Autorin über das Ende des Patriarchats Barrieren einreißen

Toxische Männlichkeit ist auch für Männer giftig. Carolin Wiedemann zeigt in »Zart und frei. Vom Sturz des Patriarchats«, warum wir deshalb den queeren Feminismus brauchen.
Autorin Wiedemann: Jenen, die Angst um ihre Privilegien haben, nimmt sie die Furcht.

Autorin Wiedemann: Jenen, die Angst um ihre Privilegien haben, nimmt sie die Furcht.

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SIMON MARTIN / Matthes & Seitz

Als Harry Styles vor wenigen Wochen in einem graublauen Gucci-Kleid auf dem Titelblatt der US-»Vogue« posierte, feierten das einige als revolutionären Akt. Immerhin ist Styles der erste Mann mit einem Solo-Cover des Magazins. Und dann trägt er darauf nicht etwa Maßanzug, sondern Spitzenkleid. Andere sahen darin keine Rebellion gegen Genderklischees, sie zürnten: »Bringt männliche Männer zurück«. Das twitterte etwa eine rechte Aktivistin , über 90.000 Menschen stimmten ihr zu.

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Warum das nicht bloß Quatsch ist, sondern ein antifeministischer, gefährlicher Beißreflex, zeigt Carolin Wiedemann in ihrem Buch »Zart und frei. Vom Sturz des Patriarchats«. Darin erläutert die Journalistin, wie die Kritik von Genderpolitik zu einem zentralen Bezugspunkt der Neuen Rechten werden konnte. Und warum die bis in die liberale Linke reicht.

Wiedemann, die Journalistik und Soziologie studierte und mehrere Jahre beim Magazin »Frankfurter Allgemeine Quarterly« arbeitete, schreibt darin so, als reagiere sie auf Kritik, bevor sie überhaupt geäußert wurde. Etwa: Brauchen wir überhaupt noch ein weiteres Buch über Feminismus? Haben wir nicht schon genug? Genug gelesen, genug gelernt?

»Pinkifizierung« von Kinderzimmern

Wiedemann blättert die vergangenen Jahre wie ein Daumenkino durch, von der Rückkehr längst überholter Genderklischees wie der »Pinkifizierung« von Kinderzimmern durch die bei Mädchen beliebte Figur Prinzessin Lillifee bis zu #MeToo und Gender-Pay-Gap. Die Zusammenfassung endet im Jahr 2020 – als nicht bloß die Fälle häuslicher Gewalt während der Pandemie zunehmen, sondern Frauen wieder mehr damit beschäftigt sind, sich um Kinder, Heim und Herd zu kümmern, während Männer Zeit für wissenschaftliche Abhandlungen haben. Hat sich also genug getan? Eher nicht.

Gesellschaftskritik verknüpft Wiedemann behände mit der Geschichte des Feminismus und den Forderungen gegenwärtiger queer-feministischer Bewegungen. Wiedemann erzählt so souverän und detailgenau, dass auch jene einsteigen können, bei denen Simone de Beauvoir oder Margarete Stokowski noch nicht auf dem Nachttisch liegen. Und jenen, die Angst um ihre Privilegien haben, nimmt sie die Furcht.

Denn hegemoniale Männlichkeit unterdrückt fast alle, auch und sogar Männer. Das Leistungsethos, die Verweigerung von Hilfe, die Härte gegen sich selbst und gegen andere, also alle Meriten, die gemeinhin als besonders männlich gelten, beschneiden und begrenzen alle. Toxische Männlichkeit, zeigt Wiedemann, ist auch für Männer giftig.

Oder wie Harry Styles der »Vogue« über seinen Modegeschmack erzählte: »Immer, wenn man in seinem eigenen Leben Barrieren errichtet, schränkt man sich nur selbst ein.« Manchmal kann schon ein Kleid sie etwas einreißen.

Antifeministischer Backlash

Meistens aber reicht das nicht, beweist die Autorin. Denn der antifeministische Backlash ist gewaltig – und schwappt über verschiedene Milieus hinweg. Rechtspopulistinnen und -populisten greifen für ihre Propaganda Vorurteile auf, die auch in konservativen Kreisen existieren. Sexismus und Misogynie etwa tarnen sich in der Sorge über Sprechverbote, Männerdiskriminierung und den Fortbestand der traditionellen Kleinfamilie. Katholische Abtreibungsgegner, liberale Journalistinnen und Journalisten und einige Linke, die den Feminismus lediglich für ein eher überflüssiges Zusatzprogramm des Kampfes um soziale Gerechtigkeit halten, lassen das Patriarchat so wieder erstarken.

Was man dagegen tun kann? Wiedemann liefert Antworten. Das Ehegattensplitting überdenken, die sexistische Arbeitsteilung subventioniere; sich mit kritischer Männlichkeit auseinandersetzen; Familie jenseits der Mutter-Vater-Kind-Konstellation denken und Gender jenseits der Binarität von Mann und Frau.

Heißt das, dass wir alle queer werden sollen? Nein, antwortet Wiedemann ihrem imaginierten Kritiker. Frei sein bedeute nicht, »dass wir gezwungen sind, mit gegenwärtigen Geschlechtsidentitäten und Begehrensformen zu brechen.« Wir sollten aber verantwortungsvoll mit unseren jeweiligen Spielräumen umgehen, argumentiert sie. Und solange Gender, Sexualität, Herkunft und das soziale Milieu über die Größe eines Spielraums entscheiden, sollten wir offen sein zu teilen. Und den Spielraum dann neu ordnen.