Wolfgang Herrndorfs Vermächtnis Tschick ist zurück!

Millionen lieben "Tschick" - jetzt sind Hauptfiguren des Buchs wieder da: In Wolfgang Herrndorfs Roman "Bilder deiner großen Liebe", der als Fragment nach dem Tod des Schriftstellers erscheint.

Herrndorf-Thema Identitätssuche: Perfekt intonierter Sound
Corbis

Herrndorf-Thema Identitätssuche: Perfekt intonierter Sound

Von Thomas Andre


Da sind sie noch einmal, die beiden beliebtesten Romanhelden der deutschen Gegenwartsliteratur: Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschow, den alle "Tschick" nennen. Zwei 14-Jährige, die im geklauten Lada durch die ostdeutsche Walachei bretterten und gleichzeitig in die Herzen von mehr als zwei Millionen Lesern. Zwei anarchische Sehnsuchtsfiguren, die das Vermächtnis sind von Wolfgang Herrndorf, der im Sommer 2013 starb - und der Nachwelt nicht nur sein Tagebuchblog "Arbeit und Struktur" hinterließ.

Sondern eben auch ein Romanfragment, das jetzt unter dem Titel "Bilder deiner großen Liebe" erscheint und den beiden Ausreißern ein Comeback beschert - in einer der vielen Begegnungen, die ein wildes Mädchen namens Isa auf ihrer Vagabundentour über Wald und Wiesen, durch namenlose Dörfer und Städte hat. Wie in "Tschick" treffen sich Isa, Maik und Tschick auf einer Müllhalde. Isa hilft den gleichaltrigen Jungen beim Nachfüllen des Benzintanks, sie revanchieren sich mit einer Dosis Duschgel, die Isa dringend nötig hat. Isa ist seit Tagen unterwegs, sie ist aus einer psychiatrischen Anstalt abgehauen.

Aus Herrndorfs Blog weiß man, dass er früh mit dem Gedanken einer Art Prequels spielte. "Tschick-Fortsetzung aus Isas Perspektive angefangen. Mach ich aber nicht. Mach ich nicht", heißt es da. Später machte Herrndorf aber doch, er arbeitete bis zu seinem Tod an "Arbeit und Struktur" und "Isa", wie der Arbeitstitel des allerletzten Herrndorf-Werkes lautete. Herrndorf rang sich dieses schmale Büchlein ab. Nach mehreren Hirnoperationen war die literarische Produktion ein Kampf gegen die ablaufende Lebenszeit. Herausgegeben wird "Bilder deiner großen Liebe" von Marcus Gärtner und Kathrin Passig.

Auch schon vor dem vom Tod Herrndorfs erzwungenen Ende franst der Roman aus, ist aber vielleicht gerade wegen der offenen Struktur gelungen.

Isa schläft unter dem Sternenhimmel

Das liegt daran, dass Herrndorf in seiner nach "Tschick" zweiten Road-Novel wieder das Prinzip des episodenhaften Erzählens auf meisterhafte Weise bemüht - und mit der sagenhaft entrückten Protagonistin eine Verlorene geschaffen hat, die man nicht so schnell vergisst. Isa, die barfuß unterwegs ist und völlig ziellos durch die Lande streift, bettelt Fremde um Essen an, bricht in Dorfläden ein, sie fährt für eine Weile mit einem Schiffer über einen Kanal, sie schläft unter dem Sternenhimmel. Als "Tschick"-Leser, der viel über ihre Schlauheit und ein bisschen etwas über ihr Hingezogensein zu Maik erfuhr, hat man eine derartige Obdach- und Heimatlosigkeit durchaus schon erahnen können - schließlich erschien das abgerissene Wesen selbst den männlichen Herumtreibern eine Spur zu verwahrlost.

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Wolfgang Herrndorf: Literatur im Lada
Was Herrndorf in "Bilder deiner großen Liebe" auf unerbittliche Weise verdichtet, ist die Teenage Angst der Adoleszenz. "Ich komme aus der Scheiße, und in die Scheiße gehe ich irgendwann auch wieder. Aber zwischendurch werde ich berühmt", sagt Isa einmal. Sie redet nicht immer wie eine 14-Jährige; sie redet aber auch nicht wie eine Verrückte, die sie laut ärztlichem Attest ja aber sein soll. Es ist der von Herrndorf so perfekt intonierte Sound des Jugendlichen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, der in dem Romanfragment zur Geltung kommt. Gleichzeitig ist das krasse Außenseitertum Isas ein Gegengift angesichts der zuletzt virulenten "Tschickeritis" der deutschsprachigen Literatur, die mit Vorliebe die Rollenprosa Heranwachsender ausprobierte und die Pubertät mit ihren Segnungen und Zumutungen in den Mittelpunkt rückte.

Auch Maik Klingenberg und Tschick kamen aus nicht funktionierenden Familien, aber nur Isa ist völlig ohne Bezugspunkt. Einmal heißt es, ihr Vater sei tot, dann wieder, er würde sich wegen ihres Verschwindens sicher Sorgen machen. Ihr einziger Besitz ist ein Tagebuch: Was entspringt ihrer Fantasie, was erlebt sie wirklich? Herrndorf gibt seiner Hauptfigur die Eigenschaft einer wenig verlässlichen Erzählerin. Sie führt Dialoge mit Taubstummen, und viele ihrer Erlebnisse wirken surreal oder muten an wie traumartige Sequenzen. Das dominante Motiv der Sexualität stellt die grundsätzliche Hilflosigkeit einer Jugendlichen heraus, die sich permanent in Gefahr befindet, weil Erwachsene sie nicht unbedingt als eigentlich Schutzbefohlene betrachten.

Coolness des Teenagers

Allerdings hat diese Isa in bedrohlichen Situationen die Coolness des Teenagers auf ihrer Seite. In einer grotesken und hochkomischen Szene tränkt sie die Schweine im Frachtraum, während der Lkw-Fahrer ihr zu Ehren masturbiert - die Bildsprache könnte nicht eindeutiger sein.

Isa begegnet der Freundlichkeit des Lebens genauso wie seiner Bedrohlichkeit. Sie findet einen toten Förster und mischt sich unter zerstörte Alkoholikerexistenzen. Aber auch die Güte des Schiffers, der in einem früheren Leben ein Bankräuber gewesen sein will, täuscht nicht über Isas Isoliertsein hinweg. Gedanken an Selbstmord spiegeln das Schicksal ihres Schöpfers, wie überhaupt im Verlauf der Story die Düsternis zunimmt.

Auch in seiner fragmentarischen Form funktioniert dieser Anti-Entwicklungsroman, der sich intertextuelle Spielereien ebenso gönnt - Isas Lieblingsautor ist Karl Philipp Moritz - wie einen Verweis auf Herrndorfs Schriftstellerkollegen Per Leo: Auf der Müllkippe findet Isa ein kleines Holzkistchen, ein Schatz zwischen all dem Unrat. Die Holzkiste trägt den Stempel "Leo & Leo. Feinste Schatullen. Import-Export" und würdigt damit das zweite Standbein des Schriftstellers Per Leo, der mit seinem Debüt "Flut und Boden" 2014 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war.

Ein Behältnis ist auch dieses nachgelassene Werk des Autors Wolfgang Herrndorf: Es bewahrt dessen einzigartiges Vermögen, die Zeitlosigkeit von Werten wie Freundschaft und Neugier in die Szenerie der Gegenwart einzubetten und dabei Komik mit Tragik zu verbinden.

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insgesamt 2 Beiträge
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romang 22.09.2014
1. Wie bitte??
Sorry, aber das kann doch wohl nur ein Scherz sein! Eine Anmaßung, ja eigentlich schon Blasphemie gegenüber dem Genie Schurl Danzer! Die einzige Möglichkeit für Herrndorfs Erben, sich noch halbwegs anständig aus dieser Situation herauszuwinden: Sofortige Umbenennung von Stück und Hauptfigur in "Fluppe" und "Fjodor Fluppejewski"!
romang 22.09.2014
2. Merke: ES GIBT NUR EINEN TSCHICK!
Und zwar den da: https://www.youtube.com/watch?v=B7KnRbdST1s Zah ausse die Dreia und gib ma a Feia, i brauch a Speh. Mi kaun kana rettn, i rauch stodn betn, vuam schlofn geh. A so a Tschick hod a greßares Glick wia unsa ana, weu uns braucht kana. Heasd in dea Madrotzn do woan scho die Rotzn, des riach i genau. Beim Brandinesa do war ma jetzd bessa oba duad hob i'n Hau. Lebsd wira Tschusch, heasd nua ollaweu: "Geh! Gusch! Du Tachiniera! Du Mistkiblstiera!" Waunsd schlofsd auf da Baustö, jo, daun brauchsd goanix austön, hosd an Köch mit da Heh und daun, waßd eh - sechs Monate auf Staatskosten. Heasd, koid is da do auf dera Gstettn, ein Wahnsinn. Waßd, die Leit sogn i bin a Trinker. Wüsd a a Glasl Rum? A Glasl Rum ... steßt si söba ned um, oda a Zigrettn kaun si söba ned odetn Und des hob i, …des hob i dem Tschick hoid vuraus: Is mei Lem nur mehr Tschick dämpf i mi söba aus ...
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