Buch über Protestbewegung Aus dem Leben einer Gelbweste

Erst war sie Beobachterin, dann wurde sie selbst Teil des Protests: Eine Pariserin hat ein Buch über Frankreichs umstrittene Gelbwesten geschrieben. Ein spannender Innenblick - mit lückenhafter Selbstkritik.

Gelbwesten-Proteste in Paris: Einiges ist für die Autorin sehr eindeutig
Lucas Barioulet/ AFP

Gelbwesten-Proteste in Paris: Einiges ist für die Autorin sehr eindeutig

Von Volkan Ağar


Randalierer oder Bürger, die aus guten Gründen aufbegehren? Seit November 2018 blockieren Menschen in Warnwesten Kreisverkehre in Frankreich, sie demonstrieren in Städten, sie setzen sich mit Polizisten auseinander. Steuererhöhungen auf Benzin und Diesel lösten den Protest aus, der sich in eine Bewegung gegen soziale Ungleichheit entwickelte. Zwar ist es in den letzten Monaten ruhiger geworden, ist die Berichterstattung in Deutschland abgeflaut - die Proteste der Gilets Jaunes gehen aber weiter: Vor Kurzem begingen die Gelbwesten in Paris, Bordeaux und Lille ihren 50. Protesttag.

Die Bewegung polarisiert, seit es sie gibt. Kritiker verweisen auf rechte Tendenzen und beklagen Gewalt oder Antisemitismus. Sympathisanten argumentieren, Rechte und Antisemiten seien in der Minderheit, die Gewalt gehe vom Staat aus. Eine deutsche Pariserin bietet nun mit ihrem Buch "Wir sollten uns vertrauen" einen Ausweg aus dieser polarisierten Debatte. Sie schreibt über ihren Wandel von einer skeptischen Beobachterin zu einer Gelbweste, die in Plenardebatten einer Regionalgruppe über Strategien der gesellschaftlichen Veränderung diskutiert. Die Autorin gehört zur Bewegung, ihr Buch ist parteiisch. Wer sich aber eine kritische Lektüre zumutet, wird für einen widerspruchsreichen Innenblick belohnt.

Die Verfasserin wohnt im Stadtteil Belleville, einem sogenannten quartier populaire im Pariser Nordosten, auch als "schwieriges" Viertel verschrien. Sie steht migrantischen Aktivistengruppen nahe. Sie hat einen Dackel. Und sie schreibt unter dem Pseudonym Luisa Michael. Anonym bleibe sie in der Tradition des "Unsichtbaren Komitee", heißt es auf den ersten Seiten, also der Gruppe, die die Revolutionsschrift "Der kommende Aufstand" von 2007 verfasste - die Schrift führte zu Festnahmen, die Sicherheitsbehörden machten Aktivisten für den Text und für die Sabotage eines Castortransports verantwortlich.

Einiges ist für die Autorin sehr eindeutig - etwa die Gewaltfrage. Die Quelle für die Ausbrüche identifiziert sie an einem anderen Ort als die Kritiker der Gelbwesten. Die eigentliche Gewalt bestehe "in der rapide zunehmenden Marginalisierung und Prekarisierung weiter Teile der Bevölkerung und vor allem der Jugend", schreibt sie.

An anderen Stellen lässt sie mehr Widersprüche zu. Manche erfährt die Autorin am eigenen Leib, etwa, wenn sich Gelbwesten positiv auf die französische Nationalfahne beziehen. Immer wieder stellt sie die Frage, wie eine Bewegung, die offen für alle sein möchte, mit Rechten umgehen kann oder mit Verschwörungstheoretikern. Sie schafft es dann auch punktuell, den Kritikpunkt Rassismus zu entkräften - etwa, wenn sie über gemeinsame Demonstrationen von Gelbwesten und dem antirassistischen Comité Adama schreibt, benannt nach Adama Traoré, einem jungen schwarzen Mann, der 2016 in Polizeigewahrsam starb.

Preisabfragezeitpunkt:
05.11.2019, 14:40 Uhr
Ohne Gewähr

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Luisa Michael
Wir sollten uns vertrauen. Der Aufstand in gelben Westen (Nautilus Flugschrift)

Verlag:
Edition Nautilus GmbH
Seiten:
240
Preis:
EUR 16,00

Dem Vorwurf des Antisemitismus aber stellt sich die Autorin nur halbherzig. Im Februar 2018 beschimpften Gelbwesten am Rande einer Demonstration den umstrittenen jüdischen Philosophen Alain Finkielkraut unter anderem als "dreckigen Zionisten". Im Buch bezeichnet sie den Vorfall als antisemitisch. Gleichzeitig legt sie selbst aber ihre Nähe zur anti-israelischen Boykottbewegung BDS offen und klagt in einer längeren Passage über Diskreditierungskampagnen der Regierung und des Dachverbandes der jüdischen Organisationen, statt etwa selbstkritisch zu reflektieren, wann Kritik in Antisemitismus kippt. Glaubwürdig wirkt das nicht.

Lesenswert ist das Buch aber unterm Strich dennoch - schlicht, weil man den Aufständischen und ihren Beweggründen nahekommt. Die Autorin lässt auch andere Gelbwesten zu Wort kommen: Da ist die müde Mittvierzigerin Fabienne, alleinerziehende Mutter und Textildesignerin, die mal als Angestellte, mal als Selbstständige gearbeitet hat, Kurzzeitverträge und Phasen der Arbeitslosigkeit inklusive. Sie sagt: "Ich bin immer am Rande des finanziellen Ruins. Dabei bin ich qualifiziert und arbeite eigentlich gerne in meinem Beruf. Es ist einfach unwürdig."

Oder ein Mann, über den die Autorin schreibt: "Der GJ aus Burgund hat die schlechten Zähne der Armen, und er sieht jetzt schon so aus, wie er wohl als alter Mann aussehen wird, nur dass seine Haare noch voll und dunkel sind." Die soziale Ungleichheit, die in politischen Debatten oft abstrakt bleibt, wird hier sehr konkret. Die anonyme Verfasserin fragt: Wie würde dieser Mann wohl aussehen, hätte er so gelebt wie "Monsieur le Président"?



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Stäffelesrutscher 06.11.2019
1.
»Im Buch bezeichnet sie den Vorfall als antisemitisch. Gleichzeitig legt sie selbst aber ihre Nähe zur anti-israelischen Boykottbewegung BDS offen und klagt in einer längeren Passage über Diskreditierungskampagnen der Regierung und des Dachverbandes der jüdischen Organisationen, statt etwa selbstkritisch zu reflektieren, wann Kritik in Antisemitismus kippt. Glaubwürdig wirkt das nicht.« Nicht glaubwürdig ist vor allem diese Kritik des Rezensenten - zumal er selbst ja BDS als »anti-israelisch« - und damit nicht als »antisemitisch« bezeichnet. Wie weit ist es denn mit der selbstkritischen Reflexion des Rezensenten her, wenn er sich derart äußert? BDS hat ja auch damit zu tun, dass Israel Produkte aus besetzten Gebieten als »made in Israel« vermarkten möchte, was genauso illegal ist wie die Versuche Marokkos, Produkte aus der besetzten Westsahara als »Produce of Morocco« zu bezeichnen. Wer dagegen protestiert, ist weder antisemitisch noch antiislamisch, sondern setzt sich für Normen des Welthandels ein.
wielaberger 06.11.2019
2. Der BDS kritisiert Israel !
Auch der "Spiegel" scheint damit leider ein Problem zu haben hier zu differenzieren! Kritik am Staat Israel ist seit vielen Jahren bitter nötig! Wer solche diskreditiert macht sich hochgradig schuldig! Ich bin atheist, jegliche Religion ist mir völlig gleichgültig solang sie nicht menschenverachtend wirkt! Menschenrechte werden in Israel absolut nicht geachtet! Dieser Staat nutzt das Schicksal der Menschen jüdischen Glaubens im 3 Reich schamlos aus! Nahezu jede Kritik an diesem Staat wird vom "Spiegel" zensiert, wohl auch diese.
medfield,ma 06.11.2019
3. @2
Lieber SPON-Moderator! Ich verstehe es beim besten Willen nicht, dass solche Beiträge durchkommen. Zu den Unterzeichnern des BDS-Aufrufs von 2005 gehörte unter anderem die Hamas, die neben anderen Unterzeichnern Israel schlicht und einfach das Existenzrecht abspricht. Man will die Juden zurück ins Meer treiben. Was an solchen Forderungen noch irgendwie auslegungsbedürftig sein sollte, erschließt sich mir nicht.
clkr 07.11.2019
4. Die interessanten Fragen bleiben offen
Frankreich befindet sich auf dem Weg zur Verhartzung des Prekariats und scheint auf dem Weg dahin ein wenig zu stocken. Es kann zwar bezweifelt werden, daß die gilets jaunes sich rechtsrheinisch umgeschaut haben, wohin das führt, nämlich, wie wir jetzt wissen, eine 15 Jahre andauernde massive Grundrechtsverletzung an einem erheblichen Teil der Bevölkerung. Dazu sind sie zu sehr mit der eigenen Lage beschäftigt. Aber es fragt sich, wie diese deutsche Agenda-Geschichte gelaufen wäre, wenn die potentiell Betroffenen so wie die gilets jaunes agiert hätten, statt das wirkungslose Herumtröten irgendwelchen langweiligen Gewerkschaftsfunktionären und handzahmen Sozialverbänden (deren Aufgabenzuwachs dann auch Pöstchen in der organisierten Wohlfahrt bedeutet) zu überlassen.
jacobwhitephoto 07.11.2019
5.
" wohin das führt, nämlich, wie wir jetzt wissen, eine 15 Jahre andauernde massive Grundrechtsverletzung an einem erheblichen Teil der Bevölkerung. " Nur weil Merkel es versäumt hat in den letzten 14 Jahren die Reformen anzupassen, weiterzuentwickeln, etc. heißt das noch lange nicht dass sie im Grundsatz richtig waren. Deutschland ist nicht mehr der kranke Mann, sondern bis vor Kurzen der Motor Europa's. Schäuble's schwarze Null, bei praktisch 0% Zinsen, war das eigentliche Verbrechen. Stattdessen hatte man für fast Umsonst investieren können... auch in eben den Gesellschaftlichen Strukturen denen es nicht gut geht.
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