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Schriftsteller Loch im Bewußtsein

»Je begabter, desto verwundbarer« -- zu diesem Schluß führt eine Studie des Engländers Alvarez über die Anfälligkeit moderner Literaten für Selbstmord.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Denkt Alfred Alvarez, 43, Dichter und Lyrik-Kritiker des Londoner »Observer; an seine Heiligabend-Visite 1962 bei der amerikanischen Dichterin Sylvia Plath zurück, so wird ihm zumute, »als wäre die Poesie wahrhaftig schwarze Magie«.

»Einer von den Riten ihres Kults ausgezehrten Priesterin gleich«, hatte ihn die Lyrikerin mit aufgelöstem, »scharf tierisch« duftendem Haar und »absonderlich trostloser«, doch »verzückter« Miene empfangen und ihm ihre neuesten Gedichte vorgelesen -- lauter Selbstmordverse, unter anderem aus »Tod & Co.": »Starr bin ich / Blumen treibt der Frost / Sterne der Tau / Die Totenglocke ... Jemand ist dran.«

Schwarze Magie -- denn, so sieht es Alvarez heute. Sylvia Plath war wirklich »dran«. Sieben Wochen darauf wurde sie tot aufgefunden, das Gesicht zwischen die aufgedrehten Gashähne des Küchenherds gepreßt. Es war schon ihr dritter, in ihren Poesien vorweggenommener Freitod-Versuch. »Gibt es quasiliterarische Mächte, die schöpferische Menschen wie Sylvia zum Selbstmord treiben?« So beunruhigte sich Alvarez seither betroffen. Schließlich ist er selber Dichter ("Verloren") und selber, seit er es Weihnachten 1960 mit 45 Schlaftabletten riskierte, auch schon »Mitglied des Clubs«, in den seit Anbruch der Moderne immer mehr Poeten drängen:

Virginia Woolf und Paul Celan gingen ins Wasser. Der Russe Majakowski wählte russisches Roulett. Sein Landsmann Jessenin öffnete sich den Puls. Brendan Behan und Dylan Thomas tranken sich zielbewußt zu Tode. Die meisten zogen Gas vor oder, wie Klaus Mann, noch bequemeres Gift.

Was es mit solcher »Selbstverschwendung« von Literaten auf sich hat, das hat Alvarez jetzt in einer in Amerika erschienenen und zum Bestseller aufgerückten Studie zu entschlüsseln versucht, die -- von den Autoren der Bibel bis hin zum 1972 am Gashahn verendeten japanischen Nobelpreisträger Kawabata -- ziemlich alles auswertet, was die Literaturgeschichte an Selbstzeugnissen über versuchte und geglückte Selbstentleibung bewahrt. Titel: »The Savage God« -- »Der wilde Gott«, wie einst Yeats, der irische Dichter (und Selbstmörder), den Freitod benannte*.

Schon die Arbeit am Kunstwerk, vor allem einem literarischen, zu diesem Schluß kommt das Buch, sei der Vorbereitung eines Freitods bedenklich geistesverwandt. Wenn sich 1971, so schreibt Alvarez, beispielsweise ein Belfaster Kaufmann geduldig neun Löcher in den Schädel bohrte, und wenn ein polnisches Mädchen noch geduldiger in fünf Monaten 4 Löffel, 3 Messer, 19 Münzen, 20 Nägel, 7 Fensterriegel. 1 Messingkreuz, 101 Nadeln, 1 Stein, 3 Glasscherben und 2 Rosenkranzperlen verschlang, um sich zu Tode zu bringen, so setze das eine Besessenheit für das Wie voraus ---- dieselbe Besessenheit, die auch den Künstler zwinge, »endlos« über stilistischen Details zu »brüten«.

Von trivialeren Sterblichen hingegen, so mutmaßt der Autor darum, sei Verständnis für Selbstmord-Motive kaum zu erhoffen, nicht einmal von Seelsorgern oder Psychiatern. Noch der junge Freud habe den Freitod als Mord, um geleitet von einer eigentlich gemeinten, aber unerreichbaren Feindfigur auf das erreichbare Ich, mißverstanden, Lind damit habe sich der Begründer der Psychoanalyse nur eingereiht in eine vom Kirchenvater Augustinus bis in die nahe Gegenwart reichende Tradition »öffentlicher Rachsucht« und »privater Verzweiflung«.

Wohl drohe den Leichen von Selbstmördern, so höhnt Alvarez, nicht mehr der Galgen wie noch im 19. Jahrhundert, erst recht würden sie nicht mehr gepfählt, geschleift oder auf den Müll geworfen wie noch im 17., doch erst seit ein paar Jahren würden sie nicht mehr an der Kirchhofmauer abfällig verscharrt. Und in England stand auf Selbstmord immerhin noch bis 1961 Gefängnis. Alvarez selbst mußte es erfahren, als er sich von den 45 Pillen erholte. Kripo erschien im Hospital und suggerierte ihm entgegenkommend: »Ein Unglücksfall, nicht wahr, Sir.«

* Alfred Atvarez: »The Savage God«. Verlag Random House. New York; 304 Seiten; 7,95 Dollar.

Sogar zwangsläufig, sagt der Schriftsteiler, bleibe die »explosive Chemie« des Freitods nicht nur dem ungebildeten Verstand, sondern auch der methodischen Forschung unergründlich. Der Denkhorizont des Suizids nämlich. Alvarez sollte es wissen, sei eine »abgeriegelte Welt«. in der nach »anderer Logik ... alles überzeugt, jedes Detail stimmt und im Entschluß (zu sterben) bestärkt": Streit mit einem Fremden; der erwartete, aber ausbleibende Brief; die falsche Stimme am Telephon -- für den »Außenseiter« Bagatellen, die sich dem Gezeichneten jedoch, wie von Künstlerhand stilisiert, zur zwingenden »Vorbedeutung« auswachsen.

Einen Zettel »Zu vermieten« neben einer blauen Gedenktafel für den Selbstmörder Yeats etwa hatte Sylvia Plath quasi als Befehl genommen: Sie zog in das Appartement, um darin den Tod zu suchen.

Den seelischen Ursprung dieser »anderen« Logik, auch Alvarez räumt es ein, hat freilich doch ein Wissenschaftler, der geschmähte Freud, aufgespürt. Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen. von Vater und Mutter etwa. so Freuds Entdeckung, versiegt, wenn dem Trauernden aufgeht, daß der Verstorbene im Gedächtnis fortlebt. Ganz anders aber, wenn der Verlust ein Kind trifft. Untröstlich wähnen sich Kinder im Stich gelassen; der liebe Tote wird zum Feind, den das Gedächtnis in jeder Krise auferstehen läßt eine immer aufs neue wiederkehrende Provokation, sich selbst zu töten, um den im Gedächtnis eingeschalten Liebesverweigerer auszulöschen.

Die Diagnose wird auch durch manchen Schriftsteller-Freitod erhärtet. Pavese etwa. Majakowski und Sylvia Plath verloren in der Tat als Kinder den Vater. Hemingways Vater hat sich erschossen wie später der Sohn. Und im Poem »Daddy« bestätigte Sylvia Plath dieses Motiv für ihren ersten Selbstmordversuch sogar fast unverrätselt: »Ich habe einen Menschen getötet Ich tötete zwei --- / Vater, Du kannst ruhn.«

Bis zum Anbruch des 20. Jahrhunderts »rare Ausnahme«, breitete sich das Selbstmordfieber, wie Alvarez auszählte, seither jedoch unter den Literaten fast epidemisch aus: und das lasse sich. meint er, durch das Massensterben auch der Schriftstellerväter in zwei Weltkriegen allein nicht erklären.

Die Bedingungen. unter denen Literatur in der Moderne produziert wird. sind es. nach Alvarez. die so viele Literaten zum »Wilden Gott« bekehren. Fast risikolos hatten Romantiker und Realisten noch den vorzeitigen Tod als das »Martyrium« des Genies heiligen können. Wohl inspirierte Goethes Roman-Selbstmörder »Werther« eine Legion von Anschlußtätern. Wohl verdoppelte Alfred de Vignys »Chatterton«-Drama die französische Freitod-Rate über ein Jahrzehnt hinweg. Doch die Autoren lebten munter weiter. Allenfalls ergaben sie sich, wie Baudelaire, dem vorgespiegelten Tod im Opium-Dämmer. Oder sie ließen es, wie Rimbaud, beim »Literaturizid« bewenden und hörten -- »literarischer Tod« -- bloß auf zu schreiben.

Gefahrlos konnte Dostojewski seinem Romanhelden Kirillow ("Die Dämonen") sogar den »logischen Freitod« verordnen, die Selbsthinrichtung als Triumph des souveränen Willens über die Willkür der Natur. Nur ein Geistesverwirrter, Gérard de Nerval, machte Ernst und erhängte sich mit einem Schürzenband, das er für den Gürtel Madame de Maintenons hielt.

Lebensgefährlich für viele wurde die Schriftstellerei« laut Alvarez, erst in der Moderne. Das Grauen des »absurden« Todes nach militärischer Wahrscheinlichkeitsrechnung statt nach der Lebenskurve, das mit den Materialschlachten des Ersten Weltkriegs begann, überstehe die Psyche nur mehr durch Selbstbetäubung bis zur Apathie. Die Ausflucht sei dem Schriftsteller indes versperrt. Sein »Geschäft« sei es, den Intellekt auch für die Todeserfahrung sogar noch zu »disziplinieren«. So werde zumindest ein »großes Kunstwerk« zu »einer Art Selbstmord«. Und »je begabter, desto verwundbarer« werde der Autor.

Das Berufsrisiko hat sich denn auch mancher Moderne bewußt verordnet. Kafka etwa verlangte sich Gefühle ab. »als stünden wir auf der Schwelle zum Selbstmord«. Cesare Paveses letzte Tagebuchnotiz war: »Nicht Worte, Taten.« Und auch Sylvia Plaths dritter Selbstmordversuch war offenbar nur ein (tödlich mißratener) Test. Den inszenierte sie exakt zur Stunde. als sie ihr Hausmädchen erwartete, und sie hinterließ einen Zettel: »Bitte, den Doktor anrufen.«

Wäre der Doktor rechtzeitig zur Stelle gewesen, auch dann. Alfred Alvarez versichert es aus eigener Erfahrung, wäre das Experiment freilich, zumindest literarisch, mißglückt.

Von seiner Annäherung an den »Wilden Gott« hatte sich der englische Schriftsteller eine »synoptische Vision des Lebens« versprochen. Alvarez: »Alles, was ich gewann, war ein Loch im Bewußtsein, eine runde Null.«

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