"Winterbergs letzte Reise" Derangiert durch Knödelmitteleuropa

Scheinbar ziel- und zwecklos reisen ein eigensinniger Greis und sein genervter Pfleger durch halb Europa. Furios erzählt Jaroslav Rudis von dieser Reise in die Vergangenheit und erzählt damit viel über die Gegenwart.

Schlacht bei Königgrätz 1866 zwischen Preußen und Österreich
imago/ United Archives

Schlacht bei Königgrätz 1866 zwischen Preußen und Österreich

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1913 erschien zum letzten Mal im Karl Baedeker Verlag ein Reiseführer für Österreich-Ungarn. Bald darauf war die Habsburgermonarchie Geschichte, doch Wenzel Winterberg verlässt sich noch heute auf das rote Buch. "1913 war die Welt noch in Ordnung", sagt er. Auf den Einwand, gleich danach sei doch der Krieg ausgebrochen, antwortet er: "Genau. Das weiß ich natürlich auch. Aber man kann glauben, dass sie in Ordnung war."

"Winterbergs letzte Reise" ist ein Roman von Jaroslav Rudis über den Hundertjährigen, der in den Zug stieg, um nach seiner Vergangenheit zu suchen - vor allem im einstigen Österreich-Ungarn: in seiner Geburtsstadt Reichenberg (dem heutigen Liberec), auf dem Schlachtfeld bei Königgrätz (Hradec Králové), auf dem Wiener Zentralfriedhof, bis nach Sarajevo. Stets an seiner Seite ist Jan Kraus, der Altenpfleger, der bei Winterberg nach drei Schlaganfällen in Folge eigentlich die Sterbebegleitung übernehmen sollte - und nun der Reisebegleiter ist.

Stellvertretend für die Leser lässt dieser Herr Kraus die ausführlichen Zitate aus dem Baedeker über sich ergehen, die Winterberg mit persönlichen Erinnerungen und familiengeschichtlichen Erkenntnissen mischt, was zusehends zu "historischen Anfällen" führt: Winterberg zittert und ist nicht mehr zu unterbrechen, er steigert sich in fast Thomas-Bernhard-artige Suaden hinein, die erst durch schlagartiges Einschlafen enden - den Kopf auf dem Baedeker gebettet.

Jaroslav Rudis, der tschechische Autor, der hier erstmals einen im Original auf Deutsch geschriebenen Roman veröffentlicht, arbeitet in diesen Reden furios mit Wiederholungen, mit wiederkehrenden Phrasen - von der "Feuerhalle", die Winterbergs Vater einst betrieb, von all den Toten, die "keine schöne Leichen" waren, von der "beautiful landscape of battlefields, cemeteries and ruins", als die ein Engländer ihm einst Mitteleuropa beschrieben hatte.

Autor Rudis
Peter von Felbert

Autor Rudis

Dieses Mitteleuropa, in dem nicht einmal Knödel oder Schnitzel die Menschen zusammenhalten konnten, es hinterlässt den einstigen Straßenbahnfahrer ganz "derangiert" - die Anspielung an Rangieren ist gewollt. Denn mit Geschichte und Eisenbahn meint es Winterberg ernst, er beschreibt ein detailreiches, aber düsteres Bild von einem Mitteleuropa, das in seiner Historie ebenso gefangen ist wie er selbst seiner persönlichen Geschichte nicht entkommen kann.

Geschickt setzt Rudis den Altenpfleger als Gegenüber ein: Anfangs sorgt Jan Kraus, genervt von Winterbergs Reden, hauptsächlich für Comic Relief. Er ist Tscheche, er trinkt gern Bier, er hat Humor - mit diesen Klischee wird hier gern gespielt. Doch bald wird auch der "liebe Herr Kraus" hineingezogen ins Gestrüpp der Geschichte, er hat seine eigenen Geheimnisse, denen er ungewollt näher kommt.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:23 Uhr
Ohne Gewähr

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Jaroslav Rudiš
Winterbergs letzte Reise: Roman

Verlag:
Luchterhand Literaturverlag
Seiten:
544
Preis:
EUR 24,00

Es passiert nicht übertrieben viel auf dieser Reise, doch weil Ziel und Zweck immer ein wenig unklar bleiben, bleibt auch eine gewisse Spannung erhalten. Wer Rudis' "Alois Nebel"-Comics (zusammen mit dem Zeichner Jaromir 99) kennt, dem ist das Eisenbahnermilieu vertraut, mit dem Winterberg sympathisiert. Wer Rudis Tote-Hosen-Roman "Vom Ende des Punk in Helsinki" kennt, schätzt seinen Umgang mit realen Ereignissen. Doch selbst wer nie etwas von dem 46-Jährigen gelesen hat, wird seinen beiden Reisenden folgen wollen, so unerträglich sie manchmal sind.

"Wir sterben ganz allein und unsere Geschichten sterben mit uns", lässt er Winterberg sagen, "denn heute ist hier niemand, der sich für unsere Geschichten interessiert, niemand, der historisch durchschaut und durchschauen möchte, da kann man sich nicht wundern, was gerade passiert." In diesem Buch stehen die Geschichten im Überfluss - lesen wir sie, verstehen wir vielleicht europäische Spaltungstendenzen besser, denn das ist ja, was gerade passiert.



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