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NOSTALGIE Lobet den Herrn

»Vom Winde verweht«, der berühmteste Film aller Zeiten, entstand unter grotesken Umständen. Am ersten Weihnachtsfeiertag strahlt ihn das ZDF aus - schöne Bescherung für Inge Meysel in der ARD. *
aus DER SPIEGEL 52/1984

Anno 1939, in der Adventszeit, wurde dem amerikanischen Film-Produzenten David O. Selznick das Weihnachtswunder beschert: Nach zweieinhalb Jahren der Vorbereitungen, aggressiver Öffentlichkeitspflege, Dreharbeiten voller menschlicher Katastrophen war der Film »Vom Winde verweht« endlich fertiggestellt.

Selznick saß mit Hunderten von Mitarbeitern, Freunden, Feinden, Gönnern und Neidern im Grand Theater in Atlanta, Georgia, um der feierlichen Uraufführung beizuwohnen.

Am Handgelenk trug der mächtige Mann aus Hollywood eine kostbare Uhr, die ihm sein Freund Jock Whitney eben geschenkt hatte. Darauf war in Whitneys Handschrift graviert: »Weihnachten 1939. Lobet den Herrn«. Genau fünfundvierzig Jahre nach Selznicks Bescherung läuft der Film zum erstenmal im deutschen Fernsehen. Das ZDF strahlt das 3 3/4stündige Melodram über den amerikanischen Bürgerkrieg am ersten Weihnachtsfeiertag aus (19.30 Uhr).

Dreißig Darsteller spielen darin tragende Rollen, Hunderte von Statisten haben ihre Auftritte, über tausend Pferde, fast vierhundert andere Tiere. Hunderte Wagen, Kutschen, Ambulanzen, Lafetten und Güterwagen sorgen für Bewegung im rührseligen Spiel. Neunzig verschiedene Schauplätze wurden für den Film benötigt, zweitausend Meter Straßen mit dreiundfünfzig Gebäuden.

Ein gigantischer Film, in dem fünf verschiedene Regisseure und zahlreiche Drehbuchautoren ihre Handschriften einbrachten - und doch ist er, erstaunlicherweise, kein filmisches Flickwerk geworden. Denn vom Erwerb der Buchrechte bis zum endgültigen Feinschnitt hatte der eigensinnige Produzent David O. Selznick sein Werk fest im Griff.

»Der Chinchilla-Kopf« Selznick - wie ihn Roland Flamini in seinem amüsanten Buch über die Dreharbeiten charakterisiert _(Roland Flamini: »Vom Winde verweht«. ) _(Wilhelm Heyne Verlag, München; 384 ) _(Seiten; 9,80 Mark. )

-, ein Schwiegersohn des MGM-Mayer, arbeitete bereits Ende der zwanziger Jahre bei der Paramount und bei MGM, ehe er 1935 seine eigene Produktionsfirma gründete. Die führte er wie ein absolutistischer Herrscher.

Während der Arbeiten zu »Vom Winde verweht« trieb er sein Team meist an die Grenze physischer und psychischer Erschöpfung. Mitarbeitern sagte er Nervenzusammenbrüche voraus, die prompt eintrafen.

Mit seinem Gespür für den breiten Publikumsgeschmack entdeckts Selznick früh, nämlich bereits 1936 beim Erscheinen des Romans, dessen filmische Qualitäten. Das Buch war das Zufallsprodukt einer unbekannten Hausfrau und Gelegenheitsreporterin aus Atlanta, die sich Margaret Mitchell nannte. Nach einem Unfall war sie ans Haus gefesselt, und ihr Mann empfahl ihr zur Vertreibung der ländlichen Langeweile das Schreiben. So entstand »Vom Winde verweht« - eine Monumental-Schnulze, zusammengerührt aus Liebe und Tod, bürgerlicher Opferbereitschaft und gottgewollten Rassen-Schranken.

Nachdem MGM die Filmrechte an dem Buch verschmäht hatte, erwarb der junge Unternehmer Selznick diese für 50 000 Dollar. Die größte Summe, bis dahin je für einen Erstlingsroman ausgegeben, wurde sogleich zum Maßstab für Selznicks gigantisches Unternehmen: Im Zuge einer großen, landesweiten Aktion ließ Selznick zuerst die beiden Hauptdarsteller - Rhett Butler und Scarlett O''Hara - ermitteln.

Am schnellsten war der Darsteller für Rhett Butler gefunden: Clark Gable. Enttäuschend verlief die Suche nach dem weiblichen Star. Zwar führte bei der Umfrage Bette Davis, gefolgt von Katharine Hepburn. Doch die Davis war Selznick schon zu verbraucht, und die Hepburn galt mit ihrem spröden Charme in Hollywood als Kassengift.

Und Selznick hatte es sich in den Kopf gesetzt, eine Debütantin zu entdecken. Im Lauf von zwei Jahren wurden 1400 Bewerberinnen unter die Lupe genommen. Zu Selznicks Büro führte ein »Scarlett Way«. Dort drängelten sich Tag für Tag »Herden von Mädchen« (Flamini), die alle Scarlett spielen wollten. Doch Mädchenjäger Selznick, auf dessen Couch so manche Karriere begann, konnte sich für keine entscheiden.

Ohne eine geeignete Scarlett gefunden zu haben, begann Selznick im Januar 1939 mit den Dreharbeiten. Der Termin

war ihm von MGM diktiert, die ihm ihren Vertrags-Star Gable für die Drehzeit ausleihen wollte.

Zu den ersten Aufnahmen gehörten die von der brennenden Stadt Atlanta. Selznick ließ Dekorationen aus »King Kong« übermalen, mit Öl präparieren, dann anzünden. Vor seinen Augen entfaltete sich ein unglaubliches Inferno, ein Brand, der in die Filmgeschichte eingehen sollte. Doubles von Rhett und Scarlett hetzten durch die Flammen.

Zu diesem Spektakel war auch Davids Bruder Myron Selznick, ein Schauspieler-Agent, gekommen. In seiner Begleitung: eine junge, unbekannte englische Schauspielerin. »David«, sagte Myron zu seinem Bruder, »das ist Scarlett O''Hara.« Es war Vivien Leigh - und sie bekam die Rolle.

Zuvor war, ehe Clark Gable selbst auf dem Set erschien, dessen Garderobenwagen vorgefahren, »eine Mischung aus Kapitänskajüte und Jagdhütte«. Die Rolle des Rhett Butler hatte Clark Gable überhaupt nicht geschmeckt, »ein zu großer Brocken für mich«, beschied er Selznicks Werben, »ich möchte nichts damit zu tun haben«.

Aber das Studio-System Hollywoods räumte den Schauspielern kein Mitspracherecht ein. Für 7000 Dollar Wochengage mußte Gable bei MGM alles spielen. Und der Star hatte hohe finanzielle Verpflichtungen gegenüber seiner getrennt von ihm lebenden Frau zu erfüllen.

Die Karriere des »ungehobelten Bauernjungen mit den abstehenden Ohren und den schlechten Zähnen« (Flamini) hatte über viele Amouren mit alternden Theaterstars geführt. Sie verhalfen ihm zu Rollen und zahlten seine Zahnarztrechnungen.

Neben seiner Unlust, die Rolle zu spielen, war für Gable der Regisseur George Cukor, der »Vom Winde verweht« drehen sollte, das andere Problem. Gable, der bisher meist Machos spielte und das Image eines harten, sportlichen Draufgängers pflegte, wollte nicht mit einem Mann arbeiten, der in Hollywood »Damenregisseur« genannt wurde. Die guten Kontakte, die Cukor zudem zu Vivien Leigh hatte, waren Gable ein Dorn im Auge.

Vivien Leigh galt in den USA, seit sie für die Scarlett nominiert war, als die Ausländerin, die den heimischen Stars den Job weggeschnappt hatte. Ihre Affäre mit dem englischen Schauspieler Laurence Olivier trug nicht zu ihrer Beliebtheit in der prüden Öffentlichkeit bei.

Im »Vom Winde verweht«-Team verschaffte sie sich freilich schnell Respekt durch ihre Professionalität und ihr Selbstbewußtsein. Männer, die sie manchmal »Pisser« nannte, fürchteten jedoch ihre Direktheit und Vulgarität.

Den Roman der Margaret Mitchell trug Vivien Leigh immer wie einen Talisman mit sich herum, um sich daran zu erinnern, »in welcher Situation ich mich gerade befinde und welche Gefühle mich dabei bewegen«. Wenn sie mit dem Schinken unterm Arm erschien, forderte Selznick sie meist schreiend auf, »das verdammte Ding doch endlich wegzuwerfen«. Den Regisseur Cukor warf Selznick schon nach 19 Drehtagen hinaus, weil er ihm zu pedantisch war, zu langsam und immer wieder Zusammenstöße mit Clark Gable hatte. Gable hatte sich von Anfang an seinen Freund und Saufkumpan Victor Fleming als Regisseur gewünscht, der dann nach Cukors Rausschmiß wirklich Selznicks zweiter Mann wurde. Fleming war wie Gable ein launischer, aufbrausender Typ.

Das Drehbuch hielt Fleming sogleich für ein beschissenes Ding, das keinen Wert habe. Dabei hatte daran bereits eine Handvoll Autoren gearbeitet, unter anderen der renommierte US-Schriftsteller Scott Fitzgerald. Selznick heuerte auf Flemings Wunsch den Broadway-Routinier Ben Hecht an, der innerhalb einer Woche ein neues Buch schreiben sollte.

Mit Hecht verbarrikadierten sich Selznick und Fleming im Studio-Büro. Während Hecht schrieb, spielten ihm Selznick und Fleming die Rollen vor, wobei Selznick die Frauen und Fleming die Männer darstellte, da der sich weigerte, als Frau zu agieren.

Flemings Anweisungen gegenüber Vivien Leigh erschöpften sich in dem Satz: »Spielen Sie''s einfach irgendwie runter.« Unter seiner Regie, heimlich von Cukor vorbereitet, wurde Vivien Leigh von Tag zu Tag zickiger. Dazu kam noch die Trennung von ihrem Geliebten »Larry«, Laurence Olivier, der in New York Theater spielte. Als sie einem Zusammenbruch nahe war, schickten Selznick und Fleming sie auf ein Wochenende zu Olivier. Zurück in Hollywood, empfing eine strahlende Vivien Leigh ihren Produzenten mit den Worten: »Larry begrüßte mich in der Hotel-Lobby und führte mich hinauf, und dann fickten und fickten und fickten wir das ganze Wochenende.«

Vivien Leigh war wieder im Lot, aber am Drehort führte bereits ein Neuer Regie: Sam Wood. Beim Team stieß er auf noch weniger Gegenliebe, da er an allem etwas auszusetzen hatte. Wollte er mal die Crew etwas erheitern, »fiel ihm meist nicht mehr ein, als mit seinen drei Hoden zu prahlen« (Flamini).

Selznick verschliß drei Regisseure, ließ einmal seinen Ausstatter Menzies hinter die Kamera und führte schließlich auch selbst Regie. Er heuerte und feuerte Drehbuchautoren und seinen Kameramann. Selznick kümmerte sich um jedes Detail: Um Dialognuancen, Sprechtechnik, Szenenbilder, Kostüme, Kameraeinstellungen und Kamerabewegungen; um Beleuchtung und Farbe, um die Entwicklung des belichteten Films, um

Tricks, um Schnitt und um die endgültige Mischung - ein Dinosaurier des längst ausgestorbenen Produzenten-Kinos.

David O. Selznicks »Vom Winde verweht« ernannten noch 1977 die Mitglieder des amerikanischen Filminstituts zum »besten Hollywoodfilm aller Zeiten«. 1968 eröffnete das Werk sogar die Filmfestspiele von Cannes, um die im Jahr zuvor gestorbene Vivien Leigh zu ehren.

Bis 1972, als der »Pate« die Kino-Kassen füllte, galt »Vom Winde verweht« als erfolgreichster Film aller Zeiten: Bis dahin hatte er (Herstellungskosten: 4 Millionen Dollar) weltweit 77 Millionen Dollar eingespielt, ein Haufen Geld, der vor allem der Verleihfirma MGM in die Tresore schwappte.

Als vor Jahresfrist die ARD ihre Scouts nach Hollywood schickte, um sich bei MGM für den Rest dieses Jahrhunderts mit Unterhaltungs-Ware einzudecken, schien das ZDF im Wettlauf um den legendären Film ins Hintertreffen zu geraten.

Die ARD sicherte sich zwar ein umfangreiches Film-Paket, doch die Optionen an den sogenannten »Riesen« - nämlich an »Vom Winde verweht«, »Ben Hur«, »2001 - Odyssee im Weltraum« und »Doktor Schiwago« - lagen bei der Firma Taurus-Film, München. In treuer Verbundenheit verkaufte die den Mainzelmännchen die vier Riesen.

Doch nicht genug des Ärgers für die ARD. Mit der Ausstrahlung von Selznicks »Vom Winde verweht« zu Weihnachten killt das ZDF deren »ganz besonderes Festvergnügen« (ARD): Das Fernsehspiel »Freund mit Rolls-Royce« mit Inge Meysel. Das werden, so fürchten ARD-Redakteure, nur wenige Zuschauer genießen.

Die Krokodilstränen ihrer Konkurrenz über den unprogrammgemäßen Coup wischen die Mainzer listig weg: Im Frühjahr 85 werden sie Inge Meysels 75. Geburtstag um so prächtiger feiern.

Bis dahin ist auch der ARD-Ärger vom Winde verweht.

Roland Flamini: »Vom Winde verweht«. Wilhelm Heyne Verlag, München;384 Seiten; 9,80 Mark.

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