Shakespeare-Drama in indischen Clans Der Systemwechsel endet blutig

Generationenwechsel können brutal sein: in Familien, Firmen, der Gesellschaft. Preti Taneja erzählt in "Wir, die wir jung sind" von einem solchen Machtkampf - Shakespeares "König Lear" als feministischer Roman.

Autorin Preti Taneja
Louise Haywood Scheifer

Autorin Preti Taneja

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"Lasst uns über das reden, was wir fühlen. Nicht über das, was wir sollen. Wir, die wir jung sind." Sätze, die etwas zu Ende bringen, auf dass etwas Neues beginnt. Es ist der Lackmustest aller Familien: Generationenwechsel.

Klingt gut, kann entsetzlich schiefgehen. Hier nun führen die Sätze zur Katastrophe. Der, der sie sagt, hat gerade aus Gier zwei Familien zerstört, darunter seine eigene: Drei Schwestern sind tot, ihr Vater auch, das Blut noch an den Wänden.

Für alle, denen die Sätze bekannt vorkommen: Stimmt, Shakespeare, "König Lear", letzter Akt, letzter Aufzug, letzte Verse des ruchlosen Edgar, dem Sohn des Grafen von Gloucester (für Schlaumeier: Ja, es gibt auch eine frühere Fassung des Stücks von 1603, in der der Herzog von Albany die letzten Sätze spricht - Taneja hat ihre dramatis personae allerdings an die 1623er-Version angelehnt).

Genau dieses existentielle Drama mitsamt passendem Ensemble erzählt die junge britische Autorin und Shakespeare-Forscherin Preti Taneja in ihrem Debütroman neu - entlang eines Familienimperiums im Delhi von heute. Sie beweist mit ihrem preisgekrönten "Wir, die wir jung sind", wie universell das Prinzip Generationenrevolte ist, egal ob im England Elisabethanischer Zeit oder im Indien des 21. Jahrhunderts.

Und nein, man muss keine Ahnung von Shakespeare haben, um Tanejas Epos zu verfallen, ihrer Geschichte über Superreichtum dank neokolonialer Ausbeutung - und über Frauenhass, bei dem einem zwischendurch ganz schlecht wird.

Der verstoßene Sohn kehrt zurück

Der Anfang vom Ende beginnt auch bei ihr damit, dass einer zurückkehrt: Jivan, 28, Harvard-Absolvent - und unehelicher, verstoßener Sohn von Ranjit Uncle, dem Geschäftspartner des Imperiumspatriarchen Devraj. 15 Jahre war Jivan in den USA, und jener Dienstag im Sommer, als er auf der Farm bei Delhi auftaucht, dem Wohnsitz der zwei Clans, markiert den Beginn der Eskalation: Devraj geht in den Ruhestand und überlässt es seinen vier Kindern, ihre Rolle im Familienimperium zu finden.

Für seine ältesten Töchter Gargi und Rhada ist klar: Sie übernehmen die "Company" mit ihren Edelschals, Hotels und den nächsten großen Dingern (ausgerechnet ein Luxushotel im umkämpften Kashmir und ein Umweltauto). Sita, die Jüngste, Feministin und Umweltaktivistin, taucht dagegen nicht wie geplant zu ihrer Verlobungsfeier auf, sondern haut mit ihrem Freund ab, und auch Jeet, Halbbruder von Jivan und rechtmäßiger Sohn, verschwindet.

Der große Zauber dieses Buchs entsteht, weil Preti Taneja die Erlebnisse der fünf (Halb-)Geschwister ab jenem Tag nun separat aneinanderreiht, voll singender Dialoge, teils in Hindi.

Da ist Jivan, der zwischen den Welten hängt, das Erinnerte mit der Gegenwart abgleicht, sich seiner Rolle unsicher ist, Außenseiter und doch plötzlich Chef der Überwachungsabteilung. Da ist Gargi, die Mitte 20 entschied, nicht Mutter, sondern Geschäftsfrau werden zu wollen, nun nachts nackt schläft und sich die Haare abschneidet. Da ist Rhada, die beschließt, dass es egal ist, wenn sie ihren Langweilergatten gegen ihre große Liebe Jivan austauscht. Da ist Jeet, der seine Liebe zu einem Kashmiri verstecken muss und als asketischer Prophet in einen Slum zieht. Und da ist Sita, die am aufrechtesten für ihre Freiheit und ihre Überzeugungen kämpft - und nicht merkt, dass sie von dem Deal, den sie mit ihrem Vater und seinen Leuten dafür schließt, null hat.

Es geht um die Macht

Sie alle wollen so sehr von ihren Vätern anerkannt werden, ohne sich zu verleugnen, dass es fast albern wirkt. Das Großartige: Ihr Sehnen, ihre Sorgen, ihre Deals machen sie nahbar - aber sie widersprechen sich. Sie definieren ihre eigenen Geschichten. Um, gemäß Edgars Schlussversen, das Geerbte selbst zu formen. Und zu begreifen, dass Historie nicht linear ist, sondern zirkulär, sich überlappend verläuft.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:22 Uhr
Ohne Gewähr

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Preti Taneja
Wir, die wir jung sind: Roman

Verlag:
C.H.Beck
Seiten:
629
Preis:
EUR 26,00
Übersetzt von:
Claudia Wenner

Auch Taneja selbst folgt diesem Prinzip: Indem sie Shakespeare überschreibt, ihn, der ewig Gültiges in Verse verpackte, die von England aus ins Empire und darüber hinaus exportiert wurden. Ein konsequenter Akt, wie sie sein Generationendrama nun von der Heimat ihrer Vorfahren aus neu auflädt und zurückspielt. (Dass das deutsche Cover das Holi Festival zitiert, das gar nicht auftaucht, macht daher echt sauer: Indien, das Land, in dem sie sich mit Farbe bewerfen - ignoranter geht es kaum.)

In ihrer Version nehmen sich die drei Schwestern, was ihnen zusteht. Bis der Familienmogul diesen Systemwechsel nicht mehr erträgt und schließlich auf einer Kampagne durchs Land Hunderttausende versammelt mit der Botschaft: Die Frauen, eure Töchter, sind das Böse! Rottet sie aus! Es ist das sogenannte letzte Aufbäumen des Patriarchats in seiner vollen Kraft. "Es geht nicht um Land, es geht um Geld", lautet Jivans Mantra - es trifft dann doch alle, egal, ob Familie oder nicht.



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