Yasmina Reza und die Abgründe des Bürgertums Das Bio-Huhn als Bananenschalen-Moment

Yasmina Reza steht neuerdings in der Kritik. Auch der neue Roman der französischen Autorin, "Babylon", folgt den bekannten Erfolgsmustern - aber gekonnt. Und er bietet doch etwas Neues.
Autorin Yasmina Reza

Autorin Yasmina Reza

Foto: Pascal Victor

"Oberflächlich". "Trivial". "Erkenntnisarm". Immer häufiger finden sich derlei Zuschreibungen in den Besprechungen ihrer Bücher. Zudem sind diese neuerdings vielfach in einem enttäuschten , übellaunigen Ton abgefasst, als fühlten sich deren Verfasser um ein ihnen irgendwann einmal von der Autorin höchstpersönlich gegebenes Versprechen gebracht. Nur welches?

Seit ihrem 2014 erschienenen Roman "Glücklich die Glücklichen" bläst der Göttin des stilvollen Gemetzels, der Französin Yasmina Reza, unverkennbar der Wind ins Gesicht. Aber warum eigentlich? Weil sie weiter das tut, was sie am Besten kann, nämlich Reza-Texte zu ersinnen, finster-fröhliche Apokalypsen?

Wieso glaubt man, das, was man lange als ihren ganz eigenen, unverkennbaren Stil pries, plötzlich als bloße Masche, die sich angeblich totgelaufen hat, entlarven  zu müssen? Deshalb der Ruf nach mehr Tiefgang und einer Neuausrichtung des Reza'schen Erzählprogramms?

Yasmina Reza hat nie vorgegeben, sich mit den großen Problemen der Welt zu beschäftigen, also mit Ungerechtigkeit, Krieg oder Armut. Ihre Domäne war immer das gehobene Pariserische Kammerspiel - private Weltkriege auf 140 Quadratmetern inszeniert. Gefühls-und Gedankengemetzel: intellektuell-funkelnd, lakonisch und grotesk. Imitation of life würde der US-Filmer Robert Altman das wohl beeindruckt genannt haben. Woher also rührt dieser plötzliche Reza-Überdruss?

Die Tochter eines Iraners und einer Ungarin wurde jahrelang landauf, landab dafür gefeiert, dass sie mit ihren kecken, die bürgerliche Verlogenheit demaskierenden Stücken frischen Wind ins erstarrte Gegenwartstheater brachte. Auch der neue, populär-philosophische Plauderton kam an, den sie in die französische Erzählliteratur einführte mit Prosabüchern wie "Eine Verzweiflung" (2001), "Adam Haberberg" (2004) oder "Frühmorgens, abends und nachts" von 2007.

Aus Sorge um den nierenkranken Kater

Niemand betreibt die perfiden Katz-und-Maus-Spiele mit ihren Geschöpfen so lustvoll wie Reza; Wort- und Gefühlsscharaden, an deren Enden die philosophische Erkenntnis steht, dass das Leben nicht etwa "erhaben" ist - sondern "lächerlich, so lächerlich wie die Bananenschale, auf der man ausrutscht." Denn um genau diese "Bananenschalen"-Momente geht es dieser Exorzistin, die durchidyllisierte Tableaus aus dem gehobenen bürgerlichen Leben errichtet, um sie anschließend genüsslich niederzubrennen mit ihren wie Feuerstöße abgefeuerten Sätzen. Das alles soll nun nicht mehr genügen?

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Reza, Yasmina

Babylon: Roman

Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Seitenzahl: 224
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Doch auch ihr neuer Roman "Babylon", der im Titel auf die Sehnsucht des jüdischen Volkes nach einer Heimat anspielt, umspielt trotzig dieses Thema, beschwört die einst genialen "Gott des Gemetzels"-Ur-Momente wieder. Warum auch nicht?

Schauplatz ist eine gutbürgerliche Wohnung im 17. Arrondissement in Deuil-l'Alouette. Elisabeth und Pierre haben ein Dutzend Gäste zu einem abendlichen Frühlingsfest geladen. Mit von der Partie sind die Manoscrivis, ein latent miteinander im Streit liegendes Ehepaar, das wahrscheinlich nurmehr die gemeinsame Sorge um den nierenkranken Kater Eduardo beieinander hält.

Man trinkt also, scherzt und plaudert ausgelassen über dies und das. Bis die Rede auf die artgerechte Haltung von Bio-Hühnern kommt - und zwischen den Manoscrivis ein handfester Streit entbrennt, der, kurz nachdem die kleine Gesellschaft sich aufgelöst hat, mit dem Tod von Lydie Manoscrivi endet. Jean-Lino erwürgt seine Frau im Affekt - und was folgt, ist die grandiose Episode einer missglückten Leichenbeseitigung, in deren Verlauf Reza zeigt, wie banal und nichtssagend der Tod der eigenen Frau im Verhältnis zu den Nierenproblemen eines geliebten Katers sein kann.

In einer Story des Amerikaners Raymond Carver, den Yasmina Reza verehrt, heißt es: "Ein Mann kann sich immer an die Regeln gehalten haben, und plötzlich ist alles scheißegal." Um einen solchen Moment, in dem alles Frühere plötzlich scheißegal wird, kreist Rezas neuer herrlich grotesker Roman. Wer also Neues von ihr verlangt? Hier ist es! Denn wann, bitte schön, gab es einen Toten bei ihr?

"Warum kann eine so kluge Schriftstellerin nicht bessere Bücher schreiben?" fragte sich Ijoma Mangold von der "Zeit"  zuletzt im Rahmen seiner Besprechung ihres Romans "Glücklich die Glücklichen". Andere also? Weniger Reza-haft?

Könnte sie wahrscheinlich! Aber warum sollte sie? Denn dieses einmal mehr schlau vorexerzierte, bittere Klein-Klein menschlicher Verirrungen und Verfehlungen ist immer noch verdammt gut. Das soll ihr in seiner spröden Zeitlosigkeit erst mal einer nachmachen!