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PETIT Lob des Irrsinns

aus DER SPIEGEL 13/1966

Die Tänzer in mausgrauen Trikots recken und rackern sich, um dicke Damen von ihren Schultern abzuwerfen. Als sie die Lasten los sind, fliehen die jungen Herren erleichtert in die dunkle Hinterbühne des Pariser Théâtre des Champs-Elysées. Aber die Macht des Schicksals wacht - vom Schnürboden stürzt eine noch dickere Riesendame und zerschmettert alle.

Die lästigen Weiber sind von Pappe. Ihre Schöpferin, die 35jährige Op- und Pop-Künstlerin Niki de Saint Phalle, hat sie grellbunt bemalt und mit wulstigen Armen und Schenkeln versehen.

Die »Nanas« genannten Pappkameradinnen spielen ihre männermordende Rolle in dem Tanz-Sketch »Die Frau an der Macht« - eines von neun Bildern des neuen Balletts, mit dem der Pariser Choreograph und Tänzer Roland Petit am vorletzten Wochenende »ein Meisterwerk« ("Le Figaro") schaffte.

Titel des Petit-Balletts: »L'éloge de la folie« - Lob des Irrsinns.

Die Eingebung zum »Irrsinn« war dem 42jährigen Petit ("Ich bin ein Kind von Diaghilew") bei einem Bummel zu den Bouquinisten an der Seine gekommen. Dort fiel sein Blick auf einen Essayband des Philosophen Erasmus von Rotterdam (1469 bis 1536) mit dem französischen Titel »L'éloge de la folie«.

»Er ging nicht so weit, das Buch zu lesen«, schrieb der »Candide«, »es wäre ihm auch sofort aus der Hand gefallen.« Der Tänzer bat seinen Freund Jean Cau, mit des Rotterdamers Hilfe ein Ballett-Libretto zu liefern. Cau, Polit-Schriftsteller ("Die Fallschirmjäger") und einstiger Sartre-Sekretär, stimmte ein: »Wir wollten alles anprangern, was die Übel des modernen Zeitalters sind.«

Sie ließen auch kaum eines aus. Allein, zu zweit und grüppchenweise müssen die Tänzer die Folgen von Schlaf- und Putsch-Pillen zeigen, das Grauen eines politischen Verhörs, die Schrecken des Krieges und die Leere banaler Liebe. Zum Schluß geht auf der Bühne riesengroß die Countdown-Uhr von Cape Kennedy. Sie zählt von sechs bis eins, dann sinkt alles in Finsternis.

»Man fragt«, schrieb »L'Express« nachher, wieweit ein Choreograph heute noch gehen und wohin sich der Tanz noch entwickeln kann.«

Bei Petit ging es noch immer weiter. Die ersten Schritte hatte er beim Ballett der Pariser Oper gemacht, neben seiner späteren Frau Zizi Jeanmaire. Nach dem Krieg formierte er seine eigene Truppe. Er ließ die Ballerinen Ludmilla Tscherina, Margot Fonteyn und Zizi Jeanmaire für sich tanzen, Cocteau und Anouilh gaben ihm Libretti. Unter seiner Führung nahm die Truppe Paris, dann ging sie auf Welttournee. Petit machte, laut »Times«, die »besten Ballette, die seit 'Coppelia' aus Frankreich gekommen sind«.

Als Zizi Jeanmaire zu singen begann, inszenierte Petit für sie Revuen. Er mixte mondäne Avantgarde mit federwippendem Music-hall-Schmiß und verlor den Beifall der Ballett-Puristen. Er bekam ihn wieder, als er Ende letzten Jahres in die Pariser Oper heimkehrte - mit dem Ballett »Notre Dame de Paris« nach Victor Hugos Schauerschmöker. Petit tanzte den buckligen Glöckner in einem Kostüm, das der Haute-Couturier Yves Saint-Laurent entworfen hatte. Er interpretierte ihn als Menschen, »der wegen eines Unfalls an einem Komplex leidet«.

Petit, der mit dem Tanz-Mystiker Maurice Bejart und dem Jazz-Mathematiker Jerome Robbins zum modernen Ballett-Set zählt, kam jetzt zu einer neuen Tanz-Theorie. »Die größten Schwierigkeiten, Balance zu halten«, sagte er, »hat ein Tänzer mit seinem Budget.«

Denn Petit mußte für sein »Irrsinns«-Ballett wieder eine neue Privattruppe rekrutieren. Um die Kosten (530 000 Mark) aufzufangen, brach er mit einer Theatersitte - er verlangte von den Premierengästen, die sonst frei sitzen, für einen Parkettplatz 200 Mark.

»Seit zwanzig Jahren«, erklärte er, »verliere ich bei jeder Premiere 20 000 Mark, weil ich die reichsten Leute von Paris umsonst einlade.« Von den 2000 eingeladenen Nabobs wollten diesmal nur 200 einen Platz.

Choreograph Petit, Ballerina*: »Die größten Balance-Schwierigkeiten ...

... hat ein Tänzer mit seinem Budget": Petit-Ballett »L'éloge de la folie« in Paris

* Danièle Jossi.

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