Zum 100. Geburtstag Samuel Becketts Die letzten Dinge zuerst

Sein Gesicht wurde zur Ikone, sein Schreiben stilprägend: Samuel Beckett gehört zu den Giganten der modernen Literatur. Man sollte sich von seiner Größe jedoch nicht einschüchtern lassen. Elke Schmitter empfiehlt stattdessen die Hingabe unvorbereiteter Lektüre.

Heute vor hundert Jahren wurde er geboren: merkwürdiger Mann, der so ganz und gar nichts sagte zu all den Themen, die das traurige Jahrhundert auszumachen schienen, dem er angehörte: praktisch nichts zum Holocaust, zu den Verbrechen des Stalinismus, zu den Irrtümern der Intellektuellen, nichts zum Feminismus, zur Psychoanalyse, nichts zum Recht auf Arbeit, zur Atomkraft, zu Vietnam, nicht einmal zur Mondlandung.

Dabei war er dabei, trotz aller Weltenferne, die er auszustrahlen schien, dabei im Sinne von Anteilnahme, sogar persönlichem Risiko: Obwohl er den empfangenen Orden sogar vor den engen Freunden geheimhielt, sickerte doch irgendwann durch, dass er in der Résistance gewesen war, im höchsten Maße freiwillig, denn er hätte als irischer Staatsbürger im neutralen Heimatland überwintern können, zog es aber vor, im besetzten Frankreich seinen Freunden beizustehen. Frankreich im Krieg, sagte er, sei ihm lieber als Irland im Frieden.

Er schmuggelte Namenslisten, schrieb sie ab in seiner winzigen, mathematischen Handschrift; er sei eine Art Postbote gewesen, sagte er eher wegwerfend dazu. Immerhin flog die Zelle auf, er wurde rechtzeitig gewarnt und so weder verhaftet noch als Partisan erschossen. Man weiß das inzwischen, aber sein Schweigen gibt noch immer den Ton an, wenn darüber gesprochen wird, obwohl er sein Leben riskierte, als Sartre, der Erfinder der engagierten Literatur, seine Hörnchen im Café de Magot verdrückte und mit de Beauvoir seine Affären besprach.

Das Nichts kreativer Fülle

Gut, so viel zum Nichts, was aber machte ihn aus und sorgte für eine Begeisterung, die bis heute schwingt und hin und wieder swingt? Man kommt, im Zeitalter des Bildes, nicht'um die Erwähnung herum, dass er ein Typus war, der auch äußerlich immer näher zu sich selbst zu kommen schien, je älter er wurde: immer tiefer die Furchen des Gesichts, immer kühler die grünen klaren Augen, immer mehr Stele als Körper und immer weniger Worte. Ich allein kenne zwei Menschen, die eine Postkarte von ihm aus den letzten Jahren wie eine Relique hüten, die lautet: "There are no words left anymore" - es sind keine Worte mehr übrig.

Seit er mit "En attendant Godot" (Pariser Uraufführung: 1953) schlagartig bekannt wurde und mit dem Nobelpreis 1969 weltberühmt, schien sich nichts Wesentliches geändert zu haben an seiner Lebensweise, die konzentriert, anspruchslos und unaufwändig verlief zwischen Schreiben in kleinen, zuletzt auch ärmlichen Wohnungen und einem winzigen Häuschen in Frankreich auf dem Lande, Theaterproben in aller Welt (die er aufmerksam begleitete), Treffen mit Freunden in Bars und Billardsalons.

Die biografische Literatur über ihn - jetzt gerade durch eine Reihe von Erinnerungsbänden noch einmal aufgelebt - ist geradezu tautologisch: von verärgerten Bemerkungen Natalie Sarrautes abgesehen (die, selbst im Widerstand aktiv, den wie sie noch ganz unbekannten Autor, als er vorübergehend untertauchen musste, für knapp zwei Wochen beherbergte und über mangelnde Manieren klagte, weil er und seine Freundin regelmäßig mit dem Nachttopf durch die Küche nach draußen liefen, während sie mit ihrer Familie zu Mittag aß), sprechen alle Berichte, von der Putzfrau in der Berliner Akademie der Künste bis zu Autorenkollegen, von einem freundlichen, bescheidenen, enorm hilfsbereiten Menschen, der den Helden seiner Romane, deren höchstes Ziel der Gleichmut ist, sehr ähnlich war. Nur einmal, so Werner Spiess in der "FAZ" vom Wochenende, soll er ärgerlich geworden sein - als ihm erzählt wurde, Brecht arbeite an einer "politischen" Fassung von "Warten auf Godot".

Wider den Inhaltismus

Dieser Ärger rührte daher, dass ihm wenig so zuwider war wie Interpretation, Engführung und Meinung, bezogen auf seine Arbeit. Nimmermüde betonte er, dass, wenn er die Dinge klarer hätte sagen wollen, er sie eben auch klarer gesagt hätte. Die "Übersetzung" des "Godot" als Gleichnis - im Sinne von: eigentlich geht es um die metaphysische Obdachlosigkeit, um das Herr-Knecht-Verhältnis, den Materialismus, den Stalinismus - macht aus Kunst den interessanten Umweg, das Wie des Was, und das heißt am Ende: einen Schlüssel, den man wegwerfen kann, wenn das Tor geöffnet ist. Aber Literatur ist eben nicht ein Prozess, in dem man eine Erkenntnis verschlüsselt oder "schöner" formuliert, sondern eine Sphäre menschlichen Tuns, die so autonom ist wie die Musik, die bildende Kunst, der Tanz.

Das Besondere seiner Arbeit lag in der Reduktion. Er wechselte die Sprache - "Murphy" und "Watt" entstanden in Englisch, das weitere in Französisch -, um sich zu disziplinieren auf den notwendigen Ausdruck hin. Im Gegensatz zu Joyce, den er bewunderte und dessen Arbeit er unterstützte, als der Freund in seinen späteren Jahren wegen eines Augenleidens kaum noch lesen konnte - war er kein Herrscher der Sprache, er war desinteressiert an Opulenz, am Reichtum von Bedeutungen, an der Fütterung des literarischen Kosmos mit möglichst viel Vokabular der Realität.

Schon "Murphy", sein erster Roman - witziger, gelöster, heiterer als alles, was er später schrieb - hat einen Mann zum Helden, der sich nackt an einen Schaukelstuhl fesselt, das Gesicht zu einem schwachen Schimmer von Licht erhoben, unterwegs zum Immer weniger. "'Habe ich dich je ändern wollen?'", fragt er aufgebracht seine Freundin, die aus dem Geliebten, der in den besten Jahren das Leben eines Rentners lebt, einen tüchtigen Menschen machen will. "'Was geht es mich überhaupt an, was du tust?'" - "'Ich bin, was ich tue', sagte Celia. 'Nein', sagte Murphy. 'Du tust, was du bist, du tust einen Bruchteil von dem, was du bist, du erleidest einen kläglichen Abfluss deines Seins ins Tun.'"

Trauer, Komik, Mitgefühl

Seine Helden wollen nichts erreichen und nichts werden, sie sind mit ihrem Sein beschäftigt, mit skurrilen Denkspielen, mit Schach, mit ihrer Wahrnehmung, mit dem Zugrundegehen. Sie zielen auf "jene in sich selbst versunkene Gleichgültigkeit gegenüber den Zufälligkeiten der zufälligen Welt, die er für sich selbst als einziges Glück erkoren und so selten erreicht hatte."

Das kann traurig und komisch sein. Dank seiner Übersetzer Erika und Elmar Tophoven, gelobet sei ihr Name, ist es auch im Deutschen immer schön - im Sinne eines Wohlklangs, der Kürze und Komik, Litanei und Redseligkeit, abrupte Stimmungswechsel und plötzliches, schnell wieder gelöstes Pathos vereint.

Wer das Glück hat, Beckett ohne Vorbereitung zu lesen, einfach hineinzufallen in diese Welt, in der es um die letzten Dinge geht, an denen man immer wieder durch die vorletzten gehindert wird, erlebt eine unmittelbare Konfrontation mit sich selbst und den Bedingtheiten des menschlichen Lebens. Und die ist von Mitgefühl bestimmt, von Trauer und von abgründiger Komik. "Kann ich Sie ein Stück mitnehmen, Mrs. Rooney?", fragt der freundliche Nachbar auf dem Weg zum Bahnhof die alte Dame im Hörspiel "Alle, die da fallen". "Haben wir denselben Weg?'" - "Das will ich wohl meinen, Mr. Slocum, wir haben alle denselben Weg."

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