Zum Tode Wolfgang Welts Als die Mädchen Sabine hießen

So lässig wie Wolfgang Welt hat kaum ein deutscher Autor geschrieben. Er erzählte vom Biertrinken, von Rockmusik, von der Vergeblichkeit und von der Zeit, als die deutsche Arbeiterklasse fast Glamour hatte. Ein Nachruf.

Wolfgang Welt, Anfang der Achtziger
Andreas Böttcher

Wolfgang Welt, Anfang der Achtziger

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Es gibt erste Sätze, die lassen sich kaum überbieten, und so sollte zu Beginn dieses Nachrufs auf den großen, wenn auch ziemlich unbekannten Schriftsteller Wolfgang Welt eigentlich der erste Satz aus seinem Kurzroman "Peggy Sue" stehen. Weil auch das einer dieser ersten Sätze ist, die sich kaum überbieten lassen: "Etwa zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung machte mir Sabine am Telefon Aussicht auf einen Fick, allerdings nicht mit ihr selber, sondern mit ihrer jüngeren Schwester."

Wolfgang Welt hat diesen Satz Anfang der Achtzigerjahre geschrieben. Er war ein junger Kerl, auf Fotos posierte er mit Zigarette im Mundwinkel und sehnsuchtsvollem Blick, noch heute zu sehen auf dem Umschlag von "Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe", einem Sammelband, den der Suhrkamp Verlag mit den Geschichten von Welt veröffentlicht hat.

Wilhelmshöhe ist ein Bochumer Stadtteil, braungraue Siedlungshäuschen, Fußballplätze, Kneipen. Sein Vater, so schrieb Wolfgang Welt, war Herbert Wehner, die Mutter Marilyn Monroe. Das ist natürlich höchstens als Metapher wahr, aber so ähnlich muss es gewesen sein im Ruhrgebiet der Fünfziger und Sechziger, als die Arbeiterklasse fast ein bisschen Glamour hatte.

Wolfgang Welt spielte Fußball, hörte Rockmusik und fing an, als er Mitte zwanzig war, zu schreiben. Erst über Rockmusik, dann über sich selbst. Über das Biertrinken und über die Vergeblichkeit, und schließlich über die Mädchen, mit denen er geschlafen hatte - oder zumindest gern geschlafen hätte. Was ja auch mit Vergeblichkeit zu tun hat. So entstand sein erster Roman "Peggy Sue", die lässig erzählte Geschichte von einem, der sich vom Autor Wolfgang Welt wahrscheinlich durch fast gar nichts unterschied.

Brieffreundschaft mit Handke

Das Genre der Popliteratur, mit dem Wolfgang Welt später oft in Verbindung gebracht wurde, gab es damals noch nicht in Deutschland. Welt war Pionier, er hätte vielleicht berühmt werden können als Deutschlands erster Popliterat, so berühmt wie Peter Handke, der sein Vorbild war.

Wolfgang Welt schrieb ungekünstelt, straight. Weniger volkstümlich als Frank Goosen, weniger artistisch als Ralf Rothmann, die beiden populären Schriftsteller des Ruhrgebiets. Doch berühmt oder wenigstens bekannt wurde er nie.

Von "Peggy Sue" hat der Kleinverlag, bei dem das Buch zuerst erschien, nur ein paar Hundert Exemplare verkauft, und auch als Wolfgang Welt dann bei Suhrkamp veröffentlichte, wohin ihn Peter Handke nach einer längeren Brieffreundschaft vermittelt hatte, waren Welts Bücher dort nicht gerade Spitzentitel. Immerhin gab es im Internet irgendwann eine Initiative: Ein Literaturpreis für Wolfgang Welt. Natürlich vergeblich. Ein Literaturpreis hätte auch gar nicht zu ihm gepasst.

Warum das alles so kam, auch darüber hat Wolfgang Welt geschrieben. Seine Bücher waren nicht nur autobiografisch, sondern schonungslos: In "Der Tick", seinem zweiten Roman, erzählt er, wie er krank wurde. Welt war schizophren. Er kam in die Psychiatrie und als er die Psychiatrie wieder verlassen konnte, hat er sich in Bochum verkrochen, in der Wohnung seiner Eltern und in der Pförtnerkabine des Bochumer Schauspielhauses, wo er über Jahre als Nachtportier gearbeitet hat.

Wer Wolfgang Welt in Bochum besucht hat, lernte einen sanften Menschen kennen, der damit kokettierte, dass er keine Rockmusik mehr höre, sondern Schlager. Die Medikamente, die er nehmen musste, hatten ihn aufgeschwemmt. Begeistert erzählte er davon, dass er nun wieder eine Freundin habe und fragte sich, warum nie einer seiner Psychiater auf die Idee gekommen sei, dass seine Krankheit etwas mit zu wenig Sex zu tun haben könnte.

Geschrieben hat er weiterhin, wenn auch unter Mühe. "Ich möchte mich nicht quälen", hat er gesagt. Der erste Satz, der müsse ihm zufliegen. Und man ahnte, wovon er sprach. Von Sabine. Oder doch eher von ihrer Schwester?

Am Sonntag ist Wolfgang Welt in Bochum gestorben. Er wurde 63 Jahre alt.

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insgesamt 6 Beiträge
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arvin 20.06.2016
1. Ich kannte Ihn nicht
Ich kannte Ihn bis dato nicht , werde mir seine Bücher aber besorgen, ein gelungener Nachruf eines symphatischen Einzelgängers.
Newspeak 20.06.2016
2. ...
Weil auch das einer dieser ersten Sätze ist, die sich kaum überbieten lassen: "Etwa zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung machte mir Sabine am Telefon Aussicht auf einen Fick, allerdings nicht mit ihr selber, sondern mit ihrer jüngeren Schwester." Na ja. Ich muß sagen, ich bin jetzt nicht beeindruckt. Das Foto zeigt einen sympathisch blickenden jungen Mann, die Beschreibung mit lässig und sehnsuchtsvoll passt gut, und evtl. kann man sogar eine Ahnung davon bekommen, wie und worüber die abgebildete Person schreibt, Alltagsminiaturen...das kann total genial sein oder totel banal. Ich hoffe ersteres, aber dann muß entweder nach so einem ersten Satz noch was mehr kommen, oder es gibt noch bessere erste Sätze von ihm. Schade, daß man es nach der Besprechung nicht sagen kann, was davon zutrifft.
kusat 20.06.2016
3.
Ich habe Herrn Welt sogar persönlich gekannt. Ein immer freundlicher, wenn auch etwas verschrobener Mensch. Intelligent und sympathisch. Eigentlich immer ein netter Zeitgenosse, wenn man ihn zu nehmen wusste. Schade, dass er gegangen ist. Hatte ein bewegtes Leben der gute Mann...
nolade22sho 20.06.2016
4. Der goldene Handschuh!
Weil es Samstag so schönes Wetter ist. Der blaue, endlose Himmel mit ....
herrbausb 21.06.2016
5. Ruhe in Frieden, Wolfgang!
Filmportrait über den seltsamen Herr Welt, den feinsinnigen Literaten und Nachtportier: http://www.bochumschau.de/der-seltsame-herr-welt-2012.htm
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