Neuer Roman von Zadie Smith Ein zärtlicher Abgesang auf das Wir

Ein Buch zur richtigen Zeit: Während sich politische Debatten aufheizen, zeigt Zadie Smiths neuer Roman "Swing Time", wie mannigfaltig Gender, Race und Klasse verwoben sind.

Zadie Smith
Dominique Nabokov

Zadie Smith

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Eine stille Solidarität entspinnt sich sofort zwischen den beiden Mädchen, deren Leben sich bei einer Ballettstunde kreuzen: Sie sind im Kurs die einzigen Schwarzen. Die eine mit afrokaribischer Mutter und weißem Vater. Die andere ihr Spiegelbild mit schwarzem Vater und weißer Mutter. Beide wachsen Anfang der Achtziger im armen Nordwesten Londons auf. Beide sind geeint in ihrer Leidenschaft für den Tanz. Beide stehen am Anfang von Zadie Smiths großartigem Roman "Swing Time", die eine als anonyme Ich-Erzählerin, die andere schlicht als: Tracey.

Manchmal scheinen die Startbedingungen fast gleich. Aber da sind ja immer noch unendlich viele Stellschrauben, die beeinflussen, wie ein Leben gedeiht und wächst - und die dazu führen, dass ein Mensch mit Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht und den Machtverhältnissen, die all dies sortieren, anders umgeht als ein anderer: Die Mutter der Anonymen liest kritische Theorie, fällt im Viertel mit Latzhosen statt Blingbling auf, der Vater ist Arbeiter, der dieser wachsenden intellektuellen Neugier seiner Frau nicht genügen kann. Die Mutter von Tracey ist arbeitslos, der Vater in ihrer Fantasie Background-Tänzer bei Michael Jackson, in Wirklichkeit aber Kleinkrimineller.

Überquer mit sich und der Welt

25 Jahre später ist die Ich-Erzählerin persönliche Assistentin eines Mega-Popstars, jettet ohne Partner, Kinder und Bindungen um die Welt, ihr Alleinsein trägt Freiheit und Einsamkeit zugleich in sich. Und Tracey lebt noch immer im alten Viertel, mit zwei Kindern und einem verschwörungstheoretischen Hang; mehr als nur leicht überquer mit sich und der Welt.

Die ganz großen Themen - Identität, Globalisierung, Diskriminierung - geistreich-humorvoll mit Einzelschicksalen zu verweben, ohne ihre Figuren zu platten Stereotypen zu machen, ist Zadie Smiths Spezialität: Bereits in ihrem gefeierten Debütroman "Zähne zeigen" vor 17 Jahren verwob sie die Geschichten ethnisch vielfältiger Familien mit gesellschaftlichen Erwartungen, brachte zudem immer die eigene Biografie ein. Wie viele ihrer Protagonisten wuchs auch Smith im Nordwesten Londons auf.

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Zadie Smith:
Swing Time

Kiepenheuer & Witsch; 640 Seiten; 24 Euro

Heute wirkt ihre Erzählkunst unglaublich zeitgemäß, als ideale Begleitliteratur für den liberalen Kosmopolitismus, der sich spätestens nach der Wahl Trumps und dem Brexit-Votum seiner selbst bewusst geworden ist - und Smith, die mit ihrer Familie zwischen London und New York pendelt, wie die Personifizierung dieser Lebenshaltung.

Die größte Schönheit von "Swing Time" liegt aber ausgerechnet darin, dass Smith - im Gegensatz zu dem, was häufig in der realen politischen Debatte passiert - Kategorien wie etwa Klasse, Race und Gender als fluide, miteinander verschränkte Identitätsfelder behandelt, statt sie als starre Begriffe zu verstehen. Während zum Beispiel Feministinnen darüber streiten, ob auch eine vollverschleierte Frau oder eine mit operierten Brüsten eine Feministin sein darf und so auch neben der Sache immer ein "Wir" und "Ihr" verhandelt wird, erlaubt sich Smith den Luxus, solche Fragen zwar zu problematisieren, aber sie nicht zu beantworten:

Während sich die Mutter der Ich-Erzählerin von einer Kindheit voller Gewalt noch durch einen klassischen Bildungsaufstieg emanzipierte und sich als späte Berufspolitikerin über den Stolz auf das Erarbeitete und die eigene Hautfarbe definiert, sagt die anonyme Erzählerin - selbst satter geboren, aber eben auch in dem Wissen, nie an die Mutter heranzureichen: "Ich habe mir keine Gedanken gemacht, was ich eigentlich repräsentiere."

Staunend angesichts der eigenen Ähnlichkeit und Andersartigkeit

Als sie selbst für längere Zeit in ein Dorf in Westafrika reist, weil ihre Popstar-Chefin Aimee dort Charity veranstaltet, will sie dennoch die eigene Geschichte in sich zum Klingen bringen, von den Küsten aus wurden ihre Vorfahren als Sklaven nach Jamaika gebracht. Aber natürlich wird ihr das verweigert: Aus dem Dorfalltag wird sie herausgehalten, darf nicht mal Wasserholen, selbst Babys werden ihr mit lächelnder Ironie auf den Arm gegeben: "Schließlich kannten sie Leute wie mich. Sie wussten, wie wenig Realität wir verkraften konnten." Das Wir, das in London durch die jamaikanische Mutter etabliert wurde, besitzt hier keine Geltung. Sie, die im Westen als Schwarze gilt, wird als Weiße wahrgenommen. Zu dem größten, verwunderten Kompliment ist es dann ein langer Weg, dann sagt es doch ein Dorfbewohner: Sie tanze ja wie eine Schwarze.

Smith, die selbst Nebenfiguren stets umfassend ausleuchtet, weitet das Bewusstsein des Lesers für die Verwobenheit von Umständen, Identitäten und Biografien zudem durch viele anderen Figuren: Da ist Aimee, ein offensichtlich an Madonna und Angelina Jolie angelehnter Überstar, der in einer "Welt beweglicher Fakten" unterwegs ist. Ihr Leben macht sie durch Geld und Macht zu einer geraden Bahn, ein besonders süßes Baby wird da halt einfach aus einem Dritte-Welt-Land wegadoptiert. In ihrer Sphäre ist es Selbstverständlichkeit und guter Ton zugleich, sich von Störfaktoren wie Hautfarbe oder ökonomischer Ungleichheit loszumachen.

Da ist - als krasser Gegensatz zu dieser luxuriösen Gedankenlosigkeit - Traceys Mutter, deren Leben so viel weniger Spielraum lässt: Als sie arbeitslos ist, gilt sie unter den Frauen als schlechter Einfluss. Als sie arbeitet, wird ihr vorgeworfen, nie für die Tochter da zu sein.

Und da ist natürlich Tracey selbst, das ewige Spiegelbild der Ich-Erzählerin - die beiden Frauen begegnen sich irgendwann wieder, weil sie nicht von der eigenen Biografie und so auch nicht voneinander lassen können: neidend, um eine Freundschaft trauernd, staunend angesichts der eigenen Ähnlichkeit und Andersartigkeit. Der Leser folgt ihnen mit einer seelischen Offenheit, die nur Literatur auslöst, die so genau hinschaut.



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