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Zeitschrift „Querformat“: Rauchen davor und danach

Foto: Don English/ Getty Images

Zeitschrift "Querformat" Rauchen davor und danach

Von wegen spröde: Die Zeitschrift "Querformat" zeigt, wie schön Wissenschaft sein kann. Sie kombiniert Theorie mit Design, auch in der neuesten Ausgabe: einer Kulturgeschichte des Rauchens. Da lösen sich die guten Vorsätze fürs neue Jahr schnell in Rauch auf.

Rauchverbot

"Querformat" will beides sein: kulturwissenschaftliches Magazin und Designobjekt. Die Zeitschrift, gefördert von der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, widersetzt sich dem Gesetz der Wiedererkennbarkeit, dem sich fast alle Kiosktitel unterwerfen. Ihr Konzept: Jede Ausgabe hat ein neues Leitthema - und passend dazu eine neue Optik. Das erste Heft befasste sich 2008 mit Kitsch und Nippes, das dritte Heft soll im September 2010 folgen und sich dem Thema Wellness widmen, auf dem aktuellen Titel steht "Die Zigarette - danach". Nicht nach dem Sex, sondern nach dem in Restaurants, Behörden, Zügen.

Es ist eine Zeitschrift mit Fußnoten, das schon, zudem mit überkorrekten Bildangaben, was manchmal nervt, aber dafür sind die Texte angenehm knapp, und die Aufmachung ist sinnlich: Der Einband ist aus grau-beiger Pappe, was schmutzig wirkt und an einen lange nicht geleerten Aschenbecher erinnert. Von der Titelzeile steigt eine Rauchschwade auf; beide Elemente sind im so genannten Laserstanzungsverfahren bewusst so ausgebrannt worden, dass echte Schmauchspuren zurückgeblieben sind.

Rauchen kann ja so ästhetisch sein

Die Texte wirken sehr kompakt, mit viel Weißraum außen herum. Sie sind in Blöcken leicht versetzt gestapelt und für eine wissenschaftliche Zeitschrift üppig bebildert; die mageren Buchstaben der Überschriften strecken sich weit in die Höhe. Das alles ist nicht unbedingt gut lesbar, aber schön. So schön, dass manch einer die guten Vorsätze fürs neue Jahr noch einmal überdenken mag: Rauchen kann tödlich sein, schon klar, aber auch mächtig ästhetisch.

Als Bonus liegt jedem Heft ein loses Foto bei: aus der Edition "Smoke (Abstraction)" der tschechisch-österreichischen Künstlerin Swetlana Heger. Der Designclou des Heftes sind aber einzelne Seiten, die schmaler sind als die anderen und obendrein ockerfarben: die sogenannten Filter-Seiten. Auf ihnen sind kleine Fund- und Versatzstücke untergekommen, etwa eine kurze Analyse der Frauenzigaretten Kim und Eve.

Marlene Dietrich

Rita Hayworth

Größeren Raum bekommt zum Beispiel ein Interview mit dem Medientheoretiker und bekennenden Raucher Friedrich Kittler, ferner Adrien Gombeauds Untersuchung "Tabak und Thanatos" über Rauchen im Film. Birgit Käufer liefert einen klugen Text über Diven wie und , die rauchend für Fotos posiert haben. "Die Rauchende wird zur Anrüchigen", schreibt sie, weil das öffentliche Rauchen noch bis ins 20. Jahrhundert hinein als unweiblich und frivol gegolten habe. Gleichzeitig erinnere der Qualm im Bild jedoch an die sakrale Verwendung von Weihrauch, "der die sinnliche Komponente des Göttlichen hervorhebt". Schließlich macht die abbrennende Zigarette dem Betrachter auch die Zeit bewusst, die seit der Aufnahme vergangenen ist - und verweist so auf Zerbrechlichkeit und Verfall der Schönheit.

Auch Dandy-Detektive wie Sherlock Holmes rauchen

Edgar Allan Poes

Rauchenden Detektiven widmen sich Anna Daßler und Frank Veser: Bei Sherlock Holmes zum Beispiel, so schreiben sie, würden Pfeife, Zigarette oder Schnupftabak unterstreichen, dass er einen exzentrischen Charakter habe und sich sozialen Bindungen entziehe. Noch wichtiger: Wer raucht, schenkt dem Geschehen nicht seine volle Aufmerksamkeit; er lässt sich nicht beeindrucken. Während ein Mord die Gesellschaft in Angst und Schrecken versetzt, hat er für rauchende Dandy-Detektive wie Holmes oder auch Dupin allein die Faszination eines Rätsels, mit dem sie sich die Langeweile vertreiben. Wie mit einer Zigarette.

Lesenswert ist auch der Text "Das ausgestellte Rauchen" von Sarah Becker, Johanna Gehring und Svenja Kriegel. Das Rauchen im öffentlichen Raum sei durch all die Verbote nicht verschwunden, schreiben sie, es sei sichtbarer denn je: Vor Kneipen drängeln sich die Raucher unter Heizpilzen, an Bahnsteigen innerhalb gelber Klebeband-Rechtecke und an Flughäfen in Glaskabinen. Ein Anblick, den die Künstlerin Norma Jeane 2008 auf der Frieze Art Fair in London mit ihrer Installation "The Straight Story" aufgriff: Sie stellte drei Glaskabinen für je einen Raucher mitten in den Raum, umgeben von Kunstobjekten. Wer hinein ging und rauchte, wurde zum Ausstellungsobjekt - als einer der letzten seiner Art.

Möglicherweise kommt der Abgesang aber auch zu früh. Gerade in einem raucherfeindlichen Umfeld, schreiben die Herausgeber Alexandra Karentzos und Thomas Küpper im Editorial, "demonstriert das Rauchen möglicherweise Distinktion, Genusswillen oder auch Widerstand gegen Bevormundung". Gut möglich also, dass es zu einer Renaissance des Rauchens kommt, geboren aus dem Rauchverbot.

Es wäre ein weiteres spannendes Kapitel in der Kulturgeschichte der Kippe.


"Querformat" : Die Zigarette - danach, herausgegeben von Alexandra Karentzos, Thomas Küpper, Jörg Petri und Ulrike Stoltz, 9,80 Euro, Bestellung über die Website des Verlags Transcript  .

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