Zur Ausgabe
Artikel 84 / 118
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FILM »Lügen kosten zu viel Kraft«

Die französische Schauspielerin Juliette Binoche, 39, über ihre Rolle in der Liebeskomödie »Jet Lag«, ihre Abneigung gegen die Ehe und die Nutzlosigkeit von Beziehungsratschlägen
aus DER SPIEGEL 41/2003

SPIEGEL: Madame Binoche, Ihr neuer Film »Jet Lag« mit Jean Reno erzählt eine Liebesgeschichte, die ausschließlich auf dem Pariser Flughafen spielt. Ist die Hektik eines Flughafens nicht absolut ungeeignet für große Gefühle?

Binoche: Natürlich fühlen sich viele Menschen auf dem Flughafen einsam und isoliert. Auch Rose und Félix, die beiden Helden des Films, wären beinahe aneinander vorbeigehastet - doch dann sind sie durch einen Zufall aufeinander angewiesen. Dass sie zueinander finden, verdanken sie aber gerade der Anonymität des Orts. Da sie davon ausgehen, dass sie sich nie wieder sehen werden, lassen sie alle Abwehr fallen und erzählen sich ehrlich von ihren Sehnsüchten und Bedürfnissen. Sie geben Einblick in das gesamte seelische Gepäck, das sie mit sich herumschleppen.

SPIEGEL: »Jet Lag«, gedreht von der Regisseurin Danièle Thompson, behauptet also: Ohne Ehrlichkeit gibt es keine Liebe?

Binoche: Ja, und das stimmt auch. Ich glaube, auf Dauer lassen sich Lügen nicht verbergen. Das Verbergen und Verheimlichen kostet zu viel Kraft. Ich finde es einfacher, die Wahrheit zu sagen, auch wenn ich verstehe, dass manche Menschen lügen - aus Angst, den anderen zu verletzen.

SPIEGEL: Sie selbst haben zwei Kinder von verschiedenen Vätern und haben nie geheiratet. Müssen in der modernen Beziehungsunordnung nicht alle Rezepte scheitern, ob sie nun auf dem Prinzip Ehrlichkeit beruhen oder auf anderen?

Binoche: Für mich sind Liebesbeziehungen ein großes Geheimnis, jeder muss seine eigenen Lösungen finden. Aber die Ehe hat für mich nichts mit Liebe zu tun. Sie ist der Liebe eher abträglich. Ich frage mich, ob wir überhaupt dafür gemacht sind, immer als Paar zu leben. Ernsthaft! Schauen Sie doch die Tierwelt an, viele Tiere leben in Gruppen.

SPIEGEL: Sie sind berühmt geworden durch Filme wie »Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins« (1988) oder »Die Liebenden von Pont-Neuf« (1991), in denen Sie stets beschädigte, scheue Frauen spielten. Fällt Ihnen die Leichtigkeit des Komödienfachs besonders schwer?

Binoche: Nein. Jeder Mensch gewinnt seine Identität über Verletzungen und entwickelt daraus seine Kraft und seine Sehnsüchte. Deshalb ist es zum Beispiel eine Illusion, dass man Kinder in einer absolut heilen Welt aufwachsen lassen kann.

SPIEGEL: Wie stark hat es Sie geprägt, dass sich Ihre Eltern trennten, als Sie erst wenige Jahre alt waren, und Sie von da an nur bei Ihrer Mutter - einer Schauspielerin und Lehrerin - aufwuchsen?

Binoche: Ich habe schon sehr jung mein Leben selbst in die Hand genommen. Bereits als Jugendliche wusste ich, dass ich nur auf mich zählen konnte - und dass das Theater oder die Malerei meine Leidenschaft ist. Aber ich hatte das Glück, eine Mutter zu haben, die mir gezeigt hat, wie weit man mit Disziplin kommt. Für einen Schauspieler ist das sehr wichtig. Auch nach tausend Absagen muss man weiter an sich glauben.

SPIEGEL: Was ist die wichtigste Erfahrung aus der Theaterzeit Ihrer Kindheit?

Binoche: Die Angst war wichtig. Die Angst, etwas zu zeigen, das man vorbereitet hat. Man ist in der Rolle eines Tänzers, der fürchtet, das Gleichgewicht zu verlieren, und schreckliche Angst hat herunterzufallen. Und immer wieder dieses Gleichgewicht zu halten, das ist spannend an meinem Beruf. Einfach den Punkt herauszufinden, wie weit man gehen kann.

SPIEGEL: Haben Sie je daran gedacht, mal selbst Regie zu führen?

Binoche: Nein, nie! Ehrlich gesagt, finde ich die Arbeit eines Schauspielers viel interessanter. Er tritt physisch in Aktion. Der Regisseur muss dauernd die Struktur des Films im Kopf behalten und seine Kreativität bis zum Schnitt konzentriert einsetzen. Und er muss mit Schauspielern umgehen können, er muss sie mögen - wie zum Beispiel Michael Haneke, den ich als Regisseur besonders bewundere, weil er einfach weiß, wie Schauspieler funktionieren und wie sich Menschen in bestimmten Situationen benehmen. Mir würde das sehr schwer fallen, auch weil ich immer sehr viel Zeit brauche, um mich in einen Menschen oder eine Situation einzufühlen.

SPIEGEL: In einer der schönsten Szenen des Films »Jet Lag« sitzen Sie am Fenster eines Taxis und strahlen stumm vor sich hin. Können Sie uns das Geheimnis dieses Strahlens erklären, das Sie so unvergleichlich beherrschen?

Binoche: Ich versuche, vor jeder Szene, die ich spiele, zu einer möglichst großen inneren Klarheit zu kommen. Das ist ein wenig wie bei einem Gebet. Und wenn es gelingt, dann fühle ich mich mit meinem Beruf und den vielen Schwierigkeiten, die er mit sich bringt, zumindest für ein paar Minuten versöhnt. In meinen Filmen will ich die Menschen aus den Löchern ihrer Ängste treiben. Ich will sie bewegen. Das klingt idealistisch. Aber ich bin eben eine Idealistin.

INTERVIEW: SIMONE BERGMANN

Simone Bergmann
Zur Ausgabe
Artikel 84 / 118
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.