Schnappschüsse aus Museen Menschen, die auf Bilder gucken

Stefan Draschan fotografiert Museumsbesucher - und schafft dadurch ganz neue, eigene Kunstwerke.

Stefan Draschan/ Hatje Cantz

Wenn das Regenjackenblau der Museumsbesucherin exakt dem Kleiderblau der Dame auf dem Ölgemälde gleicht, sich Tätowierungen und Haarfarben als Fortsetzungen der Musterungen auf den Bildern präsentieren, wenn der T-Shirt-Slogan des jungen Mannes vor dem düsteren Caspar David Friedrich die Szenerie mit einem "DESTROY" kommentiert - dann handelt es sich um einen von Stefan Draschans "Zufällen im Museum".

Unter diesem Titel erscheinen jetzt 80 von Draschans Mensch-Bild-Kompositionen, die über Instagram zu Berühmtheit gelangten, in Buchform. Draschan ist Jahrgang 1979, gebürtiger Österreicher, Wahl-Berliner, versierter Museumsgänger, der dem eigenem Bekunden nach Menschen und Kunst gleichermaßen liebt - und eigentlich eher unverhofft zur Fotografie gekommen ist. Doch dazu später mehr. Wie lange muss er ausharren für den perfekten Moment, in dem sich der Mann mit der pinkfarbenen Halbglatze vor dem Baselitz mit pinker Glatze positioniert? "Im Schnitt dauert es bei mir heute neun Minuten bis zum ersten Match, das ich fotografisch im Kasten habe."

Kopf vor Frederic-Edwin-Church-Werk: eine unterhaltsame Sehschule
Stefan Draschan/ Hatje Cantz

Kopf vor Frederic-Edwin-Church-Werk: eine unterhaltsame Sehschule

Rund 750 Motive sind zusammengekommen

Den Mythos des perfekten Moments dekonstruiert er mit Vergnügen: Meist fotografiere er "stümperhaft jegliches Bild im Raum", die Erlaubnis zur Veröffentlichung hole er oft erst nachträglich ein. Für genügend Nachschub ist ohnehin gesorgt: "Ja, ich bin selbst noch Gast, mache das ja vorwiegend aus Spaß und Leidenschaft." Das größte Geheimnis seiner Arbeit dürfte also tatsächlich die bloße Menge an Zeit sein, die Draschan im Museum verbringt. Was hoffentlich nicht zwanghaft wirkt: "Ich freue mich bei meinen Besuchen immer noch genauso über meine Lieblingsgarderobieren oder Audioguide-MitarbeiterInnen oder MuseumswärterInnen wie sie sich über mich."

Fotostrecke

8  Bilder
"Zufälle im Museum": Knietief in Caspar David Friedrich

Nun ist es nicht so, dass man Bilder wie diese noch nie zuvor gesehen hätte: Das Sujet "Menschen im Museum" ist seit vielen Jahren ein beliebtestes Internet-Meme, Draschans Bilder gehören seit etwa 2015 dazu. Aber vom digitalen Fotoblog bis zum Bildband dauert es halt noch einmal eine Weile. In Draschans Fall musste erst eine gewisse Berühmtheit hinzukommen - in den letzten Jahren haben CNN, "Le Monde" und einige mehr über ihn berichtet, und die Museen, in denen er einst als Besucher seine heute millionenfach angeschauten Motive fand, widmen ihm eigene Ausstellungen.

Rund 750 Motive von Kunstwerk und Betrachter sind so in den letzten Jahren zusammengekommen. Diese schiere Anzahl in wenigen Jahren wäre nicht denkbar ohne Draschans eigentliche Leidenschaft: Er liebt, ganz aufrichtig, die Kunst. Die Fotografien waren ursprünglich nur ein Nebenprodukt seiner Besuche.

Besonders unbefangen

Erst 2013 bekam er, der das Fotografieren nach eigener Aussage stets gehasst hat, eine Kamera geschenkt. Aus den Beobachtungen wurden erste Fotos, bald ganze Fotoreihen und aus dem Nebenbei ein ernstzunehmender Geldverdienst. Neben den Menschen, die zur Kunst passen (sein zugehöriges Blog taufte er auf den Namen 'People Matching Artworks' - Menschen, die zu Kunstwerken passen), hat sie der Wahl-Berliner in Serien wie "People Touching Artworks" oder "People Sleeping in Museums" zusammengestellt.

Preisabfragezeitpunkt:
20.05.2019, 17:40 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Stefan Draschan
Zufälle im Museum: Stefan Draschan

Verlag:
Hatje Cantz Verlag
Seiten:
120
Preis:
EUR 16,00

In Buchform wird nochmals deutlicher, was Stefan Draschans Menschen-im-Museum-Bilder von anderen mit ähnlichem Sujet unterscheidet: Erst einmal hat er sehr, sehr viele Matches vorgelegt. Sein Blick gilt auch, aber eben nicht nur den offenkundigsten Ähnlichkeiten, der Mimikry von Muster-Hemd vor Muster-Leinwand.

So erweitert er das Repertoire an möglichen Zusammenhängen für den Zuschauer - auch eine unterhaltsame Sehschule, nebenbei. Und: Seine Fotografien gehen besonders unbefangen mit den Klassikern des Kunstkanons, denen sie ihren eigenen Ruhm verdanken, um. So wird der betrachtende Mensch vor dem Bild zum ebenbürtigen Sparring-Partner.

Draschan, der um große Worte gern mit etwas unterhaltsamem Pathos nie verlegen ist, gibt sich kämpferisch. Als Freund der Kunst, aber auch der Menschen, die mit ihr zu tun haben möchten. Und dazu zählt er schließlich selbst: "Ich fühle mich dermaßen verbunden mit der Kunst, mit den Kunstwerken und den Künstlern egal welcher Epoche, dass ich um jeden Preis - außer Gewalt gegenüber anderen - für meine Fotos kämpfen würde." Und dann setzt er noch einmal zu einem Jonathan-Meese-mäßigen Statement an: "Die Kunst ist heilig und sonst nichts." Ende der Durchsage.

Anmerkung der Redaktion: Das in diesem Artikel und der zugehörigen Fotostrecke gezeigte Gemälde der Niagara-Fälle stammt nicht von Caspar David Friedrich, sondern von Frederic Edwin Church. Der Artikel wurde korrigiert.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
thilog 12.05.2019
1. Caspar David Friedrich und die Wasserfälle
Mit Verlaub, das kitschige Gemälde mit den Wasserfällen (Nr. 3 der Fotostrecke) mag gemalt haben, wer auch immer, aber aus Caspar David Friedrichs Pinsel stammt das Bild auf keinen Fall. Die Bildunterschrift ist blanker Unfug.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.