Yuval Noah Harari für Kinder Nicht so ganz auf Augenhöhe

Mit »Eine kurze Geschichte der Menschheit« gelang dem Historiker Yuval Noah Harari ein internationaler Bestseller – jetzt hat er dessen zentrale Erkenntnisse für Zehnjährige aufbereitet. Geht das auf?
Illustration aus »Eine kurze Geschichte der Menschheit«: Kein durchgehender Spaß

Illustration aus »Eine kurze Geschichte der Menschheit«: Kein durchgehender Spaß

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Ricard Zaplana Ruiz / dtv

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In »Eine kurze Geschichte der Menschheit« analysierte der Historiker Yuval Noah Harari  2013 mit Erkenntnissen aus ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen, wie der Mensch auf der Welt die Vorherrschaft übernehmen konnte – das Buch wurde zu einem internationalen Bestseller. Und Harari legte nach: 2020 wurde der erste Teil einer mehrteiligen Comicadaption für Jugendliche veröffentlicht, ebenfalls sehr erfolgreich.

Irgendwann wird wohl jeder Mensch Harari gelesen haben

Nun geht es noch weiter: Begleitet von einer globalen PR-Aktion erschien jüngst in vielen Ländern gleichzeitig die dritte Version von Hararis Menschheitsgeschichte, dieses Mal als vierbändige Reihe und geschrieben von Harari mit einem Autorenteam. Zielgruppe: Kinder ab zehn Jahren. Irgendwann wird wohl jeder Mensch, egal wie alt, »Eine kurze Geschichte der Menschheit« gelesen haben. Der erste Teil widmet sich der Steinzeit, in den kommenden Jahren sollen die Bände »Landwirtschaftliche Revolution«, »Antike, Mittelalter, Neuzeit« sowie »Moderne« folgen.

Zur Autorin
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Maria Feck

Agnes Sonntag wurde in eine Familie geboren, deren Mitglieder von Büchern magisch angezogen werden. Ihr Großvater arbeitete bei der Büchergilde Gutenberg und brachte ihr gern Fehldrucke mit, sodass sie bis heute das Ende vieler James-Krüss-Geschichten nicht kennt. Später studierte die gelernte Arzthelferin in Schweden Publizistik und Schwedisch. Sie arbeitete als Schwedischlehrerin, Übersetzerin und freie Mitarbeiterin des schwedischen Schulfunks. Seit einigen Jahren betreut sie beim Kinder-Nachrichtenmagazin »Dein SPIEGEL« die Buchtipps und rezensiert auf SPIEGEL.de Kinder- und Jugendbücher.

Auf der diesjährigen Kinderbuchmesse in Bologna erklärte Harari,  es sei ihm ein Anliegen, Kindern grundlegende wissenschaftliche Erkenntnisse zu vermitteln, damit sie die Probleme der Zeit in einem größeren Zusammenhang verstehen und die Geschichten der Alten kritisch hinterfragen können. Das ist ein berechtigtes Anliegen – aber transportiert das neue Buch es auch?

Im ersten Band geht es um die Entwicklung des Menschen von einem beliebigen Tier zu einem Wesen, das trotz körperlicher Unterlegenheit zum Herrscher der Erde wurde. In Schul- oder Sachbüchern ist dies eine Erfolgsgeschichte, die mit ersten Werkzeugen und der Macht über das Feuer beginnt. Die Kinder werden deshalb überrascht sein, dass der Mensch bei Harari nicht so gut wegkommt, denn er beschreibt auch die zerstörerischen Konsequenzen dieser Entwicklung für andere Lebewesen.

Unterm Strich: Ein gutes Vorlesebuch

Wie ein Geschichtenerzähler am Lagerfeuer spricht der Autor die Kinder direkt an, stellt ihnen Fragen, um sie einzubeziehen, und beschreibt in lebendigen Bildern die Entwicklungsstufen und den Alltag unserer Vorfahren. Er berichtet von Völkerwanderungen und riesengroßen Tieren, die einst auf dem Planeten lebten.

All das funktioniert gut, ebenso die farbenfrohen Bilder und die angenehm kurzen Kapitel. Harari trifft auch einen freundlichen, zugewandten Ton und bemüht sich, in einfachen Worten zu erklären. Aber so ganz auf Augenhöhe ist er dann doch nicht. Er mokiert sich abseits der Handlung auf erwachsene Weise über die eitle Verwendung lateinischer Begriffe oder wirft Fragen auf, die erst Seiten später beantwortet werden, um Dramatik in den Text zu bringen.

So kündigt er an, ein »Geheimnis aufzudecken« – vorher wolle man aber noch schauen, welche anderen Menschenarten es einst noch gab. Für Kinder, die gerade erst lesen gelernt haben, eine mühsame Sache.

Historiker Harari: Die Geschichten der Alten kritisch hinterfragen

Historiker Harari: Die Geschichten der Alten kritisch hinterfragen

Foto: dtv

Manchmal unterschätzt Harari seine Zielgruppe aber auch und erklärt ziemlich einfache Dinge unnötig ausführlich. So ist die Tatsache, dass es nur wenige gesicherte Erkenntnisse aus der Steinzeit gibt, auch für Kinder nach den ersten Beschreibungen und mit Blick auf die Illustrationen leicht zu verstehen. Harari aber will auch dies mit einem Beispiel veranschaulichen. Als Beispiel einer modernen, reichhaltigen Datenlage dient ihm die erste Mondlandung. Über mehrere Absätze beschreibt er dieses Ereignis in quälenden Details, man weiß schon gar nicht mehr, worum es eigentlich geht, – und macht es so unnötig kompliziert.

Spaß macht das Buch also nicht durchgehend, aber doch an vielen Stellen – vor allem, wenn Harari Lücken der Wissenschaft aufzeigt, etwa über die unklare Bedeutung von Höhlenmalereien schreibt, und die Kinder zu eigenen Gedankenspielen über deren Bedeutung ermutigt.

Und für eine seiner zentralen Botschaften findet er kindgerechte Beispiele: Unsere Lust auf Süßes und die nächtliche Angst im Dunkeln sind Instinkte, die in der Steinzeit überlebenswichtig waren und uns noch heute steuern. Wir leben größtenteils noch immer nach den Bauplänen unserer Urahnen – das ist auch für Kinder schon eine wichtige Erkenntnis, um unsere heutige Situation und unser Verhalten zu verstehen.

Unterm Strich: Ein gutes Vorlesebuch, ein Buch für die Kinder, die einen Sachtext lieber als Geschichte erzählt bekommen, und auch ein Buch für Erwachsene, denen der Urtext von Hararis »Geschichte der Menschheit« zu kompliziert ist.

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