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Gestorben Lotte Ingrisch, 92

aus DER SPIEGEL 31/2022
Foto:

Brigitte Friedrich / ullstein bild

Manchmal kann man den Eindruck bekommen, dass es in Österreich zum Schriftstellerdasein dazugehört, einen veritablen Skandal zu verursachen und Obrigkeiten sowie Publikum gegen sich aufzubringen. Demnach war Lotte Ingrisch unbedingt eine durch und durch österreichische Autorin. Geboren wurde sie 1930 in Wien. Sie schrieb viele Theaterstücke und hatte mehrere Unterhaltungs­romane unter Pseudonym veröffentlicht, als sie 1980 zusammen mit ihrem Mann Gottfried von Einem die Mysterienoper »Jesu Hochzeit« im Theater an der Wien auf die Bühne brachte. Die Inszenierung löste einen Eklat wegen angeblich blas­phemischer Textstellen aus. Im SPIEGEL hieß es damals in einer Besprechung: »Nun lässt sich eher Heino als Protestsänger oder Herbert von Karajan im Bruderkuss mit Lennie Bernstein vorstellen als Lotte Ingrisch mit blasphemischer Lästerzunge.« Trotzdem nahm ein Attentäter noch 1996 das »gotteslästerliche Libretto« zum Anlass, Ingrisch eine Briefbombe zu schicken. Die kam allerdings nicht an, die Adresse stimmte nicht. Thematisch setzte sich Ingrisch intensiv mit dem Tod auseinander. Sie sagte einmal, sie freue sich bereits »auf den kleinsten Raum, in dem ich je gewohnt haben werde – auf den Sarg«. Lotte Ingrisch starb am 24. Juli in Wien.

XVC
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