Thriller-Autorin Zoë Beck über Gesundheits-Apps "Ich habe nur weitergedacht, was man heute schon sehen kann"

"Paradise City", der neue Roman der preisgekrönten Krimiautorin Zoë Beck, handelt von einer Gesundheitsdiktatur. Hier erzählt sie, welche realen Vorbilder sie sieht - und was sie von der Corona-Warn-App hält.
Ein Interview von Marcus Müntefering
Autorin Beck: "Als hier der Lockdown kam, war das Buch längst im Lektorat"

Autorin Beck: "Als hier der Lockdown kam, war das Buch längst im Lektorat"

Foto: imago stock&people

SPIEGEL: Frau Beck, in "Paradise City" beschreiben Sie ein zukünftiges Deutschland, in dem ein Großteil der Bevölkerung nach Pandemien gestorben ist. Ist Ihr neuer Roman ein literarischer Corona-Schnellschuss?

Beck: Überhaupt nicht, das Exposé stammt bereits aus dem Jahr 2018, ich habe thematisch nun wirklich nicht auf Corona gewartet.

SPIEGEL: Wie war es für Sie, als die Coronakrise begann, nur wenige Monate, bevor Ihr Buch auf den Markt kommen sollte?

Beck: Erst einmal dachte ich: Na danke, jetzt wird jeder glauben, ich will da auf einen Zug aufspringen. Deshalb betone ich immer: Als hier der Lockdown kam, war das Buch längst im Lektorat. Ich fand dann aber einige Parallelen doch etwas unheimlich, zum Beispiel, dass die Menschen im Roman nicht mehr so gern ins Ausland reisen, die Staaten sich wieder abgeschottet haben. Und das passierte dann ja im März, als die Grenzen geschlossen wurden.

SPIEGEL: Im Mittelpunkt Ihres Thrillers steht eine Gesundheits-App, die sich, man will nicht zu viel verraten, als ziemlich übergriffig herausstellt. Auch dieses Thema ist ja durch Corona noch aktueller geworden.

Beck: Vorbild waren hier zum einen die Fitness-Apps, die auf sehr vielen Smartphones vorinstalliert sind und zum Beispiel Schritte zählen. Es ist schon seltsam, wenn dir dein Telefon gratuliert, weil du ausnahmsweise mal 10.000 Schritte geschafft hast - zumal wenn du dich bei der App nicht einmal angemeldet hast. Und dann gibt es die Krankenkassen, die überlegen, ihren Mitgliedern finanzielle Erleichterungen zu gewähren, wenn sie zum Beispiel durch eine App nachweisen, dass sie gesund leben.

SPIEGEL: Wie stehen Sie zu Gesundheits-Apps wie der gerade gestarteten Corona-Warn-App?

Beck: Da wurde so sorgfältig auf den Schutz der persönlichen Daten geachtet, dass nicht mal der Chaos Computer Club noch Einwände hatte. Sogar der Quellcode ist einsehbar und dadurch überprüfbar. Ich habe sie sofort nach Mitternacht runtergeladen. Es ist eine reine Warn-App und damit etwas ganz anderes als diese Schrittezähl- oder Sport-Apps. 

SPIEGEL: Wie unterscheidet sich die App in Ihrem Roman von der Warn-App vom Robert-Koch-Institut?

Beck: Die Gesundheits-App in meinem Roman geht weit darüber hinaus. An ihr hängt ein Belohnungssystem, sie greift wesentlich in den Alltag ein, indem sie Handlungsanweisungen gibt - und sie speichert wirklich alles! Die Absichten der Entwickler waren gut, sie wollten zum Beispiel, dass Erkrankungen früh erkannt werden und Menschen wirklich geholfen werden kann. Beim Programmieren sind aber Fehler entstanden. Und diejenigen, die die Verantwortung für den Einsatz der App haben, verstehen nicht, dass es auch so etwas wie ein Recht auf die eigene Krankheit gibt.

"Muss man bei jeder Normabweichung sofort handeln? Wer bestimmt die Norm?"

Zoë Beck

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Beck: Wenn es sich nicht um eine ansteckende Krankheit handelt, die andere gefährdet - so wie jetzt beim Coronavirus -, und sich eine Person nicht behandeln lassen will, warum soll man sie zwingen können? Darf sich ein Mensch nicht selbst zugrunde richten? Oder einfach mit einer Erkrankung leben, weil sie nicht als schlimm empfunden wird? Muss man bei jeder Normabweichung sofort handeln? Wer bestimmt die Norm?

SPIEGEL: In "Paradise City" nehmen die Menschen die Vorteile dieser App allzu gern an. Scheint es Ihnen realistisch, dass sie dafür Freiheit und Selbstbestimmung weitgehend aufgeben?

Beck: Ja, für mich ist es denkbar, dass es so kommen könnte. Die Menschen müssen sich eigentlich um nichts mehr kümmern, und das gefällt den meisten. Ich habe hier nur weitergedacht, was man heute schon sehen kann: Nicht wenige sind überfordert mit den unendlich vielen Möglichkeiten, die sie haben, um sich zu informieren. Und daher gibt es den Wunsch nach einfachen Narrativen und die Bereitschaft, die Verantwortung abzugeben.

SPIEGEL: Haben Sie ein Beispiel dafür?

Beck: Nehmen wir die von der Boulevardpresse inszenierte Diskussion um Christian Drosten. Da geht es doch darum, ob man ihm glaubt oder nicht. Er selbst aber würde, denke ich, immer sagen: Es gibt kein Entweder-oder, sondern einen Prozess, der ständig neu bewertet werden muss. Das kann für viele Menschen gerade in einer Krisensituation schwierig, anstrengend und verunsichernd sein. Und deshalb sind irritierend viele eher bereit, einfachen Erklärungen zu glauben, egal wie abstrus sie sind. Es gibt leider auch in meinem Umfeld genügend Menschen, die der sogenannten Mainstreampresse misstrauen, dafür aber dubiosen Quellen vorbehaltlos vertrauen.

SPIEGEL: Sie drehen das in Ihrem Buch um: Die offiziellen Nachrichten sind vom Staat gelenkt, aber es gibt noch ein paar Handvoll Journalisten wie Ihre Heldin Liina, die echte Recherchearbeit leisten. Sie werden als "Wahrheitspresse" diffamiert.

Beck: In meiner Zukunft werden Fake News nicht mehr gestreut, um ein System zu destabilisieren, sondern sie sind, wie auch Deep Fake Videos, dazu da, eine eigene Realität zu schaffen, um den Menschen Sicherheit zu vermitteln. Das kennen wir natürlich auch heute schon so ähnlich, wenn wir etwa Richtung China oder Russland schauen.

SPIEGEL: In Ihrer Zukunft gibt es keine Protestkultur mehr. Die sogenannten "Parallelen", die sich weigern, dem Staat zu vertrauen, leben am Rand der Gesellschaft und werden nicht mehr wahrgenommen. Ist es nicht ironisch, dass wir aktuell Proteste haben, die im Namen von Freiheit und Selbstbestimmung teilweise absurdes Gedankengut verbreiten?

Beck: Auf keinen Fall darf man die "Parallelen" mit den Attila Hildmanns und Xavier Naidoos unserer Zeit gleichsetzen. Da stecken andere gesellschaftspolitische Haltungen dahinter. Aber es ist auch für mich persönlich gerade etwas absurd: Bis vor Kurzem gehörte ich zu denen, die immer wieder demonstriert haben, wenn die Regierung etwas verbockt hat. Und das hat sich gerade umgedreht: Jetzt ertappe ich mich dabei, wie ich gelegentlich die Kanzlerin in Schutz nehme. Wenn auch immer mit der Einleitung "Ich habe sie zwar nicht gewählt, aber …"

SPIEGEL: Sie bleiben im Buch eher vage, was das Regierungssystem der Zukunft angeht. Wie dürfen wir es uns vorstellen?

Beck: Es gibt eine Präsidentin, ein Kanzleramt, Ministerien. Man hat sich in meiner Zukunft darauf geeinigt, dass man gemeinsam für das Gemeinwohl sorgt, Parteizugehörigkeit ist Kosmetik. Ein System, das so tut, als wäre es eine Demokratie. Aber in Wahrheit ist es doch eher ein autoritäres System wie Russland, nur gleich ganz ohne Opposition.

SPIEGEL: Die neue Rechte, gegen die Sie ja seit Jahren unter anderem mit dem Aktionsbündnis #verlagegegenrechts  angehen, spielt in Ihrer Zukunft keine Rolle mehr?

Beck: Ich benenne sie nicht, aber natürlich sind ihre Ideen überall präsent. Es wird von oben diktiert, Abweichungen werden kaum zugelassen, die Presse ist weitgehend gleichgeschaltet, und es findet ein Ausleseprozess statt: Was ist lebenswertes Leben und was nicht? Außerdem ist in dem Zeitraum zwischen heute und der Welt von "Paradise City" ja einiges passiert, es gab Umweltkatastrophen und Pandemien. Und dass Zeiten, in denen Alarm ist, gern genutzt werden, um eine Stärkung der Machtbefugnisse von Regierungen zu rechtfertigen, weiß man ja. Da zeigt sich dann, wie stark eine Demokratie wirklich ist.

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