Jonathan Safran Foer Ohne erhobenen Zeigefinger

Jonathan Safran Foer hat ein literarisches Sachbuch zur Klimarettung geschrieben - und gibt Tipps, die jeder umsetzen kann. Er sagt: Um die Erde noch zu retten, brauchen wir weniger Selbstdarstellung - und mehr Teilzeit-Veganer.

Jonathan Safran Foer: Manchmal tut es gut, Burger zu essen
Rosdiana Ciaravolo/ Getty Images

Jonathan Safran Foer: Manchmal tut es gut, Burger zu essen

Von Jana Felgenhauer


Als die Großmutter des Literaturstars Jonathan Safran Foer aus ihrem polnischen Dorf vor den Nazis floh, tat sie das, weil sie das Gefühl hatte, "etwas tun zu müssen". Auch die anderen sahen die Gefahr, doch keiner ging mit ihr. Die Großmutter überlebte als Einzige, alle anderen Familienmitglieder wurden ermordet.

Dies ist eine von zwei historischen Begebenheiten, auf die Foer in seinem neuen Sachbuch über die Klimakrise immer wieder zurückkommt. Die zweite ist die des polnischen Geheimagenten und Untergrundkämpfers Jan Karski, der 1943 eine beschwerliche Reise in die USA auf sich nahm, um unter anderem mit Franklin D. Roosevelt und dem Richter des Obersten Gerichtshofes, Felix Frankfurter, zu sprechen.

Karski berichtete vom Warschauer Ghetto und dem Vernichtungslager Belzec und hoffte, sie würden etwas tun gegen den Horror, den er mit eigenen Augen gesehen hatte. Frankfurter, selbst Jude, sagte: "Ich sage nicht, dass er lügt, aber ich glaube ihm nicht. Mein Verstand und mein Herz sind so gemacht, dass ich das nicht akzeptieren kann". Er wusste nun von den Tatsachen, wollte aber nicht glauben - und handelte nicht.

Selfiesticks und Pollenstäbe

Auf beide historischen Ereignisse bezieht sich Foer im Laufe des Buches immer wieder, um zu verdeutlichen, wie Menschen die Augen vor dem verschließen, was sie nicht wahrhaben wollen. Einen drastischen Vergleich wie diesen zu wagen, das Nichthandeln von Menschen während des Holocausts und das Nichtstun der Menschen in Sachen Klimawandel, darf wohl nur, wer, wie der Autor selbst, Angehörige während des Zweiten Weltkriegs verloren hat.

Viele Geschichten, die der Autor in seinem Buch erzählt, um einen Bogen zur Klimakrise zu schlagen, wirken zunächst weit hergeholt, entpuppen sich aber am Ende als kluge Gedanken eines Um-die-Ecke-Denkers. So seien Selfiesticks das perfekte Symbol für die Selbstdarstellung, die in unserer Welt vorherrscht, gleichzeitig auch verknüpft mit Klimaschutz: Weil zum Selfie halt auch die Fernreise nach Bali oder New York gehört ("Seht her, was ich tue"). Pollenstäbe wiederum, mit denen Menschen statt Bienen Blumen bestäuben, seien das Symbol für die Krise des Planeten ("Seht her, was passiert, wenn keiner etwas tut").

Preisabfragezeitpunkt:
11.09.2019, 09:44 Uhr
Ohne Gewähr

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Jonathan Safran Foer
Wir sind das Klima!: Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können

Verlag:
Kiepenheuer&Witsch
Seiten:
336
Preis:
EUR 22,00
Übersetzt von:
Stefanie Jacobs, Jan Schönherr

Worauf Foer konkret hinauswill, darauf kommt er erst nach etwa achtzig Seiten zu sprechen: die Auswirkungen industrieller Tierhaltung. Dazu hat er viele Fakten gesammelt, etwa, dass Amerikaner an Thanksgiving 46 Millionen Truthähne essen oder 70 Prozent der weltweit produzierten Antibiotika in Massentierhaltung verwendet werden.

Angesichts dieser Zahlen ist das, was der Autor seinen Lesern zur Welterhaltung vorschlägt, vergleichsweise simpel: Keine tierischen Produkte vor dem Abendbrot essen. Sich teilzeitvegan zu ernähren sei, so schreibt er, klimafreundlicher als eine komplett vegetarische Ernährung und spare pro Kopf jährlich 1,3 Tonnen C02.

Kein Weltretter-Sachbuch mit Fingerzeig

Trotz aktuellem Ökotrend: Man kann sich gut vorstellen, dass viele Bewohner reicher Industriestaaten auf diesen Vorschlag nicht mit Begeisterung reagieren werden. Weil ihnen das Wasser eben nicht bis zum Hals steht. Noch nicht. Vielleicht werden einige von ihnen aber "Wir sind das Klima" lesen, weil es unterhaltsam und lehrreich zugleich ist - eben kein Weltretter-Sachbuch mit Fingerzeig.

Vielleicht werden sie Jonathan Safran Foer sogar sympathisch finden, weil er sich selbst nicht als Vorzeige-Klimaretter verkauft. Er fliegt, er wohnt in einem großen Haus, ist Vater zweier Söhne. Weil er so authentisch wirkt (Lesen Sie hier ein Interview mit ihm) und sogar erzählt, dass auch ihm, dem Autor von "Tiere essen", einem leidenschaftlichen Plädoyer gegen Massentierhaltung, Fleischverzicht oft schwerfällt: Auf stressigen Lesereisen habe er etwa an Flughäfen ab und an Burger gegessen, einfach, weil es "gut tat".

Um die Erde noch zu retten oder zumindest das Allerschlimmste zu verhindern, müsse jeder Einzelne im Kleinen etwas verändern. Die wirksamsten Maßnahmen gegen den Klimawandel, so Foer, seien "pflanzliche Ernährung, der Verzicht auf Autos und Flugreisen und weniger Kinder bekommen". Das hieße eben auch: weniger Ego, Gewohnheiten bekämpfen. Das Gegenteil von einem Selfie sozusagen.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
ulijoergens 19.09.2019
1. Die Erde muss niemand retten...
... die wird weiter ihre Bahnen ziehen, mit oder ohne Menschen. Sogar ohne Turbolader. Ich habe keine Kinder, mir könnte es also egal sein. Ich bin eigentlich reif für die Midlife Crisis. Da kauft Mann sich normalerweise einen Porsche. Meine Gleichaltrigen Freunde mit Kindern tun genau das. Irgendwie komme ich mir blöd vor, wenn ich mich beim Reisen zurück halte und immer noch keine Lust auf einen Porsche habe. Vielleicht sollte ich doch einfach Spaß haben, wie meine Freunde, Nachbarn, Kollegen und auf die Sahne hauen, dass nach allen Seiten spritzt. Es sind ja nicht meine Kinder, die in 30 Jahren kein Trinkwasser mehr haben, weil die Dürre doch länger gedauert hat und den Rhein auch kein Wasser mehr runterfließt. Es werden auch nicht meine Kinder sein, die als Migranten nach Osten ziehen, weil es hier im Westen keine Lebensgrundlage mehr gibt, dann aber auf dem Weg von Schleusern ausgenommen werden und am Ende der Reise wieder zurückgeschickt werden, weil sie niemand aufnehmen möchte. Denn sie nehmen Arbeitsplätze weg. Auf der anderen Seite bin ich Optimist und glaube, dass wir es schon noch irgendwie meistern werden. Im Augenblick sehe ich aber absolut keine Anzeichen, dass meine Freunde, Nachbarn und Kollegen erkennen, dass es bei ihnen liegt, etwas zu ändern und auf einen (kleinen) Teil ihres Luxus zu verzichten. Es sei ne immer die anderen. Für die Autofahrer ist es die Industrie, die zuerst mal etwas tun muss. Für die Industrie ist der Hausbrand das Problem oder alternativ gerne auch die Chinesen. Für die Hausbesitzer sollte erstmal die Deutschen Industrie ihre Hausaufgaben machen. Einig sind sich alle nur in einem Punkt: die Politik muss etwas machen. Aber bitte, liebe Politiker, versteht: ich brauche das Auto beruflich, der Thailand-Urlaub ist wohlverdient denn ich arbeite schließlich härter als alle anderen. Ich kann mich wirklich nicht weiter einschränken. Und die anderen tun ja auch nichts. Die Erde wird weiter ihre Bahnen ziehen. Heute Dinosaurier, demnächst dann ohne Menschen. Es wird vermutlich friedlicher werden.
Sibylle1969 20.09.2019
2.
Meine persönliche Bilanz: Gut für das Klima ist: 1. Ich esse kein Fleisch. 2. Ich habe keine Kinder in die Welt gesetzt. 3. Ich lege meine Alltagswege fast nur mit dem Fahrrad und zu Fuß zurück. 4. Zu Kundenterminen fahre ich überwiegend mit dem Zug. 5. Mein Stromverbrauch ist niedriger als das, was die Stadtwerke als sehr sparsam ansehen. 6. Ich wohne in einer relativ kleinen Wohnung. Schlecht ist: 1. obwohl ich meinen Firmenwagen privat fast nur für Wochendendausflüge und Urlaubsreisen nutze (und natürlich für Kundentermine, die mit der Bahn schwierig wären), kommen da pro Jahr 15000 km zusammen. 2. ich bin in meinem Leben schon ziemlich oft geflogen. Überwiegend Geschäftsreisen, nur 8 private Flugreisen, aber rund 150 geschäftlich veranlasste. Die eine oder andere hätte man sicher mit dem Zug machen können, hier gaben jeweils Zeit- und Kostenerwägungen den Ausschlag. 3. Ich reise für mein Leben gerne und habe eine ganz große Sehnsucht danach, die Welt zu sehen. Nicht mehr zu fliegen, wäre nur in Europa möglich. Ich will aber nicht auf Europa beschränkt sein.
bommerlunder 20.09.2019
3. Weniger Kinder ist doch Quatsch
Wir bekommen so wenig Kinder in Europa, da dürften es ruhig noch etwas mehr sein. Es ist genug Platz und Nahrung da. Wir werden das Klima nicht retten, wenn wir uns Deutsche selbst abschaffen.
WayneInteressiert's 20.09.2019
4. ...aber unsere Kinder schon!
@ulijoergens: Vielen Dank für Ihren sehr guten (und m.E. zutreffenden) Kommentar. Ich finde den Gedanken beruhigend, dass auch andere Menschen dieses Thema ernst nehmen und gleichzeitig sachlich adressieren. Ich habe mir (nicht erst seit der Geburt meines Sohnes) vorgenommen, immer bei mir selbst anzufangen, wenn ich "die Welt verbessern" möchte. Dabei geht es mir nicht nur um die Umwelt, sondern auch um das Thema Liebe und Respekt für andere Menschen. Wie kann ich den Menschen im Gazastreifen Vorwürfe oder Tipps zurufen, wenn es schon in der eigenen Familie nicht rund läuft und man sich den Dreck unter den Fingernägeln nicht mehr gönnt. Ich hoffe für uns alle und insbesondere für unsere Kinder, dass wir immer reflektierter werden, den Fehler nicht immer bei anderen suchen und nicht so leicht auf Populisten und deren Hetze reinfallen. Liebe Grüße an alle und herzlichen Glückwunsch zum Alltag!
Sibylle1969 20.09.2019
5. @3 bommerlunder
Wir in Deutschland haben einen deutlich höheren CO2-Ausstoß pro Kopf als sehr viele Länder dieser Erde. Zudem ist die Erde eigentlich schon zu stark bevölkert. Keine Kinder in die Welt zu setzen, ist auf jeden Fall aus Umweltgesichtspunkten sinnvoll. Hier geht es nicht um Rente, Wirtschaftswachstum ö.ä.
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