Familienroman "Wir sind doch Schwestern" Tratschig und trocken

Die Morgenmagazin-Moderatorin Anne Gesthuysen hat einen Roman geschrieben, inspiriert von ihren drei Großtanten, deren Leben ein ganzes Jahrhundert umspannte. Unterhaltung in bestem Familien-Geburtstags-Kaffeetafel-Plauderton.
Autorin Gesthuysen: Geschichten und Anekdoten über die eigene Familie

Autorin Gesthuysen: Geschichten und Anekdoten über die eigene Familie

Foto: Monika Sandel

Gertrud hat lange genug Zeitung gelesen, um zu wissen, wie Berichte über Hundertjährige in aller Regel aussehen. Dass es eigentlich nur um eine einzige Frage geht: Wie schafft man es, so alt zu werden? Die meisten Menschen scheint an 100 Jahren nur zu interessieren, wie man sie erreicht. Darum hat sich Gertrud auf diese Frage eine Antwort zurechtgelegt: "Starker Kaffee ohne alles und jeden Tag um elf Uhr einen Schnaps." Ein guter Rat, den nur leider niemand hören mag. Nicht der Journalist, der zwar eine halbe Stunde zu spät kommt, dann aber zu Gertruds Verwunderung doch nicht ganz unsympathisch ist. Und erst recht nicht Anne Gesthuysen, Autorin dieses Romans, zudem "ARD-Morgenmagazin"-Moderatorin und Ehefrau von Frank Plasberg.

Anders als üblich, interessiert Gesthuysen nicht, wie man die 100 Jahre schafft, sondern was man in 100 Jahren schafft. Ihre anderen beiden Hauptfiguren sind Gertruds Schwestern Katty und Paula, und so heißt der Roman "Wir sind doch Schwestern".

Paula ist fast 98 Jahre alt, sie sieht nicht mehr gut, aber lacht noch so laut wie früher. Und Katty, mit 84 Jahren das Nesthäkchen, organisiert die Geburtstagsfeier zum Hundertsten, der nicht nur dem Roman als Rahmenhandlung dient, sondern auch seinen Figuren als geeigneter Moment, um über Zukunft und Vergangenheit zu sprechen.

Der Ehemann war schwul

Und da gibt es einiges zu besprechen. In fast dreihundert Jahren Leben häufen sich Schicksalsschläge, Krisen und Verstrickungen zu einem riesigen Berg an Geschichten, der sorgsam abgetragen werden will. Zwei Kriege, ein Ehemann, der sich plötzlich zu seiner Homosexualität bekennt, eine Mutter, die mitten in der Nacht noch einmal an den Kuhtrog geht, um dort zu angeln, bevor sie ins Leberkoma fällt, und der herrische und schweigsame CDU-Politiker Heinrich Hegmann, der eine nicht unbedeutende Rolle in diesem Roman spielt und einer der Schwestern großes Glück, einer anderen Unglück bringt.

Die drei Schwestern sind trinkfest, schicksalserprobt und äußerst patent, insgesamt also Damen, die man sehr gerne zur Oma oder Tante hätte. So gesehen ist Gesthuysens Roman ein großes Glück: Er macht den Leser zum Teil der Familie. Denn er ist im besten Familien-Geburtstags-Kaffeetafel-Plauderton geschrieben - in der richtigen Mischung aus tratschig und trocken also, und er speist sich aus den Geschichten und Anekdoten, Erinnerungen und Aufzeichnungen über Gesthuysens Großtanten. Gute Unterhaltung, fast so gut, wie selbst auf eine Familienfeier zu gehen.


Anne Gesthuysen: "Wir sind doch Schwestern". Kiepenheuer & Witsch; 416 Seiten; 17,99 Euro (bei Amazon  erhältlich)