Zum Tod von Andrea Camilleri "Beim Sex und beim Essen fühlt sich der Mensch sauwohl"

Andrea Camilleri war Poet, Krimiautor, Salvini-Kritiker. Warum sich nach Jahrzehnten unter dem Radar plötzlich Millionen für seinen "Commissario Montalbano" begeisterten, konnte er nie ganz verstehen.

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Rom, April 2002. Mein Kollege Joachim Kronsbein und ich sitzen in der bescheidenen Etagenwohnung des neuen Stars der italienischen Literatur, Andrea Camilleri. Der soll uns seinen kometenhaften Aufstieg vom Schriftsteller-Nobody zum Bestseller-Autor erklären. 73 Jahre alt musste er werden, ehe seine bis dahin unverkäuflichen, zumeist sogar ungedruckten Romane und Erzählungen Furore machten.

Warum eroberten seine Ladenhüter im Jahr 1998, quasi über Nacht, den italienischen Buchmarkt? Warum standen auf einmal acht Camilleri-Werke auf den ersten zehn Plätzen der Bestsellerliste der Zeitung "La Stampa"?

Für sieben Tage musste er im Juli 1943 noch in den Krieg

"Das verstehe ich bis heute nicht", sagte Camilleri, "es waren die gleichen Romane, die ich seit 30 Jahren schreibe. Ich hatte kein Komma verändert und auch keinen Literaturpreis gewonnen." Er habe seine Werke lange Zeit "wie ein Handlungsreisender an den Mann bringen müssen, bei Lesungen in Buchhandlungen. Es kamen gewöhnlich zehn bis 15 meist ältere Leute." Plötzlich drängten sich 200 Leute vor ihm, dabei viele "Jugendliche mit Ohrringen und Bomberjacken".

Anfangs hatte er Angst, die wollten gegen ihn protestieren. "Aber sie hörten ruhig zu und stellten sogar intelligente Fragen. Am Ende schmissen sie mir die Bücher stapelweise zum Signieren auf den Tisch. Da habe ich begriffen, dass sich etwas geändert hat." Aber warum das so war, hat er bis zu seinem Tod nicht verstanden. Gefreut hat es ihn gleichwohl.

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Andrea Camilleri: Der Vater des Commissario Montalbano

Andrea Camilleri wird am 6. September 1925 im kleinen südsizilianischen Hafenstädtchen Porto Empedocle geboren. Sein Vater Giuseppe ist Inspektor der Hafengesellschaft und Faschist, Teilnehmer am "Marsch auf Rom", wie man die Machtübernahme durch Benito Mussolini 1922 im rechten Milieu gern nennt.

Auch der kleine Andrea war Faschist, als er 16 war und Mussolini Italien in den Krieg führte. Dachte er wenigstens. Als der Erzbischof ihm sagte, "nein, du bist in Wahrheit Kommunist", zweifelte er. Ein Buch machte ihm das endgültig klar: "So lebt der Mensch" von André Malraux.

Für sieben Tage musste er im Juli 1943 noch in den Krieg, dann kamen die Amerikaner, die Deutschen zogen ab, der Krieg war vorbei. Die Regionalwahlen im April 1947 "gewannen wir Kommunisten". Aber die Genossen-Freundschaft hielt auch nicht ewig.

Camilleri gewann Preise für seine Poesie, machte Dokumentarfilme für den Staatsrundfunk RAI (Radio Audizione Italiane), arbeitete als Regisseur am Theater, brachte über 100 Stücke auf die Bühne, anfangs vor allem die von Siziliens größtem Dramatiker Luigi Pirandello, Literatur-Nobelpreisträger. Später führte er in Italien weithin unbekannte Dramatiker ein, wie Beckett, Ionesco, Strindberg und Majakowski, schrieb weiter Gedichte, Comics, Erzählungen, kleine Texte für Zeitungen. Geld und Ruhm brachte das alles nicht.

Aber er wollte ja eigentlich auch Bänkelsänger werden - "einer von denen, die auf dem Platz singen und anschließend den Hut herumgehen lassen".

Der fröhlichste Tag

1957 wird sein Glücksjahr. Er heiratet Rosetta dello Siesto, eine junge Mailänderin, mit gerade abgeschlossenem Literaturstudium: "der fröhlichste Tag in meinem Leben". Das Paar bekommt drei Kinder und bleibt, sagt er noch 62 Jahre später, immer glücklich. Zu allem Glück wird er im selben Jahr von der RAI festangestellt, was die gröbsten Geldsorgen erst einmal löst.

Nur seine literarische Karriere will nicht in Schwung kommen. Er schreibt und schreibt und keiner will die Texte haben. Das ändert sich zunächst auch nicht, als er 1994 die Figur des "Commissario Salvo Montalbano" erfindet. Die beiden ersten Abenteuer des kauzigen, oft ruppigen, unbestechlichen Polizisten (in deutscher Übersetzung: "Die Form des Wassers" und "Der Hund aus Terracotta") bleiben erfolglos.

Dieser Montalbano - benannt nach Camilleris Schriftsteller-Kollegen und Freund aus Barcelona, Manuel Vázquez Montalbán - liebt das gute Essen (wie alle Italiener), hat keine Angst vor Vorgesetzten oder politischer Einflussnahme (was alle Italiener gern von sich sagen würden) und lässt in der kleinen überschaubaren Welt von Vigàta (der Tarn-Name für Camilleris Geburtsort Porto Empedocle) trotz aller Gemeinheiten stets die Gerechtigkeit siegen (wovon die Italiener träumen).

Die Sprache der Akteure ist oft eigen, weil erfunden: Das tragende Italienisch wird mit Sizilianisch vermischt, überzuckert mit Prisen aus dem südsizilianischen Dialekt - keine leichte Sache für die Übersetzer.

Selbst die Buchstruktur bleibt immer gleich, jedenfalls auf Camilleris PC: Jedes Montalbano-Abenteuer findet in 18 Kapiteln mit je 10 Seiten statt - "180 Seiten pro Roman, das reicht", meint der Autor. Die Verlage machten trotzdem viel mehr Seiten daraus.

Irgendwie, warum auch immer, zündete die Rakete vier Jahre später - und der Autor saß darin. Millionen von Camilleri-Büchern wurden seither verkauft, in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Nicht nur Montalbano-Krimis, auch die historischen Romane und kleine Erzählungen fanden plötzlich reißenden Absatz. Vieles davon hatte er schon vor Jahrzehnten geschrieben und musste es jetzt nur aus den Schubladen und Regalen holen. Dann kamen die Montalbano-Filme dazu, und heute laufen Touristen-Scharen aus aller Welt deren Drehorte in Sizilien ab.

Camilleri schrieb immer weiter wie besessen, auch in Sorge, dass seine zunehmende Sehschwäche eines Tages zur völligen Erblindung führen könnte. Doch selbst als das eintrat, machte er weiter: Er entwarf seine Geschichten im Kopf und diktierte sie.

Der Schriftsteller als politisch-moralische Instanz

Mit dem Ruhm wuchs auch das mediale Interesse an Camilleris politischer Meinung, die zuvor niemanden interessiert hatte. Nun fand seine Kritik an Korruption, Vetternwirtschaft und mafiöser Verstrickung in der italienischen Politik breites Gehör. Genauso wie seine Attacken gegen rechte Verführer - von Ex-Regierungschef Silvio Berlusconi bis zum Lega-Chef Matteo Salvini.

Genutzt habe es gleichwohl nichts, bilanzierte Camilleri kürzlich seine politischen Aktivitäten. Er habe "als Italiener versagt", denn trotz der Mahnungen und Alarmrufe von ihm und vielen anderen Intellektuellen hätten sich immer mehr Italiener Populisten, Rechtsextremisten und Rassisten zugewandt. "Ich hinterlasse meinen Enkeln ein Land, das sich von seiner schlechtesten Seite zeigt", sagte er traurig.

Befürchtet hatte er diese fatale Entwicklung schon beim SPIEGEL-Interview 2002. Selbst der stets siegreiche Montalbano werde den Lauf der Welt nicht ändern können, ahnte er schon damals, denn der sei "doch nur ein kleiner Polizist".

Alternativ empfahl er - ganz Sizilianer - die hedonistische Flucht in die Liebes- und die Kochkunst: "Beim Sex und beim Essen fühlt sich der Mensch sauwohl, nur da ist er ganz bei sich selbst. Zwischen ihm und seiner Pasta, zwischen Mann und Frau, da ist kein Platz für Staat oder Mafia."

Als er Mitte Juni nach einem Herz-Kreislauf-Versagen ins Krankenhaus gebracht wurde, hämten Salvini-Anhänger im Netz. Viele nachdenkliche Menschen haben ihm Kraft und Glück gewünscht, auf ein paar weitere Jahre mit Camilleri hoffend.

Der vielleicht schönste Zuruf kam vom sizilianischen Showmaster, Schauspieler und Sänger Fiorello: "Vorwärts Meister, erheben wir uns!" Das hat er nun nicht mehr geschafft. Andrea Camilleri starb am Mittwoch in einem Krankenhaus in Rom.



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