Yannick Haenel über die Krise Frankreichs Feuer in der Festung Europa

Die Lage eskaliert: In Yannick Haenels "Die bleichen Füchse" zieht sich ein Arbeitsloser ins Auto zurück - und schließt sich dann einer Widerstandsbewegung von Immigranten an.
Hausbesetzer im Süden von Paris: Ausgestoßen aus der Gesellschaft

Hausbesetzer im Süden von Paris: Ausgestoßen aus der Gesellschaft

Foto: FRED DUFOUR/ AFP

Jean Deichel, 43, wohnt in einem Auto. Genauer: in einem Kombi, einem R 18 Break. Das Auto steht in Paris, Rue de la Chine, nicht weit vom Friedhof Père Lachaise. Deichel hat erst seine Arbeit verloren, dann sein möbliertes Zimmer. Die wenigen Habseligkeiten packt er in das Auto, das ein Freund ihm für einige Zeit überlassen hat. Zum Schlafen hat er eine billige Matratze gekauft und in den Kombi gezwängt. "Man braucht nicht mehr als ein paar Tage, um abzustürzen", schreibt Yannick Haenel, Autor des Romans "Die bleichen Füchse". Sein Anti-Held stürzt ab, um sich schließlich mit den "sans-papiers" zu solidarisieren, Flüchtlingen, denen die Abschiebung droht.

Der Roman trifft mitten ins Herz eines brisanten Themas: die Flüchtlingsproblematik und die vielzitierte "Festung Europa". Das Buch, vor einem Jahr in Frankreich erschienen, hat für Aufsehen gesorgt. 2005 erlebte das Land schwere Unruhen in den Pariser Banlieues, den Vororten, wo viele Menschen mit Migrationshintergrund leben. Die Regierung rief damals sogar den Notstand aus. Haenel, Jahrgang 1967, der viele Jahre als Französischlehrer auch in der Banlieue tätig war, spielt auf die Unruhen von 2005 an - um in seinem Roman einen noch viel größeren Aufstand anzuzetteln. Literarisch ist ihm die Inszenierung dieser gigantischen Protestaktion allerdings misslungen.

Der Autor hat sein Buch in zwei Teile unterteilt. Zunächst folgen wir Jean Deichel, der als Ich-Erzähler spricht, später - da ist er schon Teil der Aufständischen - verwendet er das solidarisierende "Wir". Der erste Teil des Romans ist zunächst nicht ohne Reiz. Jean Deichel, erfahren wir, ist sogar ein bisschen glücklich in seiner neuen Existenz auf ein paar Quadratmetern. Er sitzt am Steuer, fährt aber nicht los, sondern denkt nach. Sein Alltag ist reduziert, aber genau das gibt ihm Befriedigung - ein Downshifting auf vier Rädern, nur dass er die Räder gar nicht mehr braucht. Ähnlich wie es Beckett in seinem Stück "Warten auf Godot" schildert, läuft Deichels Leben plötzlich ins Leere - kein Zufall, dass er immer wieder in dem Klassiker des absurden Theaters liest. Dann streift er stundenlang durch das 20. Arrondissement, planlos, ziellos, mit offenem Blick. Die Verweigerung des Nützlichen, den Rückzug aus einer Gesellschaft, die auf Leistungs- und Konsumterror aufgebaut ist, sieht er als Gewinn, als letzte Freiheit, die ihm bleibt.

"Ein Gespenst geht um"

Eines Tages entdeckt Deichel in einer Sackgasse die Inschrift: "DIE GESELLSCHAFT EXISTIERT NICHT". Darunter eine seltsame Zeichnung, ein Hexen-Fisch, ein Schreckgespenst, was auch immer. Ein Zeichen, findet Deichel, zumal die Sackgasse "Impasse Satan" heißt. Die "Königin von Polen", eine schöne Frau mit platinblonden Haaren, weist ihm dann den Weg zu den "bleichen Füchsen", eine Vereinigung von Immigranten aus Mali. Auf einem ihrer Treffen erfährt er mehr über die Symbolik der Tiere. Der bleiche Fuchs entstammt der Mythologie der Dogon, einer Volksgruppe aus Mali, die bei ihren traditionellen Tänzen Masken aufsetzen. Der bleiche Fuchs ist für sie ein Rebell, ein Geschöpf kosmischer Unordnung, der die Zerstörung in sich trägt. Der Fisch, den Deichel entdeckt hat, ist eine seiner Masken. Deichel wird immer mehr in diese Welt hineingezogen. Am Ende lässt er seinen Personalausweis in Flammen aufgehen - ein solidarischer Akt mit den "sans-papiers".

Yannick Haenels Roman endet mit der Utopie einer neuen Welt. Nachdem zwei Brüder aus Mali von der Polizei verfolgt wurden und in der Seine ertranken, setzt sich ein Protestmarsch durch Paris in Bewegung. Immer mehr Menschen stoßen dazu, sie tragen Masken, um ihre Identität zu verhüllen. Die Lage eskaliert, Autos werden angezündet, Luxusboutiquen geplündert, die Polizei hat Mühe, die Situation unter Kontrolle zu halten. Die, die aus der Gesellschaft ausgestoßen sind, haben jetzt das Stadtzentrum besetzt. Der Autor, der übrigens mehrere Jahre in Afrika gelebt hat, kommentiert: "Ein Gespenst geht um in Frankreich, das Gespenst Afrikas." Deutlicher kann eine Anspielung kaum sein. An anderer Stelle heißt es: "Nichts ist leichter, als eine Welt den Flammen auszuliefern, die sich schon so lange selbst in ihrem Chaos verzehrt."

Die Metapher des Feuers, das die alten Strukturen zerstört, wird oft strapaziert in diesem kurzen Roman. Im zweiten Teil hat man als Leser fast Angst, dass einem das Buch in den Händen plötzlich in Flammen aufgeht. Gerade in diesem Teil wird Haenels Sprache zunehmend pamphletistisch und abstrakt. Ob der Autor den Einwanderern damit einen Gefallen getan hat? Der Roman ist von der französischen Presse zwiespältig aufgenommen worden, es gab positive, aber auch kritische Stimmen. Immerhin ist es Haenel gelungen, die Flüchtlingsproblematik wieder verstärkt ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Für den Roman "Das Schweigen des Jan Karski", das vom Leben des legendären polnischen Widerstandskämpfers erzählt, bekam Haenel 2009 mehrere Preise. In seinem neuen Buch springt er ins 21. Jahrhundert und beschreibt ein repressives Land am Rande der sozialen Katastrophe, das Züge eines Polizeistaats trägt. Die düstere Vision wird zwischendurch aufgebrochen, indem der Autor die Macht der Poesie beschwört und zum Teil sehr eindrucksvolle Bilder schafft. Da heißt es zum Beispiel über das nächtliche Paris: "Ein unerwarteter Himmel strömt über vor Sternen, die einem den Atem rauben." Solche Bilder müssen mit der weltanschaulichen Schablonenhaftigkeit des Textes konkurrieren. Flugblatt gegen Poesie. Leider siegt, zumindest im zweiten Teil, das Flugblatt.

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