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ANTIQUITÄTEN Lücke geschlossen

Gegen den piekfeinen »Bundesverband« der Antiquitätenhändler hat sich ein Kontrast-»Hauptverband« etabliert. Ihm soll nun das Recht streitig gemacht werden, Antiquitäten, Messen« auszurichten.
aus DER SPIEGEL 52/1977

Vier Tage zuvor hatten noch Enten und Gänse, Hühner und Tauben auf der 2500 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche geschnattert, gegackert und gegurrt, hatten sich insgesamt 16 000 Stück Federvieh um das »Siegerband« der 59. Nationalen Rassegeflügelschau beworben.

Über Nacht zogen Kunst und Kurioses in die Halle 1 des Frankfurter Messegeländes ein; ein Anflug von Nostalgie legte sich über die frisch tapezierten Kojenwände.

Edel Antikes wurde feilgeboten, etwa eine aus garantiert echtem Bruch kunstvoll restaurierte apulische Prunkvase aus dem 4. Jahrhundert vor Christus (100 000 Mark), ein aus versilbertem Edelholz geschnitzter Maharadscha-Sessel (60 000 Mark) und ein intarsienreicher Barockschrank (29 000 Mark).

Aber es gab auch reichlich Urgroßmutters Steckkämme und Hutnadeln (20 bis 40 Mark), Omas silberne Pillendöschen, Fingerhüte und Lorgnons (70 bis 280 Mark), Mutters Perlmutt-Obstmesser und bestickte Abendtäschchen (30 bis 50 Mark), einen rührenden Porzellanhirsch aus unbestimmbarer Zeit (150 Mark), Käthe-Kruse-Puppen (280 bis 480 Mark), Inflationsgeld (pro Schein eine Mark) und eine blecherne »Signallampe von Seiner Majestät Schiff »Prinz Wilhelm"', für 1380 Mark, geeignet als Terrassenleuchte für den gehobenen Bedarf.

Als »1. Frankfurter Kunst- und Antiquitätenmesse« sollte am vorletzten Wochenende die von 90 Händlern beschickte Raritätenschau (Eintrittspreis: sechs Mark, Rentner, Kinder und Studenten die Hälfte) eröffnet werden.

Doch kurz vor Beginn mußte der »Veranstalter und wirtschaftliche Träger« des Ganzen, das in der Nähe von Göttingen angesiedelte »Initiativunternehmen Rode-Antiquitätenmessen«, Plakate und Werbezettel umändern. Das Wort »Messe« mußte getilgt und durch die Vokabel »Ausstellung« ersetzt werden. So stand es in einer einstweiligen Verfügung der 4. Kammer für Handelssachen des Landgerichts Hannover.

Erwirkt hatte das Verdikt der elitäre »Bundesverband des Deutschen Kunst- und Antiquitätenhandeis e. V.«, München, »vertreten durch seinen Präsidenten, den Kunst- und Antiquitätenhandelskaufmann Klaus von Francheville«, Hannover.

Der Händlerklub, vor 25 Jahren gegründet, nimmt für sich in Anspruch, ausschließlich darüber zu befinden, was eine »Kunst- und Antiquitätenmesse« sei, wer sie ausrichten dürfe und vor allem welche Händler solche Verkaufsmessen mit welcher Ware beschicken dürften.

Der Händlerverein begründet seinen Anspruch damit, daß er selbst dreimal jährlich »jeweils bedeutende kulturelle Ereignisse« (Geschäftsführer Dr. Manfred Paschke) unter der Messe-Marke inszeniert: Parallel zur Industriemesse Hannover eine »Kunst- und Antiquitätenmesse« im Schloß Herrenhausen, eine spätwinterliche »Westdeutsche Kunstmesse Köln/ Düsseldorf« und die »Deutsche Kunst- und Antiquitätenmesse« allherbstlich im Münchner »Haus der Kunst«.

Zugang hat dort gegen entsprechenden Eintritt zwar jeder Bundesbürger. Doch was er bewundern darf und tunlichst kaufen soll, bestimmt eine elitär besetzte Jury aus Vereinsmitgliedern.

Typische Beispiele für den Jury-Geschmack (frei nach dem Verbandsgrundsatz: »Nicht auf den Preis kommt es an!") auf der letzten Münchner Luxus-Messe: ein Stilleben »Vase mit Rosen in einer Fensternische um 1618« zum Verkaufspreis von einer halben Million Mark, eine »Winterlandschaft mit Krähenfalle« von Pieter Bruegel d. J. (365 000 Mark), ein »signierter Schreibtisch« für 100 000 Mark und eine Münchner »Prunk-Pendule« für 49 000 Mark.

Kein Wunder, daß sich seit langem selbst unter den 450 Klubmitgliedern -- in München waren nur 133 von ihnen zugelassen, in Köln nur 195, in Herrenhausen gar nur 60 -- Unmut häufte.

Groll über die Ausschluß-Praktiken des Bundesverbandes aber hat sich erst recht bei den übrigen rund 4200 Kunstgalerien und Antiquitätenhändlern angesammelt, die ohne Messechancen in ihren kleinen Läden auf Kundschaft warten müssen. Vom hochkarätigen Bundesverband als »Trödelhändler« (Verbandspräsident Klaus von Francheville) geschmäht, wurden sie noch nicht einmal der Weihe des Vereinszutritts teilhaftig.

Bis ein Außenseiter, der gelernte Architekt Richard Rode ("Antiquitäten sind mein Hobby") aus dem Harzer Kleinstädtchen Katlenburg-Lindau, einen Zweitverein gründete und dem Bundes- einen »Hauptverband des Deutschen Kunst- und Antiquitätenhandels e. V.« entgegenstellte.

Rode gewann einen Stamm von 150 ausstellungswilligen Antiquitätenhändlern und begann, als Kontrastprogramm »Antiquitätenmessen für den Verbraucher mit mittleren finanziellen Möglichkeiten« zu organisieren. Erklärtes Ziel: Es gelte, »die Marktlücke zwischen den drei jährlichen Messen für Millionäre und den üblichen Flohmärkten zu schließen«.

Der vornehme Bundesverband blieb dem »wandernden Trödelmarkt« gegenüber (Verbandsgeschäftsführer Paschke) zunächst eher gelassen. Erst als Rode nach Auftritten in der Provinz nach Frankfurt vorstieß -- dorthin, wo zwar nicht mehr in der Stadt selbst, doch auf den ihr vorgelagerten Taunushängen der Reichtum wohnt holte der Bundesverband zum Gegenschlag aus.

Der bezichtigte Rode der »Ausnutzung des guten Rufes« des Eliteklubs. warf ihm »Etikettenschwindel« vor und bekam im Eilverfahren erst mal recht. Vom Begriff Kunst- und Antiquitäten"Messe« mußte Rode lassen.

Ein Erfolg wurde seine schnell zur »Ausstellung« umbenannte Verkaufsschau in Frankfurt trotzdem: Kartenverkauf und Standmiete deckten nicht nur seine Vorauskasse für Organisation, Werbung und Hallenmiete ab, sondern erbrachten sogar Gewinn. Und die 90 Antiquitätenhändler verkauften gut.

Das Recht auf die Nutzung des Wortes »Messe« will Rode sich am Dienstag dieser Woche wiederholen, wenn im Landgericht Hannover über seinen Widerspruch gegen die einstweilige Verfügung verhandelt wird.

Allerdings, seit Mai ist die vom Bundestag im vergangenen Jahr beschlossene Änderung der Gewerbeordnung in Kraft. Danach dürfen sich grundsätzlich nur noch solche Veranstaltungen »Messe« nennen, auf denen »überwiegend nach Muster an gewerbliche Wiederverkäufer. gewerbliche Verbraucher oder Großabnehmer« verkauft wird und nur »in beschränktem Umfang Letztverbraucher zum Kauf zugelassen sind«.

Das freilich trifft auf keine der Antiquitätenmessen zu. Der Bundesverband hatte das bei seinem Antrag übersehen. Rode wäre es, wie er erklärt, gleichgültig: »Entweder dürfen das Wort »Messe' wegen der Besonderheit der Kunst und Antiquitäten alle benutzen oder keiner.«

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