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Losrasen für Deutschland

Aktionskünstler Christoph Schlingensief über die geplante Gründung seiner Arbeitslosen-Partei »Chance 2000«, den Wahlkampfzirkus und seine These vom Ende des Theaters
Von Anke Dürr und Joachim Kronsbein
aus DER SPIEGEL 11/1998

SPIEGEL: Herr Schlingensief, am Freitag dieser Woche präsentieren Sie in einem Berliner Zirkuszelt Ihr jüngstes Projekt »Chance 2000 - Wahlkampfzirkus ''98«, zudem wollen Sie eine Partei der letzten Chance gründen, um den Stillstand in der Republik zu bekämpfen. Ist das nach Schröders Wahlsieg nun nicht alles überflüssig?

Schlingensief: Gut, Kohl ist bald weg, aber seit Hannover ist doch klar: Schröder ist genauso. Er redet schon wie ein Bundeskanzler und bewegt sich wie einer. Wir wollen mit diesem ganzen System nichts zu tun haben. Wir wollen den Abschied von Deutschland, den Abschied von System 1.

SPIEGEL: Was ist denn das?

Schlingensief: Das System 1 ist die Bundesregierung, aber auch die Opposition. Die ganze Verwaltungsstruktur des Staates. Man muß sich das als Burg vorstellen: Die lassen alle vier Jahre bei den Wahlen mal die Zugbrücke runter, und dann darf man da reingucken, sein Problem erzählen und eine rauchen, aber dann ziehen sie die Klappe wieder hoch, und das war''s.

SPIEGEL: Und diese Burg wollen Sie jetzt schleifen?

Schlingensief: Nein, darum geht es gar nicht. Wir wollen einfach, daß all die Un-

Das Gespräch führten die Redakteure Anke Dürr und Joachim Kronsbein.

sichtbaren wieder sichtbar werden: fünf Millionen Arbeitslose, neun Millionen Behinderte, all diese an den Rand gedrängten Gruppen. Das ist unser System 2. Es geht darum, denen wieder so viel Selbstbewußtsein zu geben, daß sie sagen: Ich rege mich, ich mache, ich will einfach mal darauf bestehen, daß es mich gibt. Unsere Partei »Chance 2000« ist eigentlich eine Partei der Nichtwähler. Das sind Leute, die sich erst mal ganz klar darüber sind, ich habe mit System 1 nichts zu tun. Ich wähl'' mich jetzt erst mal selber. Ich denk'' nur noch an mich: offener Egoismus. Der wählende Nichtwähler - das ist unser Slogan. Aktive Neutralität, wie bei Beuys.

SPIEGEL: Aha. Und wann kommt nun Ihre Partei?

Schlingensief: Wir gründen gerade einen Verein, den »Chance 2000 e. V.«, sozusagen eine Selbstbewußtseinsmaschine. Zu den Gründungsmitgliedern gehören Leute wie Harald Schmidt und Alfred Biolek. Dieser Verein unterstützt alle Unsichtbaren unserer Gesellschaft bei dem Versuch, sich zu erheben und wieder sichtbar zu werden, indem sie sich als unabhängige Wahlkreiskandidaten aufstellen lassen. Man braucht ja nur 200 Unterschriften, um für den Bundestag zu kandidieren, das geht auch ohne Partei. Sozusagen ein Modell der wählenden Großfamilie im eigenen Stadtviertel. Aber wenn sich schließlich genug Wahlkreiskandidaten finden, werde ich die als Privatperson einladen und mit ihnen über eine Parteigründung beraten. Bis 90 Tage vor der Wahl kann man sich als Partei beim Bundeswahlleiter melden. Wir brauchen nur genug Leute, die das organisieren.

SPIEGEL: Vor allem brauchen Sie eine Menge Geld. Haben Sie eine Vorstellung, was ein Bundestagswahlkampf kostet?

Schlingensief: 800 000 bis eine Million Mark würden wir wohl brauchen. Ich sehe im Moment wenig Chancen, wenn nicht endlich einer wie Joop kommt und sagt, ich finanziere euch das. Das wäre super, dann würde ich Plakate drucken und Sendezeit im Fernsehen kaufen.

SPIEGEL: Das klingt jetzt doch nach dem guten alten Marsch durch die Institutionen. Also wollen Sie doch die Burg entern?

Schlingensief: Ob wir von außen oder von innen schießen, interessiert mich erst mal gar nicht. Das Problem ist doch: In dem Moment, wo wir losmarschieren, überprüft uns das System, inwieweit wir selber das System sind. So was ist niederschmetternd und lähmend. Deshalb dürfen wir gerade in der Stunde der Initialzündung nicht die Frage nach dem Ziel stellen, denn das bringt uns gleich in die Bredouille, zu sagen, wir wollen eine kommunistische oder marktwirtschaftliche Bundesrepublik oder so, und damit wären wir plötzlich selbst mitten in der Verwaltungsarbeit.

SPIEGEL: Also im System 1.

Schlingensief: Genau, Sie haben es ja schon verstanden, toll.

SPIEGEL: Wir tun unser Möglichstes.

Schlingensief: »Chance 2000« muß ein Netzwerk bilden, eine Art Rhizom. In der Botanik nennt man so ein dichtes Wurzelwerk.

SPIEGEL: Mit anderen Worten: ein heilloses Kuddelmuddel.

Schlingensief: Aber ein glückliches Kuddelmuddel. Ein Rhizom ist nämlich sehr stabil, weil es sich vernetzen darf. Freiwillig und eben nicht verwaltet. Wir brauchen jetzt Bewegung. Einfach losrasen. Die Freude an der Bewegung ist die Antwort auf 16 Jahre Helmut Kohl.

SPIEGEL: Haben Sie eigentlich Verständnis dafür, daß manche Sie für gaga halten?

Schlingensief: Ich glaube, daß in der Anhäufung von Schwachsinn mehr Wahrheit liegt als in der Anhäufung von Wahrheit.

SPIEGEL: Ansichtssache. Parallel zu Ihrer Parteigründungsaktion proben Sie für die »Wahlkampfzirkus ''98«-Premiere. Bei den Proben sah man da zum Beispiel die Volksbühnen-Schauspielerin Astrid Meyerfeldt, wie sie die Masturbationsszene aus dem »König von St. Pauli« nachspielte und dazu den Anfangsmonolog aus Goethes »Iphigenie« stöhnte. Was hat das bitte schön mit Arbeitslosigkeit zu tun?

Schlingensief: Ob das drinbleibt, ist noch gar nicht klar. Das ist nicht aus mir geboren, das hat Astrid entwickelt. Was das letzten Endes bedeutet, weiß ich auch nicht. Man muß nicht alles verstehen.

SPIEGEL: Und wieso ausgerechnet ein Wahlkampfzirkus - ein reichlich plattes Bild?

Schlingensief: Was soll das sein, ein plattes Bild - heutzutage, wo Schröder schon am Abend der Niedersachsenwahl glaubt, er sei Helmut Kohl und Willy Brandt gleichzeitig? Unsere Familie Sperlich, der dieser Zirkus gehört, das sind die letzten Nomaden unserer Zeit. In den Siebzigern haben die ihren Zirkus gegründet mit dem großen Satz »Träume werden Wirklichkeit«. Das ist ja eine von André Heller später mißbrauchte Idee. Die Sperlichs sind ein Vorbild für uns: Sie rasen durch Deutschland und versuchen immer wieder, einen Platz und Wasser zu kriegen. Die können viel über Verwaltungsbeamte erzählen.

SPIEGEL: Und Sperlichs Ponys springen nun, wie zu hören ist, in der Manege über die Fünf-Prozent-Hürde ...

Schlingensief: ... das spricht die Leute sehr stark an, aber diese kabarettistischen Ausmaße interessieren mich letztlich nicht. Ich will nicht, daß da die Kritiker notieren: Es gab ein paar Witze über Kohl, viel Musik lief, sonst wie immer, Larifari, Schlingensief lief rum, schrie und kotzte. Das interessiert mich nicht mehr.

SPIEGEL: Soll das heißen, Sie haben keine Lust mehr auf Ihr Randale-Theater mit Plakaten wie »Tötet Helmut Kohl«?

Schlingensief: Jetzt wollen wir ihm nur noch helfen - zu verschwinden. Das Theater ist sowieso am Ende; in Hamburg ist gerade das Schauspielhaus in den Fluten der Sprinkleranlage versunken, und Frank Castorfs Hauptdarstellerin hier an der Berliner Volksbühne wurde buchstäblich vom Affen gebissen. Wir betreiben unsere Aktion ernst und lustvoll. Jeder kann mitmachen, wir wollen nicht als Kunstpartei wahrgenommen werden, wo sich das System 1 dann wieder rausreden kann, das sei doch alles nur Theater. Und die Arbeitslosen, um die es eigentlich gehen müßte, bleiben wieder auf der Strecke. Warum sollen die fünf Millionen Arbeitslosen nicht gleichzeitig Campingurlaub am Wolfgangsee machen, am besten, wenn Kohl auch da ist? Und wenn die dann alle gleichzeitig ins Wasser gehen, dann steigt der Pegel - das haben wir ausrechnen lassen - um zwei Meter an. Das Wasser würde dann bis zu den Häusern am Ufer steigen, die Arbeitslosen berühren also immerhin die Häuser. Vielleicht sogar Kohl.

SPIEGEL: Noch mal zur Sicherheit: Die ganze Aktion ist also nicht Kunst, sondern blanke Politik?

Schlingensief: Solche Überlegungen darf ich gar nicht im Kopf haben. Über meine Filme habe ich immer gehört, die seien neofaschistisch. Die Leute sind rausgerannt und haben sich auch mal geprügelt. Wenn ich nun sagen würde, hey, stop, das ist doch Kunst, dann würden sich alle am Kopf kratzen und sagen: Ach so, verstehe. Das ist der Trick von System 1, andere Sachen in ihrer Urkraft zu ersticken.

SPIEGEL: Dann muß es für Sie ja ein Erfolg sein, daß der Hauptstadt-Kulturfonds der Volksbühne 450 000 Mark gestrichen hat - nach Auskunft des Hauses mit dem Argument, ein Theater, an dem Schlingensief arbeitet, verdiene keine Förderung aus Bonn.

Schlingensief: Ja, das ist eine Art Sippenhaft.

SPIEGEL: Können die Arbeitslosen überhaupt folgen, wenn Sie denen Ihr Konzept vortragen?

Schlingensief: Ich merke ja auch, wie meine Zunge sich langsam auflöst, aber eigentlich ist es furchtbar einfach. Wenn ich mit Arbeitslosen diskutiere, merke ich, daß wir uns auch immer in einem Verwaltungsgerüst bewegen, über die Höhe von Fördersummen oder den Sinn von Computern reden. Das ist verkehrt. »Chance 2000« muß der kleinste gemeinsame Nenner der Randgruppen sein. Ich will einen Hexenkessel von Volk, das zu System 1 sagt: »Machen Sie nur weiter, aber lassen Sie mich damit in Ruhe. Sie belasten mich. Es belastet mich, zu sehen, wie Sie Ihre Kraft vergeuden.« Wir machen mit System 1 das, was die mit den Obdachlosen machen: Eine Mark in den Hut werfen und dann weggucken. Man müßte CDU-Generalsekretär Hintze ''ne Mark in den Hut werfen und sagen: Lassen Sie mich in Ruhe mit Ihren Problemen.

SPIEGEL: Wie ein Parteiprogramm klingt das aber noch nicht.

Schlingensief: Man muß nicht immer erst denken und dann handeln, sondern man darf handeln und denkt nebenbei. Beim Sex redet man ja auch nicht erst stundenlang rum, wie man jetzt am besten vorgeht, willst du erst unten liegen oder erst ich. Das macht alles kaputt.

SPIEGEL: Sie reden wie ein Alt-Sponti.

Schlingensief: Mein Mitstreiter Bernhard Schütz sagt immer: Von den 68ern lernen heißt scheitern lernen. Die haben sich in Grundsatzdiskussionen zerfleddert, und das wäre der Tod von System 2. Deshalb muß man vorher die Kraft bündeln. Daran glaube ich so lange, bis ich eines Besseren belehrt werde. Die 68er waren für das damalige System 1 ein Krebsgeschwür, das glücklicherweise gewachsen ist, weil der Staat keine Vorsorgeuntersuchung gemacht hat. Dasselbe Schicksal ereilt nun Kohl mit all den Aktivitäten, die sich da im Moment auftun. Der Krebs entwickelt allmählich ein Eigenleben und muß erst mal begreifen, daß alle Metastasen im selben Körper wohnen. Natürlich stößt das erst mal viele Arbeitslose ab, die sagen: Ich bin doch kein Krebs. Aber es gibt auch Krebs, der kann sogar richtig was mobilisieren.

SPIEGEL: Solche Wunder sind aber selten.

Schlingensief: Und wenn schon. Entweder man glaubt dran und kriegt den Arsch hoch, oder es geht eben alles zusammen unter. Der Versuch ist wichtig. Und wenn es scheitert, dann war das vielleicht die letzte Chance. Dann hat man aber wenigstens am Untergang aktiv teilgenommen.

SPIEGEL: Und da wundern Sie sich, daß Sie als Zyniker gescholten werden?

Schlingensief: Was ist denn nicht zynisch? Gibt es denn etwas Zynischeres als fünf Millionen Arbeitslose?

SPIEGEL: Herr Schlingensief, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteure Anke Dürr und JoachimKronsbein.

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