Nichtsein..." an und drüber prangt das Foto mit dem Totenkopf. Ein Blick in die deutsche Wikipedia hätte genügt, dort steht nämlich: Sehr häufig wird der Monolog fälschlich mit der Friedhofszene (5. Akt, 1. Szene) in Verbindung gebracht, in der Hamlet den Totenschädel des früheren Hofnarrs Yorick in der Hand hält und einen weniger bekannten Monolog deklamiert ("Ach, armer Yorick! Ich kannt ihn, Horatio...").
Willi Wacker 23.04.2016
4. Ach wie schön!
so etwas im Spon. Ein glänzende Stecknadel im Haufen Stroh.
amidelis 24.04.2016
5. abscheulich
was Sie aus den Werken von Shakespeare machen - das ist widerlich. Was uns Deutschen der Goethe ist, in allen seinen Facetten, Tiefgängen und seiner umfassenden Macht, das ist dem Angelsachsen der Shakespeare - und Sie reduzieren das auf intellektuelles Fastfood. Man mag es gar nicht zu Ende lesen - das ist derart schwachsinnig, infantil und postpubertär, was Sie da hinterlassen - kurzum - ein Enddarmprodukt! Wäre ich Brite, würde ich für den Brexit stimmen, nur um solche Dummköpfe wie den Autor dieses Artikels loszuwerden.
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