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Bücherspiegel Löcher in der Decke

aus DER SPIEGEL 24/1994

Was treibt eine junge Frau dazu, sich einen Motorradhelm aufzusetzen, Footballschultern, Knieschoner, Handschuhe und eine Nasenklemme anzulegen, sich Ohropax in die Ohren zu stopfen und dann mit einem Strapsgürtel ungeknackte Haselnüsse gegen die Zimmerdecke zu schießen?

Des deutschen Mieters liebster Feind natürlich, der eigene Nachbar - in diesem Fall eine psychotische Nachbarin, die in alle Zimmerdecken Löcher gebohrt und Transistorradios mit Langzeitbatterie darin plaziert hat. Alma, eine arbeits- und überhaupt lustlose Biologin, sitzt in der leeren, aber um so lauteren Wohnung ihres Onkels. Der ist spurlos verschwunden, von einem Südamerika-Urlaub nicht zurückgekehrt.

Untergetaucht? Verschollen? Tot? Alma will es herausfinden. Dabei irritiert sie die Entdeckung, daß der gute Onkel ein hartgesottener Fetischist ist - Vorliebe: Damenunterwäsche. Was wie ein Krimi aus deutscher Provinz anhebt, entwickelt sich bald zu einer wunderbar grotesken Studie über Wahrnehmungsprobleme.

Der Konstanzer Schriftsteller Hermann Kinder, 49, erweist sich einmal mehr als scharfer Beobachter deutscher Verhältnisse. Die Wirklichkeit als Wahnsystem, der »Sinn des Lebens« als Einbahnstraße des Todes - da bleibt nur noch die Moral: »Friß, sauf, vögel, laß dich nicht unterkriegen.« Wer rabenschwarzen Humor mag, kommt hier voll auf seine Kosten.

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