Zum Tode Norman Mailers Ein harter Kerl, der tanzen konnte

Von den Nackten und Toten bis zur Konversation mit Gott: Norman Mailer, Querkopf und Rabauke der US-Literatur, hatte keine Angst vor den großen Traumata der Gesellschaft, er stürzte sich auf sie mit gefletschten Zähnen. Sein Werk ist eine kritische Chronik Amerikas im 20. Jahrhundert.

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"Ich habe keine Angst vor dem Tod, warum sollte ich?" Bis zuletzt - das Zitat stammt aus einem Interview mit dem "Stern" im September - gab Norman Mailer den alten Polterer, den jovialen Macho, der selbst dem Tod noch neugierig entgegen grinst, immer auf der Suche nach der nächsten Geschichte, die sich zu erzählen lohnt.

Schriftsteller Mailer: "Ich habe keine Angst vor dem Tod, warum sollte ich?"
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Schriftsteller Mailer: "Ich habe keine Angst vor dem Tod, warum sollte ich?"

So langsam gingen sie ihm auch aus, die großen Themen, also musste er sich allmählich dem Letzten, dem ganz Großen widmen. "On God: An uncommon Conversation" hieß das letzte Buch von Norman Mailer, ein schmaler Band mit Interviews, die sein Freund und Agent Michael Lennon mit dem 84-Jährigen über dessen Haltung zum Glauben geführt hat. Es erschien in den USA vor noch nicht einmal einem Monat, am 16. Oktober. Mailer beschreibt Gott als Künstler, der mal gute und mal schlechte Tage hat und sich mit bösen Gegenkräften plagt, zu denen manchmal auch der Mensch gehört. Was dem Einzelnen da bleibe? "Gut und Böse möglichst sauber trennen und die richtigen Entscheidungen treffen". Denn am Ende werde man mit Wiedergeburt belohnt - oder bestraft.

Die schnellste Kakerlake der Welt

Und dann ist man auch schon bei der Lieblings-Anekdote, die Norman Mailer in den vergangenen Monaten immer wieder gerne erzählte. Demnach wartet er nach seinem Tod in einem nüchternen Amtssaal und wird gefragt, als was er denn gern wiedergeboren werden möchte: "Ich sage: ein schwarzer Sportler. Darauf sagt der Engel: Das wollen alle, wir sind total überbucht mit schwarzen Sportlern. Lassen Sie mich sehen, was wir für Sie vorgesehen haben. Aha. Sie werden als Kakerlake in Brooklyn wiedergeboren. Aber die gute Nachricht ist, Sie werden die schnellste Kakerlake der Straße sein."

Norman Mailer war vieles in seinem Leben: Soldat im Zweiten Weltkrieg, Journalist, Bestseller-Autor, kritisch-moralisches Gewissen der Nation von der Kennedy-Ermordung über Vietnam, die Todesstrafe und den Irak-Krieg; er war Partylöwe, Chauvinist, sechsfacher Ehemann, neunfacher Vater, beinahe Mörder und fast Bürgermeister von New York; Schauspieler, Querdenker und Poltergeist. Sein Werk zusammenzufassen, das hieße, an eine Pinnwand mit den großen Themen und Traumata des 20. Jahrhunderts überall gelbe Post-its mit Mailers Meinung zu verteilen, denn der 1923 in New Jersey als Sohn einer aus Litauen eingewanderten jüdischen Buchprüferfamilie geborene Autor hat stets versucht, mit schreiberischem Furor Tabus zu brechen. Wo Mailer, eher Berserker als Feingeist, hinging, traute sich oftmals kein anderer hin. Das galt bis zuletzt, als er amerikanische und europäische Leser mit einem Roman über die inzestuöse Herkunft Adolf Hitlers verstörte, der aus der Sicht eines Teufels erzählt wurde.

Eher Berserker als Feingeist

Hitler, na klar, das größte Monster, das die Menschheit hervorgebracht hat, fehlte noch in der Galerie der Persönlichkeiten, in deren Seelenzustände sich Mailer in den 60 Jahren seiner Karriere hineingedacht und vergraben hat. Das Buch, "Das Schloss im Wald", ist als literarisches Werk leider grandios missglückt, doch schließt es einen Kreis in Mailers Leben. Denn Mailers Faszination für Hitler rührt aus seiner Kindheit. Als er neun Jahre alt war, kurz vor Hitlers Machtübernahme, habe seine Mutter zu ihm gesagt: "Dieser Mann wird sehr viele Juden umbringen." Also habe er seit seinem neunten Lebensjahr gewusst, sagte Mailer einmal, "dass es einen Mann namens Adolf Hitler gibt, der mich eines Tages ermorden würde". Diesen Dämon seiner frühesten Erinnerung hat Mailer mit seinem letzten Roman gebannt, indem er ihn als schwächlichen und zutiefst neurotischen Burschen porträtiert, der dem Teufel qua günstiger genetischer Prägung als williger Helfer dient.

Vielleicht gehört es zu den größten Qualitäten Norman Mailers, vor solch kruden Szenarien nicht zurückgescheut zu haben. Während seine literarischen Zeitgenossen Philip Roth, John Updike, Saul Bellow die "great american novels" fabrizierten und für ihre Kunst gefeiert wurden, wühlte Mailer, der schreiberisch Unbegabtere, im Morast der menschlichen Abgründe und legte seinen publizistischen Finger immer wieder lustvoll auf die gesellschaftlichen und politischen Wunden seiner Heimat Amerika. Darin war er gut, das war sein Metier, hier war er journalistischer als Tom Wolfe, schlagkräftiger als Noam Chomsky und erdverbundener als Gore Vidal, die anderen großen Kritiker.

Angst vor dem eigenen Trauma

Mailer musste zunächst einmal verwinden, dass es für den großen literarischen Ruhm nicht reichen würde. Nachdem sein Debüt "Die Nackten und die Toten" über seine Erlebnisse als Soldat im Zweiten Weltkrieg auf den Philippinen weltweit gefeiert und zum Bestseller wurde, ging es steil bergab mit der Erfolgskurve: "Am Rande der Barbarei" und "Der Hirschpark", die beiden Nachfolgewerke aus den frühen fünfziger Jahren, fielen bei Kritikern und Lesern durch. Mailer musste einsehen, dass er seinem großen Vorbild Ernest Hemingway nicht nacheifern konnte und wandte sich journalistischeren Themen zu. Die kontroversen Kriegs-Essays "Why are we in Vietnam" (1967) und "Heere der Nacht" (1969), für den er den Pulitzer-Preis gewann, brachten einen neuen, zornigen Mailer auf den Plan, der dabei war, seine eigene, sich politisch einmischende Stimme zu finden.

Was ihm von Hemingway blieb, war sein Image als Raubein, Macho und Schläger. 1960 erstach er im Suff beinahe seine damalige zweite Ehefrau Adele und wurde zu fünf Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Ein persönliches Trauma, dem er sich bis zum Schluss nicht schreiberisch nähern konnte. Aus dieser Unfähigkeit rührte auch sein Verständnis für Günter Grass, dem Mailer im vergangenen Juni in der Diskussion um Grass' verschwiegene Mitgliedschaft in der Waffen-SS zur Seite sprang. Man müsse ein derart schwieriges Thema regelrecht zähmen, bezwingen, sagte er damals, und dazu müsse man eben erst einmal bereit sein.

Faible für extreme Figuren

Norman Mailer war zu vielem bereit: Er beneidete Arthur Miller um seine Ehe mit Marilyn Monroe und schrieb 1973 eine Biografie über das tragische Leben der Hollywood-Blondine, die erst von der Kritik akzeptiert wurde, als er sie 1980 noch einmal umschrieb. Mit seiner Todesstrafen-Meditation "Executioner's Song - Das Lied vom Henker" gewann er 1979 erneut den Pulitzer-Preis. In den Achtzigern beschäftigte sich der bekennende Antifeminist mit der Geschlechterfrage und veröffentlichte "Harte Männer tanzen nicht", eine als Krimi getarnte Reflexion über Homosexualität als letztes Rückzugsgebiet der echten Männlichkeit; in den Neunzigern enthüllte er die geheimen Machenschaften der CIA ("Gespenster") und vertiefte sich in einem weiteren voluminösen Band in das Gemüt des Kennedy-Attentäters Lee Harvey Oswald ("Oswalds Geschichte", 1994).

Auch Muhammad Ali, Pablo Picasso und Jesus wurden von Mailer porträtiert; 2003 war er der erste der großen amerikanischen Literaten, der sich mit dem auf 1967 rekurrierenden Essay "Why are we in Vietnam" mit George W. Bushs Kriegspolitik und dem Trauma des 11. Septembers auseinandersetzte.

Sein Faible für extreme Persönlichkeiten liege in seiner eigenen Karriere begründet, sagte Norman Mailer einmal. Nach seinem Instant-Erfolg mit "Die Nackten und die Toten" wurde ihm klar, dass er nie mehr wie andere Schriftsteller unauffällig durchs Leben gehen können werde. Viele Jahre habe er gebraucht, um die eigene Berühmtheit als Vorteil zu begreifen. "Es hat mich in die Lage versetzt, Menschen zu verstehen, die ebenfalls ein Leben jenseits der Normalität führten. Darum habe ich über so viele außergewöhnliche Figuren geschrieben."

Außergewöhnliche Figuren und ein außergewöhnliches Land. Denn wie kein anderer seiner Generation war Norman Mailer ein Chronist und literarischer Geologe, der in den vielen Bruchstellen Amerikas nach dem Wesen Amerikas forschte. Wie Grass sei er ein Don Quichotte, der versucht, sein Land durch Fiktion zu verbessern, durch Worte, Geschichten, Artikel. "Ich war immer wütend auf Amerika. Und immer verliebt", sagte er der "Welt" im Sommer dieses Jahres. Diese Diskrepanz auszuloten, darin bestand Mailers Mission. "Besteht die Prämisse des Autors nicht immer darin zu sagen: Ich werde erklären, was kein anderer erklären kann? Wann immer man einen Roman anfängt, versucht man etwas zu beweisen", sagte er dem "Stern" vor knapp zwei Monaten.

Norman Mailer hat bewiesen, dass er es mit dem Teufel aufnehmen kann, warum soll es mit Gott nicht auch klappen? Achten Sie bei Ihrem nächsten New-York-Besuch auf flinke Kakerlaken.

Norman Mailer starb heute am frühen Morgen im Mount Sinai Hospital in New York an Lungenversagen. Er wurde 84 Jahre alt.



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