Don DeLillos Kryonik-Roman "Null K" Der Tod ist abgeschafft

Sterben war gestern: In "Null K" beschreibt Paranoia-Großmeister Don DeLillo, wie sich Menschen für eine bessere Zukunft einfrieren lassen. Der Tod ist hier nur noch ein kapitalistisches Strategiespiel.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich zur Veröffentlichung der englischsprachigen Ausgabe im Juni

Der Tod ist wirklich das Letzte. Für Menschen, die das Leben als unendlichen Optimierungs- und Maximierungsprozess verstehen, ist das Sterben eine besonders große Beleidigung. So wie für Ross Lockhart, den Selfmade-Milliardär und Selbsterfinder. Lockhart ist ein Mann, der rigoros in Prozessen denkt, dabei immer wieder seine Persönlichkeit gewechselt und ein gigantisches System an Firmenbeteiligung aufgebaut hat. Akkumulation als Lebensprinzip, Kapitulation undenkbar. Erst recht vor dem Tod.

Die Sterblichkeit ist für Lockhart nur ein weiteres Problem, das es zu überwinden gilt; sein Expansionswille reicht sozusagen bis in alle Ewigkeit. In einem halb unter der Erde liegenden Hightech-Resort in Kasachstan mit Cyber-Sicherung bereitet er sich mit anderen reichen Menschen darauf vor, seinen Körper einfrieren zu lassen, um sich in der Zukunft als verbesserte Version seiner selbst auftauen zu lassen.

Der missratene Sohn besucht den mächtigen Alten, für den die Zeit zum Einfrieren drängt. Lockharts geliebte, zweite Frau ist sterbenskrank, der Milliardär bereitet sich mit ihr gemeinsam auf die Sektion Zero K vor, wo bei 196 Grad Celsius alle Muskel- und Nervenaktivitäten runtergefahren werden. Tod auf Bestellung. Oder, wie es das Finanzgenie Lockhart selbst sieht: eine Investition in die Zukunft.

Evolution und Deformation durch Technik

Das Szenario, das Don DeLillo in seinem im Juni bereits in den USA erschienenem Sci-Fi-Roman "Zero K" (deutscher Titel: "Null K" beschreibt, ist nicht so weit hergeholt: In der Wüste von Arizona gibt es bereits eine Einrichtung, die technisch nicht so aufgerüstet ist wie die von DeLillo beschriebene Nekropole, wo aber im Prinzip ebenso am Leben nach dem Leben gearbeitet wird: die Alcor Life Extension Foundation, eine gemeinnützige Einrichtung mit Operationssaal und eisgekühltem Körperlager.

Hier warten bei rund minus 200 Grad Celsius eingefrorene Menschen auf ihre Rückführung ins Diesseits. Wahrscheinlich warten sie für immer. Nach Aclor-Angaben sollen sich insgesamt 300 Personen in die sogenannte Kryostase (nach "kryos", dem griechischen Wort für kalt) versetzt lassen haben. In Filmen wurde das Thema immer wieder aufgegriffen - von Wes Cravens Horrorthriller "Chiller" aus dem Jahr 1985 bis zum wissenschaftlichen Hokuspokus der J.-J.-Abrams-Serie "Fringe".

Meister der Paranoia

DeLillo hat aus diesem Stoff nun sein bestes Buch seit langer Zeit erschaffen; bislang ist es nur im englischsprachigen Raum erschienen, die Veröffentlichung in Deutschland steht im Herbst an. Achtzig Jahre alt wird der Schriftsteller dieses Jahr, dass er jetzt das Sterben in einer Art Hightech-Meditation beschreibt, ist konsequent. Kein zweiter Autor hat sich so umfassend mit der Evolution und Deformation des Menschen durch Technik beschäftigt. Nüchterne Gesellschaftsprognose und düstere Prophetie waren in seinen Büchern immer eins; das Tech-Magazin "Wire" nannte ihn den "Chefschamanen der Paranoia-Schule der US-Fiction".

Schon 1971 beschrieb DeLillo die Welt als mediale Simulation: In seinem ersten großen Roman "Americana", schickte er einen zynischen Fernsehproduzenten ins Land hinaus, um das ursprüngliche Amerika wieder zu entdecken. Natürlich fand der Held, ein früher "Mad Men", dann nur sich gegenseitig überdeckende Werbeimpressionen.

Krieg als Sprache, Allmacht der Medien

Bereits 1984, das Internet war noch nicht erfunden, erkundete DeLillo in "Das weiße Rauschen" den Sound eines Datenflusses, in dem der Mensch wie Treibgut dahinströmt. Und 1991 - zehn Jahre vor 9/11! - verfasste er mit "Mao II" eine bestürzend klare Reflexion über den Terror als komplexes Zeichensystem.

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Krieg als Sprache, Allmacht der Medien, Diktat des militärisch-industriellen Komplexes, das sind DeLillos Kernthemen. Zuletzt behandelte er in dem Roman "Der Omega-Punkt" - ein Militärberater sinniert hier in der kalifornischen Wüste über den Werdegang der Menschheit - den modernen Krieg als technischen Schöpfungsakt und Endpunkt der menschlichen Evolution zugleich. Nichts geht mehr am Omega-Punkt. History is over.

Eine (damals wohl noch nicht als solche gesehene) erzählerische Rampe zu seinem neuen Werk "Zero K", das mit einem wunderbar einfachen DeLillo-Satz beginnt: "Everybody wants to own the end of the world". Dieses Ende der Welt steht in dem Kryonik-Roman kurz bevor; während sich der Milliardär in seinem hochgerüsteten modernen Pharaonengrab im kasachischen Nirgendwo aufs Einfrieren vorbereitet, laufen auf den allgegenwärtigen Bildschirmen Nachrichtenbilder von Tornados und Hochwassern, von Aufständen und Völkermorden.

Da wird das Leben nach dem Tode zum letzten großen Schöpfungsakt des Menschen in einer nahezu rundum vom Menschen zerstörten Schöpfung. Oder, wie Lockhart im verknappten DeLillo-Dialogsprech einmal sagt: "One dies, the other has to die." Der eine muss sterben, der andere stirbt aktiv, so wie er es plant. Der Tod als kapitalistisches Strategiespiel, bei dem man alle Karten in der Hand hat.

Doch "Zero K" ist kein ökologischer Weckruf und auch keine schlichte kapitalismuskritische Dystopie. DeLillo interessiert vor allem, wie das Diktat der Maximierung und Optimierung das Miteinander der Menschen bestimmt. Und das beschreibt er in einem fast schon klassischen Vater-Sohn-Roman, der zuweilen ironisch gebrochen wird. Etwa wenn es darum geht, wo der Alte war, als die Mutter starb. "Auf dem Cover von 'Newsweek'", wie sich der Sohn erinnert.

Eine überschaubare, aber ergiebige Personenkonstellation - im familiären Kleinkram offenbaren sich die letzten großen Dinge. Fragt der Sohn den Vater: "Warst du nicht der Mann, der mich über die Vergänglichkeit des Menschen aufgeklärt hat? Unser Leben wird in Sekunden bewertet. Und nun verkürzt du es auf eigenen Wunsch?" Antwortet der Vater expansionsbewusst wie eh und je: "Ich beende eine Version meines Lebens, um in eine andere, weitgehend permanente Version einzutreten."

Das ist der Clou in diesem großen, späten, hellwachen DeLillo-Werk: Der Mensch ist hier nur noch eine Art Softwareprogramm, der glaubt, in immer verbesserten Formen der immer fehlerhafteren weltlichen Hardware begegnen zu können. Der Tod, diese elende Zumutung, ist abgeschafft.

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit dem Schwerpunkt Medien und Gesellschaft.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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