Hardboiled-Krimi aus Berlin Wo harte Typen harte Dinge tun

Eines der vielversprechendsten Krimidebüts seit Jahren: In »Der Libanese« erzählt Clemens Murath von einem supertoughen LKA-Ermittler.
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Natnan Srisuwan / Getty Images

Libanesische Dealer liefern sich mit Polizisten im Eroscenter eine wüste Schießerei. Cops stehlen Geld und Heroin, vorgeblich, um ihren Job besser machen zu können. Ein junges Mädchen träumt von hartem Sex mit einem älteren Polizisten, und es bleibt nicht beim Traum. Ein windiger Filmproduzent steckt in Schwierigkeiten, weil er sich mit einem Clan eingelassen hat, und geht zu einer Sexarbeiterin, um Druck abzubauen. Ein Journalist, der zu viel unbequeme Fragen gestellt hat, wird unfreiwilliger Hauptdarsteller in einem Schwulenporno. Willkommen in Berlin, willkommen in Clemens Muraths Hardboiled Wonderland. Wo harte Typen noch harte Dinge tun dürfen. Als wären wir wieder im Actionkino der Achtzigerjahre.

Krimiautor Murath: Ständig das Tempo hochhalten

Krimiautor Murath: Ständig das Tempo hochhalten

Foto: Erik Weiss / Random House

Murath, seit rund 30 Jahren Wahlberliner, schreibt normalerweise Drehbücher, keine Romane. Seine Spezialität sind Fernsehkrimis, auf seiner ziemlich langen Liste steht vorwiegend die Art von Büchern, die wohl schreiben muss, wer von seinem Job vernünftig leben will: von »Kommissariat Istanbul« über »Helen Dorn« bis »Der Kriminalist«. Sein Romandebüt »Der Libanese« hat erfreulich wenig mit diesen oft allzu betulichen und austauschbaren Serienprodukten zu tun. Was wiederum viel damit zu tun hat, dass Murath selbst wohl kein Fan seiner Filme wäre. Stattdessen orientiert er sich als Schriftsteller, sagt er auf Nachfrage, eher an US-amerikanischen Vorbildern – und nennt mit James Ellroy, Don Winslow und Elmore Leonard ein Trio, das den Hardboiled-Krimi in den vergangenen Jahrzehnten maßgeblich geprägt hat.

Vor allem der Name Elmore Leonard lässt aufhorchen, denn hier liegt der Schlüssel zum Verständnis von »Der Libanese«. Über den 2013 verstorbenen Autor von auch durch Verfilmungen berühmten Romanen wie »Out of Sight« oder »Get Shorty« sagte der deutsche Thriller-Schriftsteller Horst Eckert einmal, er würde »leicht und boshaft, perfekt und in brutaler Ausgewogenheit« schreiben. Und ganz ähnlich nähert sich auch Murath seiner Geschichte und seinen Figuren – sodass bei all dem Testosteron und dem Geballer und dem Rumgevögel immer eine leichte Distanzierung zu spüren ist. Die Achtziger sind eben tot und vergangen, Filme wie »Lethal Weapon – Zwei stahlharte Profis« oder »Stirb langsam« längst museumsreif.

Auch wenn Frank Bosman das noch nicht bemerkt haben mag. Er ist der Antiheld von »Der Libanese«, ein supertougher Ermittler beim LKA in Berlin, der buchstäblich über Leichen geht, um zum Ziel zu kommen. Und das ist die Ergreifung der Brüder Arslan und Tarik Aziz, die in der Hauptstadt das Sagen haben, wenn es um Drogen, Prostitution und Glücksspiel geht. Wer die Serie »4 Blocks« gesehen hat, weiß ungefähr, wie die beiden Clanoberhäupter ticken. Der Ältere, Arslan, will – spätestens seit »Der Pate« Traum fast aller nicht nur fiktiven Großkriminellen – das Drogengeld in legale Geschäfte investieren, der Jüngere, Tarik, ist wild und ungestüm wie Al Pacino in »Scarface«, mag leichte Mädchen, schnelles Geld, noch schnellere Wagen. Und deutschsprachigen Gangsta-Rap natürlich.

»Rücksicht ist ein klarer Wettbewerbsnachteil«

Doch anders als »4 Blocks«, wo das Clanleben im Mittelpunkt steht und teilweise stumpf glorifiziert wird, geht Murath raffinierter mit seiner Ausgangssituation um, drapiert um die Machotypen auf beiden Seiten des Gesetzes noch eine Reihe weiterer Figuren und Plots. Der raffinierteste davon erzählt von der Entführung des eingangs genannten Filmproduzenten, die auf mehr Weisen schiefläuft, als man sich vorstellen kann. Außer man kennt Elmore Leonards Roman »The Switch«, der in Deutschland – dämlich, aber nicht unpassend – »Wer hat nun wen aufs Kreuz gelegt?« hieß.

Murath hat also von den Besten gelernt, und er ist ein überaus gelehriger Schüler. Mit »Der Libanese« ist ihm ein Krimi gelungen, der ständig das Tempo hochhält und sich dennoch ausreichend Zeit nimmt, seinen Figuren Raum zu geben, sich zu entwickeln. Ambivalente Figuren sind das, die im Roman weder be- noch verurteilt werden, sondern einfach in ihren täglichen Kämpfen gezeigt werden: für Gerechtigkeit oder Reichtum, Macht oder Sex. Murath führt keinen Erzähler als moralische Instanz ein, denn Moral muss man sich leisten können, wie Bosmans Freund Achim, der Sozialarbeiter, erklärt: »Nobles Verhalten ist ein Privileg der Wohlhabenden. Wenn du jeden Tag darüber nachdenken müsstest, wie du ihn am besten überstehst, dann ändern sich die Prioritäten. Da ist Rücksicht ein klarer Wettbewerbsnachteil.«

Bei aller Rasanz und Härte, allem Witz und aller Raffinesse, mit der Murath sein vielfiguriges Ensemble dirigiert: Mit mehr als 470 Seiten ist das Buch wesentlich länger, als es sein müsste. Murath hätte sich von etlichen Sätzen, einigen Szenen und ganzen Handlungssträngen trennen sollen. Und manchmal erklärt er ein wenig zu viel und greift sprachlich allzu tief in die Klischeekiste. Da lächeln Menschen »fies«, »riechen förmlich den Ärger«, klopfen »zufrieden« auf Tische, spucken »verächtlich« auf den Boden. Typische Fehler eines Erstlingsautors, die am Ende aber eher Petitessen bleiben, weil die Stärken des Romans bei Weitem überwiegen: »Der Libanese« ist eines der vielversprechendsten deutschsprachigen Krimidebüts seit Jahren.

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