Zum 150. Todestag von Heinrich Heine Amor im Säurebad
Berlin - Ohne Liebeskummer wäre Heinrich Heine ein armer Harry geblieben. Wenige haben über das Ach und Weh in der Brust so zartbitter-präzise Auskunft gegeben wie dieser deutsche Dichter, der als Sohn eines jüdischen Textilkaufmanns 1797 zu Düsseldorf am Rhein geboren ward. Glücklicherweise hatten napoleonische Truppen in Heines Jugend die Stadt am Rhein gerade besetzt. Der Imperator aus Paris sah keinen Grund, warum ein Jude nicht auf eine deutsche Schule gehen sollte.
Über Heines Jugend ist nicht viel bekannt; man darf annehmen, dass sie trotz der Toleranzedikte des Franzosenkaisers wegen des ortsüblichen Judenhasses nicht besonders angenehm war. Nach den Prügeln auf dem Schulhof schmerzt bald die Liebe: Die ersten Stiche in der Brust fühlt er mit 18 im Hause eines Onkels in Hamburg. Eine reiche Cousine ist schuld. Er nennt sie Molly, sie fühlt nichts für den armen Schlucker. Die Sache ist schnell erzählt:
"Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei."
Mehr ist zu dem Thema eigentlich nicht zu sagen. Es sei denn, man sagt es so virtuos wie Heine. Von weitem glänzt mancher Vers wie Schmalz in der Sonne. Aber wehe, man kommt näher, dann riecht man die ätzende Substanz. Jedes Wort hat er im Säurebad der Wirklichkeit veredelt, deswegen halten sie noch heute, seine kleinen, robusten Lieder, die aus den großen Schmerzen gemacht worden sind. Unglückliche Liebe fühlte sich im Vormärz eben genauso an wie in den Zeiten des Postmaterialismus, daran konnten weder Nietzsche (der Heine schätzte) noch Adorno (dito) etwas ändern. Herz hat etwas mit Schmerz zu tun, obwohl Meister Heine solche Reimpaare sorgsam vermied. Selbst wenn: Worauf soll sich Herz denn sonst reimen? Eisenerz? Friedrich Merz? Riesenterz? Und natürlich hat Heinrich Heine ein Buch der Lieder und kein Buch der Luder geschrieben - denn die Luder, die kamen immer nach dem Reimen:
"Blamier mich nicht, mein schönes Kind,
Und grüß mich nicht unter den Linden;
Wenn wir nachher zu Hause sind,
Wird sich schon alles finden."
Heines Herz hielt nur 58 Jahre lang; er starb in Paris, vor 150 Jahren im klammen Februar. Da liegt er jetzt auf dem Friedhof in Montmartre. Eine schwere Büste wacht über dem weißen Marmorgrab. Auf der Gruft liegen rote Rosen und Steine. "Die Steine haben Juden hingelegt", schrieb der Grab-Besucher Marcel Reich-Ranicki; der Brauch stammt aus biblischen Zeiten. Vor der Gruft stehen, in intellektueller Habachtstellung, deutsche Besucher, meist ältere Herren mit Suhrkamp-Bändchen in der Anzugtasche. Heines Grab ist die letzte Zuflucht der verzweifelt liebenden Männer. Turteltauben haben hier eigentlich nichts zu suchen.
Und es ist auch mal wieder ein deutsches Missverständnis, wenn zu Heines letzter Ruhestätte inzwischen Gruppenreisen angeboten werden. Das Grab des Spätromantikers als Handelsplatz für virtuelle Rheumadecken. Nach Montmartre fährt man allein - oder gar nicht. Wenn die Pauschalbucher auf dem Weg zum gemeinsamen Abendessen sind - und nur dann - , spricht die Büste vielleicht ein paar Zeilen in die Dämmerung hinein:
"Aus meinen großen Schmerzen
Mach ich die kleinen Lieder;
Die heben ihr klingend Gefieder
Und flattern nach ihrem Herzen.
Sie fanden den Weg zur Trauten,
Doch kommen sie wieder und klagen,
Und klagen, und wollen nicht sagen,
Was sie im Herzen schauten."
In Deutschland hat er es nicht ausgehalten. Schuld daran waren Paris und die Politik (und natürlich die Frauen). Nach Frankreich ging er freiwillig, weil Paris damals der Mittelpunkt der Welt war. Natürlich kannte Heine auch Weimar, den geistigen Mittelpunkt Deutschlands. Er besuchte den alten Goethe, es kam zu einem kurzen Zwiegespräch im pompösen Treppenhaus des Dichterfürsten. Als der Alte hörte, dass der Junge an einem "Dr. Faustus" arbeitete, komplimentierte Goethe seinen Gast nach wenigen Minuten hinaus. Die Stadt litt ohnehin an literarischer Überbevölkerung, sie leidet noch heute an den alten Gespenstern.
Die Preußen haben Heine verboten, als er schon in Paris lebte. Heine wurde faktisch ausgebürgert wie sein Urenkel Wolf Biermann 150 Jahre später. Er kannte Marx und Engels, aber deren humorfreie Pamphlete interessierten ihn nicht besonders. Manche seiner Werke sind zum Weinen, andere zum Brüllen. Seine Gegner fanden ihn fies, seine Sprachgewalt brutal. Die Ironie war zu Heines Lebzeiten ein Fremder in Deutschland.
Heute ist das Gegenteil der Fall. Ob in der Werbung oder der Politik, im Journalismus oder in der Kunst: Ironie kommt immer gut. Es ist zweifelhaft, ob Heine diesen Overkill an Selbstwitz gebilligt hätte. Aber zu seiner Zeit stand er auf seiner Seite der Humorbarrikade ganz allein. Für Heines Vorgänger und Zeitgenossen - Schiller, Goethe, Kleist und Hölderlin - war das Leben eine ernste, erhabene Sache. Heine fand es lieber amüsant. Er ließ aus dem aufgeblähten Pathos der Epoche gerne die Luft raus, wenn sich die Gelegenheit bot - wie diese Prosa-Episode aus einem Wirtshaus bei Osterode zeigt:
"Die eine Dame war die Frau Gemahlin, eine gar große, weitläufige Dame, ein rotes Quadratmeilengesicht mit Grübchen in den Wangen, die wie Spucknäpfe für Liebesgötter aussahen, ein langfleischig herabhängendes Unterkinn, das eine schlechte Fortsetzung des Gesichtes zu sein schien, und ein hochaufgestapelter Busen, der mit steifen Spitzen und vielzackig festonierten Krägen, wie mit Türmchen und Bastionen umbaut war. Die andere Dame, die Frau Schwester, bildete ganz den Gegensatz der eben beschriebenen. Stammte jene von Pharaos fetten Kühen, so stammte diese von den magern. Das Gesicht nur ein Mund zwischen zwei Ohren, die Brust trostlos öde, wie die Lüneburger Heide; die ganze ausgekochte Gestalt glich einem Freitisch für arme Theologen." Gemein! Aber gut.
Nebenbei hat er in Deutschland noch das Feuilleton erfunden, den Journalismus halb dazu. "Das ist die Franzosenkrankheit, die er uns eingeschleppt hat", wetterte Karl Kraus im Jahre 1910. So empfanden viele Deutsche, Heine galt als Nestbeschmutzer, Fremdling, Sprachschänder. Dass die antisemitischen Klischees im Falle Kraus auch von einem Juden gegen Heine in Stellung gebracht wurden, macht die Sache nicht besser. Heine habe "der deutschen Sprache so sehr das Mieder gelockert, dass heute alle Kommis an ihren Brüsten fingern können" schrieb Kraus weiter - für den jüdischen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki war diese "sprachgewaltige Hetzschrift" letztlich eine "ödipale Rebellion, in der der Jude Kraus mehr sich selber als seinen Gegenstand, den Juden Heine, entlarvt.
Heines Franzosenkrankheit grassiert gottlob noch immer. Selbst das Fernsehen, Erzfeind des gedruckten Wortes, hat sie infiziert. Genau genommen sind Heines Nachwehen das Beste, was die ARD zu bieten hat. Denn wenn der Frankfurter Schriftgelehrte Eckard Henscheid Recht hat mit seiner These, Verdi sei der Mozart Wagners, dann ist Heine der Goethe von Harald Schmidt. Schließlich macht Schmidt nichts anderes als Feuilleton im Fernsehen. Und wer hat's erfunden? Genau. Denn Spotten war schon Heines Königsdisziplin, je verzweifelter, desto besser:
"Ich lache ob den abgeschmackten Laffen,
Die mich anglotzen mit den Bocksgesichtern;
Ich lache ob den Füchsen, die so nüchtern
Und hämisch mich beschnüffeln und begaffen.
Ich lache ob den hochgelahrten Affen,
Die sich aufblähn zu stolzen Geistesrichtern;
Ich lache ob den feigen Bösewichtern,
Die mich bedrohn mit giftgetränkten Waffen.
Denn wenn des Glückes hübsche Siebensachen
Uns von des Schicksals Händen sind zerbrochen,
Und so zu unsern Füßen hingeschmissen;
Und wenn das Herz im Leibe ist zerrissen,
Zerrissen, und zerschnitten, und zerstochen -
Dann bleibt uns doch das schöne gelle Lachen."
Das gelle Lachen war auch von 1933 bis 1945 auf der Welt zu hören. Die deutschen Exilanten bewaffneten sich mit Heines Schriften gegen den exzessiven Angriff der Nazis auf den gesunden Menschenverstand. Wie ein Schild des Geistes gegen den Wahn trugen vor allem die antifaschistischen Exilblätter ihren Heine auf den ersten Seiten vor sich her. Die "Deutsche Freiheit" in Paris brachte zu Weihnachten 1937 die berühmten Zeilen aus den "Nachtgedanken": "Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. Ich kann nicht mehr die Augen schließen und meine heißen Tränen fließen."
Über die Nazis wurde in den späten Dreißigern in Deutschland nicht geweint, die uniformen Herrschaften wurden vom Volk gefeiert. Die Arbeiterklasse jubelte fleißig mit. Dabei sollten die Proletarier, die sich nun in Arier verwandelten, doch eigentlich Hitlers Horden besiegen. Viele Antifaschisten waren sprachlos vor Entsetzen, wenn sie aus Prag, Paris, New York oder Moskau auf die braun gefärbte Heimat blickten. Hitler war offenbar beliebt, das Volk, der große Lümmel, machte keine Anstalten, den Diktator zu vertreiben. Das widersprach den von der Linken vorhergesagten Revolutionsplänen.
Nur Heine wusste, was los war: "Der große Narr ist ein sehr großer Narr, und er nennt sich das deutsche Volk", zitierte im Februar 1936 die in New York erscheinende "Neue Volkszeitung" den Dichter. Heines 120 Jahre alter Blick auf Deutschland passte wie die Faust aufs Auge. Die "Sozialistische Aktion" in Karlsbad druckte im März 1936 ein Fragment von Heine als Tageskommentar: "Schau ich jetzt von meinem Berge/In das deutsche Land hinab,/Seh ich nur ein Völklein Zwerge/Kriechend auf der Riesen Grab ... Muttersöhnchen gehen in Seide/Nennen sich des Volkes Kern/Schurken tragen Ehrgeschmeide/Söldner brüsten sich als Herrn."
Die Nazis verbrannten Heines Bücher - doch nicht jedes Gedicht ließ sich verbieten. Seine "Loreley" ("Ich weiß nicht was soll es bedeuten/Daß ich so traurig bin;/Ein Märchen aus alten Zeiten,/Das kommt mir nicht aus dem Sinn") blieb sogar in den Schulbüchern - mit dem Vermerk: Verfasser unbekannt. Heute ist Heine in Deutschland kein Problem mehr. Der Hass, der dem Symbol Heine noch vor wenigen Jahrzehnten während des Streits um die Umbenennung der Düsseldorfer Universität entgegenschlug, ist inzwischen verweht. Das ist gut. Viele werden sich in den kommenden Monaten anlässlich des 150. Todestages mit seinem Namen schmücken. Ob das gut wird, muss sich noch erweisen.
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Denn das Wichtigste ist seit Jahren gesagt, es steht alles in Marcel Reich-Ranickis schmalem Bändchen "Der Fall Heine". Denn der Kritiker, der das Warschauer Ghetto überlebte, hat Heine immer als europäischen Dichter interpretiert. Theodor Adorno hat 1956, elf Jahre nach Auschwitz, von der "Wunde Heine" gesprochen. 40 Jahre später sprach Reich-Ranicki in einem Essay vom "Wunder Heine".
Aber ist Heine deshalb jetzt auch in Deutschland zu Hause? Muss man ihn umbetten? Lieber nicht. Wenn er heute lebte, würde man ihn in den Konsensknast sperren. Da ist er noch jedesmal ausgebrochen. Kaum eine Buchhandlung in Deutschland ohne Heine-Basar: Sein Leben wird von allen Seiten ausgeleuchtet, selbst "Essen mit Heine" ist im Angebot. Solche Wohlfühl-Bücher braucht eigentlich kein Mensch. Denn in den Zeiten, in denen ein iranisches Staatsoberhaupt damit droht, Israel von der Landkarte zu putzen und eine judenfeindliche Terrororganisation in den palästinensischen Gebieten Wahlen gewinnt, wäre es angebracht, sich auch an jenen Heine zu erinnern, für den das alte Israel mehr war als ein Traum aus biblischen Zeiten. Die allerletzte Reise konnte sich Heine auch zu jenem Hügel Jerusalems vorstellen, der Zion heißt:
"Wo?
Wo wird einst des Wandermüden
Letzte Ruhestätte sein?
Unter Palmen in dem Süden?
Unter Linden an dem Rhein?
Werd ich wo in einer Wüste
Eingescharrt von fremder Hand?
Oder ruh ich an der Küste
Eines Meeres in dem Sand?
Immerhin! Mich wird umgeben
Gotteshimmel, dort wie hier,
Und als Totenlampen schweben
Nachts die Sterne über mir."
Unter Palmen im Süden, an der Küste eines Meeres in dem Sand - "Teneriffa wird er nicht gemeint haben" sagt der israelische Journalist und Heine-Kenner Nathan Jessen. Heine - ein früher Zionist? Mit dem Vater des "zionistischen Sozialismus", Moses Hess, war Heine immerhin eng befreundet. Der israelische Schriftsteller Yigal Lossin interpretiert den deutschen Frühromantiker als einen Vorläufer der Herzl-Bewegung. Doch in Israel wurde der deutsche Dichter, der zum Christentum übergetreten war und kurz vor dem Tod sein Judentum bekannte, lange ignoriert. Heute gibt es in Haifa immerhin einen Heinrich-Heine-Platz - und eine Seitenstraße in Tel Aviv, die nach dem "Rabbi Bacherach" benannt ist. Heines gleichnamige Novelle ist leider nur fragmentarisch erhalten, die Schlusskapitel des einzigen Manuskripts verbrannten im Haus seiner Mutter. Doch der "Rabbi von Bacherach" besitzt auch heute noch erzählerische Sprengkraft.
Heine schildert das Martyrium eines gläubigen Juden im Mittelalter, der vor Pogromen fliehen muss. Er beginnt mit dem "Rabbi" in seiner Jugend und setzt die Arbeit erst 1840 fort, als er von antijüdischen Gewaltexzessen in Damaskus hört. Heine konstituiert in der Erzählung erstmals in der deutschen Literatur so etwas wie jüdische Geschichte - und das Recht auf jüdische Selbstbehauptung. Er will die Novelle sogar in den zweiten Band der populären "Reisebilder" aufnehmen - und ließ es dann lieber, aus Angst vor Hassattacken.
Heines Feinde sind heute fast alle von der Bühne abgetreten. Von ihnen wird nichts bleiben als getrockneter Geifer. Aber wird Heine heute noch aufrichtig geliebt? Gleichmut wäre das Schlimmste, was man ihm antun könnte. Das hat er ja selbst gesagt:
"Sie haben mich gequälet,
Geärgert blau und blaß.
Die Einen mit ihrer Liebe,
Die Andern mit ihrem Haß.
Sie haben das Brot mir vergiftet,
Sie gossen mir Gift ins Glas,
Die Einen mit ihrer Liebe,
Die Andern mit ihrem Haß.
Doch sie, die mich am meisten
Gequält, geärgert, betrübt,
Die hat mich nie gehasset,
Und hat mich nie geliebt."
Ja, und da wären wir dann wieder am Anfang. Denn ohne Liebeskummer wäre Heinrich Heine ein armer Harry geblieben.
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