Zum Tode Peter Rühmkorfs Er und kein anderer!

Er setzte sich gern die Narrenkappe auf, deshalb war er so tiefsinnig: Peter Rühmkorf hat wie kein Zweiter vorgemacht, wie unwiderstehlich deutsche Gegenwartslyrik sein kann. Jetzt ist er 78-jährig gestorben - Matthias Politycki trauert um den großen Realo der Dichtkunst.

Es ist jetzt ziemlich genau zwanzig Jahre her, dass ich das "Jahrbuch der Lyrik 1988/89" einer kritischen Sichtung unterzog und unter dem Titel "Wenn du zum Dichten gehst, vergiss die Feile nicht" im darauffolgenden "Jahrbuch" rezensierte.

Im jugendlichen Größenwahn dessen, der just in jenem Jahr seinen ersten eigenen Gedichtband publizierte, wollte ich schier keinen Gefallen an den versammelten Texten finden – mit Ausnahme eines einzigen, der mir freilich so gewaltig ins Gemüt fuhr, dass ich ihn seither nie wieder vergaß: "Aufwachen und wiederfinden" heißt er, und er legt gleich von den ersten Versen an mit voller Wucht los:

Also gut, dein Unendlichkeitsfimmel,
also schön, mein Sterblichkeitswahn -
Aber oben im Drehkipphimmel
geht das große Lachstreiben an ...

Welch ein unwiderstehlicher Sog, nicht wahr? Man will, man muss weiterlesen, und wenn man fertig ist, gleich noch mal von vorn – der Verfasser war Peter Rühmkorf, und obwohl ich seinerzeit noch gar nicht mal so viel von ihm gelesen hatte, wusste ich sofort: Das ist es, das und nichts anderes! Auf der Stelle wurde Rühmkorf nicht etwa nur mein neuer Lieblingsdichter, sondern mit diesem Gedicht (und sukzessive mit weiteren, versteht sich) zur Meßlatte, nach der die Erzeugungen der Gegenwartslyrik zu beurteilen und, leider nur allzu oft, zu verwerfen war.

Ich hatte damals viel nachzuholen, nachzulesen, Rühmkorf hatte sich ja längst schon mit "Die Jahre, die ihr kennt" (1972), "Haltbar bis 1999" (1979) und überhaupt seinen Gedichten einen Namen gemacht, nicht zuletzt auch in der Kombination "Lyrik & Jazz". Egal, was ich seither von ihm las – neben Gedichten hatte er auch immer wieder Märchen, Kinderverse, Theaterstücke, poetische Traktate veröffentlicht, später Teile eines in gewaltigen Dimensionen geplanten Tagebuchs, "Tabu I" und "Tabu II" (und darin jede Menge witziger, trauriger, wortspielerischer, politisch unkorrekter, närrischer und gleichzeitig philosophischer Aphorismen, eine bunte Mixtur!) - es erschien mir immer sprühend geistreich und von einer Tiefe, die sich für die Oberfläche nie zu schade war. In diesem Punkt war Rühmkorf, der sozialliberale Zeitkritiker, im Grunde Nietzscheaner, "oberflächlich – aus Tiefe", will sagen: einer Tradition verpflichtet, die in Deutschland von wenigen verstanden und von kaum einem dann auch in Leben und Werk umgesetzt wird.

Rühmkorf war und ist die Ausnahme, ist in seiner herrlich hallodrihaften Art geradezu der lebende Beweis, dass nicht alles Deutsche tiefsinnig, schwer und unverständlich daherkommen muss. Und gerade weil es so leicht daherkommt, tiefsinnig und bedeutend ist.

Danke vor allem dafür! Für eine Haltung als Mensch, die von derjenigen als Lyriker nahtlos aufgegriffen wurde (und nicht etwa krampfhaft durch Bedeutungshuberei überdeckt). Rühmkorf war immer authentisch, im gesprochenen Wort, im geschriebenen Wort, und wenn andre gern das Geniale an sich herauszuputzen suchten, so setzte er sich lieber die Narrenkappe auf und schüttelte sie stellvertretend für uns alle kräftig durch. Das kann sich nur leisten, wer selber reichlich genial ist, es weiß und – kein großes Aufhebens davon macht. Was auch immer er publizierte, was auch immer andere publizierten, er war bereits qua Anwesenheit einer der Größten, und das umso mehr, als er sich immer als lyrischen Handwerker begriff, der von seinen Versen nicht etwa geheimnisvoll ergriffen wurde, sondern sie tagtäglich neu suchte, monate-, jahrelang daran putzte und feilte und, wie er’s mir gegenüber einmal nannte, am Ende noch ausführlich mit der Fusselbürste darüberging.

Welches Werk auch immer man noch von ihm anführen wollte – den soeben publizierten Gedichtband "Paradiesvogelschiss" oder die drei auf CD festgehaltenen Doppellesungen mit Gernhardt, Grass und Enzensberger –, für mich war er mit dieser Haltung vor allem ein bekennender Vertreter der "Realo"-Lyrik, der mit dem Gewaber der "Fundis" (wie er all die Post-Avantgardisten und Paul-Celan-Nachfahren im selben Gespräch summarisch nannte) nichts zu schaffen haben wollte.

Stattdessen zielte er unbeirrbar auf das, was schon der späte Gottfried Benn vertreten hatte: auf Verse, die gleichermaßen vom Gedanken wie vom Sound getragen waren, unverwechselbar melodisch – ein Rühmkorf-Gedicht ist nicht etwa nur interessant, es ist vor allem schön. Und muss deshalb im Grunde gar nicht namentlich gekennzeichnet werden, man erkennt es sogleich an seinem wehmütig-heiteren Parlando, und die Wirkung ist in den meisten Fällen von der allerersten Zeile an da.

Nun erreicht mich die Nachricht, Peter Rühmkorf sei gestorben; und obwohl ich von seiner Krankheit natürlich wusste, will ich es nicht glauben:

Solang deine Backen noch rot sind,
immerzu! und die Seufzer beseelt:
Wenn alle Beteiligten tot sind,
ist es gerade dies, das uns fehlt -

Ist es schon soweit? Nach Gernhardt soll nun der zweite große Garant einer zutiefst unprätentiösen und gerade deshalb immer erfahrungsgesättigen, man möchte fast sagen: einer herzlich diesseitigen Lyrik gestorben sein?

Nein, Peter Rühmkorf ist nicht gestorben, er hat sich nur an seinem "letzten Salü" verschluckt, wie sein Gedicht "Aufwachen und Wiederfinden" am Ende ja versichert, er ist spätestens mit dem 8. Juni, da er seinem langen Krebsleiden erlag, unsterblich geworden. Wer ihn auf die rechte Weise zu lesen weiß, wird ihn immer wiederfinden, das Gedicht endet schließlich nicht mit einem Punkt, sondern mit einem Gedankenstrich:

… Sich verlieren aus vielerlei Gründen -
Sich verschlucken am letzten Salü -
Und erwachen - und wiederfinden
Die Liebste morgens früh –

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