Schriftsteller Daniel Schulz über seine ostdeutsche Dorfjugend »Gibt es einen Ort, an dem etwas anderes als das Rechtsextreme möglich ist?«

Daniel Schulz hat in einem Roman das Aufwachsen auf dem Land im Osten kurz nach der Wende beschrieben, mit Rassismus und Gewalt. Ein Gespräch über Dorfsprache, Körperpanzer und Verteidigenswertes.
Ein Interview von Arno Frank
Skinheads in Leipzig 1990: »Die Distanz erschwert das Erinnern, die Verdrängungsmechanismen konnten wirken«

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Foto: Michael Hughes / IMAGO

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Zur Person
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Paula Winkler

Daniel Schulz, 43, hat mit »Wir waren wie Brüder« (Hanser Berlin, 288 Seiten, 23 Euro) ein Coming-of-Age-Buch über das Aufwachsen auf dem Land im Osten geschrieben, in den Jahren nach der Wende, geprägt von Rassismus und Gewalt. Der Autor kam in Potsdam zur Welt und wuchs in der brandenburgischen Provinz auf. Er studierte in Leipzig und arbeitet heute in Berlin bei der »taz«, wo er das Reportageressort leitet. 2018 erhielt er den Reporterpreis und 2019 den Theodor-Wolff-Preis.

SPIEGEL: Herr Schulz, Ihr Roman »Wir waren wie Brüder« reicht beinahe 30 Jahre zurück und erzählt vom Aufwachsen im Osten, im Jahrzehnt nach dem Fall der Mauer. Wie findet man den geeigneten Sound für eine solche Geschichte?

Schulz: Die Dorfsprache, an die ich mich für dieses Buch erinnerte, hat etwas Dreckiges, Erdiges. Kindern macht es Spaß, damit zu spielen, sich beispielsweise neue Beleidigungen auszudenken. Wenn man dann aber in die nächste Stadt kommt, wo die Leute im Grunde genauso reden, wird einem schon bedeutet, dass man »vom Dorf« kommt, also ein Trottel ist. In der noch größeren Stadt, an der Universität, wird man umso mehr für diese Sprache beschämt.

SPIEGEL: Mit welchen Folgen?

Schulz: Ich zumindest habe versucht, diese Sprache zu vergessen, mir einen akademischeren Sound anzueignen. Erinnerung ist, wie wir schon wissen von Aussagen aus dem Zeugenstand vor Gericht, etwas Unzuverlässiges. Dennoch wollte ich mit dieser Sprache etwas Neues machen, es sollte kein Reenactment sein.

SPIEGEL: Wie ging das?

Schulz: Ich bin rausgefahren aus Berlin, wieder aufs Land, um wieder die Energie dieser Sprache zu spüren. Hören, wie die Leute dort reden. Wenn diese Sprache, wie ich eben meinte, wirklich wie Erde oder Schlamm ist, habe ich versucht, sozusagen mit dem literarischen Sieb das Gold daraus, das Glänzende und Schwere herauszuarbeiten.

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Daniel Schulz

Wir waren wie Brüder

Verlag: Hanser Berlin
Seitenzahl: 288
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Preisabfragezeitpunkt

28.01.2023 15.45 Uhr

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SPIEGEL: Der Held streitet sich gleich zu Beginn mit einem Freund darüber, was ein Gleichnis ist. Warum?

Schulz: Das ist auch Teil der Sprache. Der Protagonist kommt aus einem christlichen Haushalt, die Bibel spricht in Gleichnissen, und das Gleichnishafte sollte auch in der Sprache dieses Romans seinen Platz haben.

SPIEGEL: Brauchte es einen zeitlichen Abstand, um das Zurückliegende in Worte fassen zu können?

Schulz: Für mich schon. Es gab sogar einen konkreten Anlass, der mir gezeigt hat, dass es wichtig sein könnte, darüber zu reden – das war der sogenannte und von der AfD organisierte »Trauermarsch« von Chemnitz 2018. Was da wieder sichtbar wurde, an Menschen und Ansichten, hat bei mir zur Erkenntnis geführt: Was ich selbst damals erlebt habe, ist relevant.

SPIEGEL: Warum?

Schulz: Weil es da eine Form von Vergessen gibt. Nach jedem Verprügeltwerden hat man sich gesagt: »Na ja, so schlimm war’s gar nicht«. Waren ja nur Fäuste, waren ja keine Stiefel mit Stahlkappen. Man hat dann versucht, das Erlebte, den Schmerz auszuradieren. Aber wie bei jeder Radierung bleibt sichtbar, dass da etwas Verwischtes ist, etwas Schwammiges, das sich eben nicht ausradieren lässt.

SPIEGEL: Auch auf politischer Ebene?

Schulz: Genau. Zur damaligen Zeit und auch später noch ist von denen, die da politisch die Verantwortung hatten, immer behauptet worden, es gebe diesen Rechtsextremismus gar nicht, er sei Ausdruck einer gewissen Jugendlichkeit – oder gleich aus dem Westen importiert.

SPIEGEL: Wie »Gaslighting«, der Versuch, die eigentlichen Opfer zu verunsichern?

Schulz: Ja. Es trägt dazu bei, dass man sich irgendwann sagt: »Vielleicht war es wirklich nicht so schlimm? Man muss es ja nicht übertreiben! Ich habe da schon etwas erlebt, aber was habe ich überhaupt erlebt?« Die vergangene Zeit macht es vielleicht einfacher, über Schmerz und Scham zu reden. Die Distanz erschwert aber zugleich das Erinnern, und die Verdrängungsmechanismen konnten wirken.

SPIEGEL: Beim Lesen von »Wir waren wie Brüder« fühlt man sich an »Männerphantasien« von Klaus Theweleit erinnert, dieser Hass des Männlichen auf alles Weibliche, Weiche, Flüssige…

Schulz: Ich habe Theweleit nie gelesen, arbeite aber bei der »taz«, da atmet man das vielleicht ein.

SPIEGEL: Es ist ein Angebot an den jungen Mann, sich ebenfalls einen Körperpanzer zuzulegen. Dieses Angebot ergeht auch an den Helden des Buches, hart werden, das Zuschlagen lernen.

Schulz: Dieses Angebot gibt es, und es hat auch etwas Zärtliches. Allein, dass die Mutter ihn arbeiten schickt, damit er, wie man damals sagte, »nicht abhebt« und sich ins »normale Leben« eingliedert. In der Spedition aber trifft er auf Leute, die ihn abstoßen mit ihrem Rassismus und Rechtsextremismus. Auch die Gruppe, der Freundeskreis hat etwas Fürsorgliches.

SPIEGEL: Warum schafft es der Held nicht, sich da einzugliedern?

Schulz: Es gibt Typen, die haben eben eine Beißhemmung, die können und wollen nicht zuschlagen. Und für die wird es dann schmerzhaft. Ich kannte solche Leute, die hatten das physische Zeug dafür, aber die wurden dann Hippies. Das Austrainieren allein macht es ja nicht, du brauchst auch die psychische Veranlagung dafür. Es gibt sehr talentierte Schläger, die haben nie ein Fitnessstudio von innen gesehen. Die Verachtung aber für Leute, die sich verprügeln lassen, für den Hippie, die gibt es von links wie von rechts.

SPIEGEL: Weil es eine moralisch überlegene Position ist?

Schulz: Das dachte ich damals, ja, bin mir aber inzwischen nicht mehr so sicher. Sich nicht zu entscheiden, das hat auch etwas Bequemes, Egoistisches.

SPIEGEL: Hat sich seit damals die Lage verändert, vor Ort, auf dem Land im Osten?

Schulz: Es hat sich transformiert, wie auch Hendrik Bolz in seinem Buch »Nullerjahre« zeigt. Viel hängt davon ab, wer aktiv ist. Eine oder zwei Personen können da schon einen Unterschied machen. Vorbildfiguren. Das müssen auch keine Linken sein, eine aktive kirchliche Gemeinde reicht eventuell aus.

SPIEGEL: Es ist nicht schlimmer geworden, aber anders?

Schulz: So ungefähr. Die Frage ist immer: Gibt es einen Ort, an dem etwas anderes als das Rechtsextreme möglich ist? Und ist dieser Ort zu verteidigen? Demgegenüber gibt es ganze Landstriche, in denen rechte Codes förmlich eingewachsen sind in die Mode, in die Musik, in einen vorpolitisch erscheinenden Raum. Dort sind rot, weiß und schwarz ganz normale Farben, und Fraktur ist ein ganz normales Muster. Das ist rechte Identitätspolitik.

SPIEGEL: Inwiefern ist das Identitätspolitik?

Schulz: Insofern es ein »So sind wir halt, wir Ostdeutschen« gibt, und das schon seit einer ganzen Weile. Gestützt und vertreten wird das von der AfD oder den »Freien Sachsen«. Jemand wie ich, der in Berlin lebt und linkes Zeug schreibt, kann deshalb ganz leicht ausgebürgert werden. Ich gehöre dann nicht dazu. Jemand wie Björn Höcke, ein Lehrer aus dem Westen, wird hingegen eingebürgert. Das ist sehr fluide.

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