Yuval Noah Harari Bestsellerautor duldet Zensur seines Buches in Russland

Das jüngste Werk von Yuval Noah Harari ist gerade in Russland erschienen, Putin-kritische Passagen wurden dafür gestrichen. Als Platzhalter musste Donald Trump herhalten. Der Autor hat damit kein Problem.

Der Autor, Historiker und Philosoph Harari sieht sich mit schwerwiegenden Vorwürfen konfrontiert
Hans Klaus Techt/ picture-alliance

Der Autor, Historiker und Philosoph Harari sieht sich mit schwerwiegenden Vorwürfen konfrontiert


"21 Lektionen für das 21. Jahrhundert" lautet der Titel des jüngsten Buches des israelischen Erfolgsautors und Historikers Yuval Noah Harari. In Deutschland erschien es bereits 2018, in Russland Ende Juni. Allerdings werden die russischen Leser in einem Kapitel andere Passagen vorfinden als der Rest der Welt.

Nach Hinweisen in sozialen Medien berichtete zunächst die russische Internetseite "Medusa", das Kapitel über Fake News unterscheide sich an wichtigen Stellen vom Original. Dort unterfüttert Harari seine Thesen mit einem Beispiel aus dem bewaffneten Konflikt zwischen Russland und der Ukraine um die Halbinsel Krim: Noch Ende 2014 habe der russische Präsident Wladimir Putin geleugnet, dass russische Truppen auf der Halbinsel operierten.

In der russischen Version dagegen fehlt dieses Beispiel, stattdessen geht es hier um die Reden von US-Präsident Donald Trump und die Fehlinformationen, mit denen er arbeitet. Inzwischen ist klar, dass die Passage mit dem Wissen und der Zustimmung von Harari geändert wurde.

Mit einem Dilemma konfrontiert

In der israelischen Tageszeitung "Haaretz" äußerte sich Harari zu den Vorwürfen. Er sei gewarnt worden, in der Originalversion könne das Buch wegen der russischen Zensur nicht erscheinen. Er sei also mit einem Dilemma konfrontiert gewesen: "Sollte ich einige wenige Beispiele durch andere ersetzen und das Buch in Russland veröffentlichen - oder sollte ich nichts ändern, aber auch nicht veröffentlichen?"

Er habe sich für Ersteres entschieden, weil Russland eine führende globale Macht sei und er mit seinen Ideen deren Leser erreichen wolle. "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert" sei noch immer sehr kritisch mit Blick auf den Kreml - nur eben, ohne Namen zu nennen.

Wie die "New York Times" herausgefunden hat, wurde das entsprechende Kapitel allerdings nicht nur an einigen Stellen, sondern insgesamt stark verändert, sodass Kritik an Russlands Regierung entweder komplett fehlt oder abgeschwächt ist und Bezugnahmen auf den Krimkrieg vollständig gestrichen wurden.

Sogar die Widmung am Anfang des Buches wurde laut "New York Times" zensiert. Im Original bedankt sich Harari für die Unterstützung bei seinem Ehemann. In der russischen Ausgabe wurde das Wort "Ehemann" durch "Partner" ersetzt. Darauf von der "Times" angesprochen, reagierte Harari wütend: "Ich lebe offen schwul. Ich reise um die Welt und spreche darüber." Er werde umgehend seinen russischen Verleger kontaktieren.

Harari wurde mit seinem Buch "Eine kurze Geschichte der Menschheit" bekannt, in dem er einen prägnanten Überblick über die Entwicklung des Menschen von der Prähistorie bis heute liefert. Sein Buch "Homo Deus" wurde 2017 in Deutschland als "Wissensbuch des Jahres" ausgezeichnet. Darin vertritt er die These, der Mensch werde durch neue Technologien zu einem gottgleichen Wesen aufsteigen.

kae



insgesamt 16 Beiträge
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vulcan 01.08.2019
1. Reine Geldfrage
Tja, so ist das eben mit Diktaturen. Normalerweise würde man meinen, ein Autor, der etwas auf sich hält, verzichtet dann auf eine Veröffentlichung in einem solchen Land. Aber man muss ja auch leben....oder reich werden oder was immer. Etwas lächerlich, sich dann über die Änderung von 'Ehemann' zu 'Partner' aufzuregen. Darauf kommt's dann auch nicht mehr an. Auf jeden Fall führt einem das mal wieder sehr schön vor Augen, mit was für einem Land wir es mit Russland zu tun haben. Eklig.
Stereo_MCs 01.08.2019
2.
Der Mann scheint ja echt hinter seinem Werk zu stehen. Ein echter Idealist. Vielleicht geht es ihm aber auch einfach nur um die Einnahmen. Pressefreiheit in Russland? Quasi nicht vorhanden. Platz 150 von 180 sagt alles. Wenn man bei Rocketman sogar schon den Abspann zensiert... Wahrheit in Russland 2019 ist immer noch in etwa auf dem Niveau von Wahrheit unter Breschnew und Co. Siehe Krim, Ukraine, Syrien Krieg, MH-17 usw.
Sissy.Voss 01.08.2019
3. Naja
Naja, keine Diktatur ist vollkommen, sonst hätten die Russen den Murks ganz verboten. Das gehypte Buch "Kurze Geschichte der Menschheit" war jedenfalls so neben der Spur, dass ich es weggeworfen(!) habe, nachdem ich mich bis zur Mitte durchgebissen habe. Wenn jemanden so was interessiert, dann empfehle ich ihm Hermann Parzingers "Die Kinder des Prometheus". Weniger gehypt, dafür wissenschaftlich exakt und ohne haltlose Spekulationen und hirnrissige Interpretationen.
triptychon5zehn 01.08.2019
4.
1 Lektion über das 21. Jahrhundert: für Geld lässt man sich gern zensieren. Mal ehrlich, wer Zensur in einem solchen Buch duldet duldet auch die Regime dahinter. Für mich unverständlich und traurig.
Redigel 01.08.2019
5.
Fehlt nur noch, dass man den Autor pseudonymisiert und ihn Igor iljuschin genannt hätte. Putin, ein lupenreiner Demokrat. Auch hier bewundert von unseren besorgten Bürgern...
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