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ALTES TESTAMENT Lüsterne Blicke

Knapp ein Jahr nach Fred Dengers Tod ist seine Slang-Bibel »Der Große Boss« zum Bestseller geworden. *
aus DER SPIEGEL 39/1984

Joseph wäre der glücklichste Mensch am Nil, wenn Potiphars Gattin nicht so scharf auf ihn wäre. Sie verfolgt ihn mit lüsternen Blicken, führt zweideutige Reden, streift ihn im Vorbeigehen mit ihren Spitzbrüsten und zeigt ihm bei jeder Gelegenheit, wie lang ihre Beine sind.«

So liest sich das erste Buch Mose, Kapitel 39, in der jüngsten Bibel-Umdeutschung, in Fred Dengers Nacherzählung des Alten Testaments mit dem Titel »Der Große Boss«. Vor allem an der evangelischen Kirchenbasis haben sich die ordinären Gottesworte in den letzten Monaten zu einer neuen Vulgata entwickelt: Konfirmanden gehen plötzlich wieder gern zum Unterricht, Diakone streiten sich mit ihren Dienstherren.

Reiz-Stoff bietet die heilige Reform-Schrift in der Tat genug. Natürlich auch in der einschlägigsten aller Bibel-»Stellen": »Die Lebewelt von Sodom ist heute auf Knaben scharf. 'Steck dir deine Schnallen an den Hut!' grölen die Allroundsexuellen. 'Gib die Lustknaben raus, wir wollen sie vernaschen! Sonst hauen wir dir alles in Klump!'«

Die Vita von Luther-Nachfolger Denger, Jahrgang 1920, paßt zu diesen Texten: Er war Raubtierpfleger, Steilwandfahrer, Kleinkunstbühnen-Intendant, Kneipier und vor allem ein fleißiger Dichter. Wie jeder ordentliche Schriftsteller hatte auch er beizeiten seinen

eigenen Grabspruch verfaßt: »Prosit auf den Rinnsteinsänger! Er soff und starb und hieß Fred Denger.«

Vor knapp einem Jahr, kurz nach der Buchmesse, war es dann so weit. »Ein Gehirnschlag beendete sein wildes Leben«, schrieb die »Bild«-Zeitung. Schlagzeile: »Tot! Der deutsche Dichter mit zwölf Ehefrauen«.

Tatsächlich hatte der »Hochzeitskönig« zuletzt sogar seine Schwiegertochter Barbara geheiratet und damit Enkel Yao zum Stiefsohn gemacht.

Dabei ließ sich Dengers Karriere nach dem Krieg ganz seriös an: Mit seiner Trümmerballade »Wir heißen euch hoffen« und später mit dem Einpersonenstück »Langusten« (Tilla Durieux zieht damit in den fünfziger Jahren über fast alle westdeutschen Bühnen) macht sich Denger als Theater-Autor einen Namen. Den allerdings hat er als Verfasser von Illustriertenromanen und Drehbuch-Dutzendware ("Winnetou") bald wieder verspielt.

Immerhin, der Vielschreiber kann mit den Kolportage-Honoraren seine Sauftouren und Scheidungen finanzieren (Denger: »Sie haben mich zwei Millionen Mark gekostet") - oder doch nicht ganz. Denn seine Ex-Frauen gründen einen »Verein der Denger-Geschädigten«.

Exzessiv betreibt Denger schließlich auch seine Läuterung. Die Wende findet im Wendland statt, wo er sich bei Gorleben den Grünen anschließt und sich die Bibel vornimmt. Ursprünglich nur als Nachhilfeunterricht für Sohn Frederik gedacht, werden die frommen Nacherzählungen zur Manie.

Monatelang feilt Denger als moderner Abraham a Sancta Clara an seinem neuen Alten Testament, bringt die einzelnen Episoden in eine chronologische Reihenfolge und vor allem in einen Jargon, von dem er annimmt, genau das sei die Sprache der Jugend von heute: »Bravo« mit einem Schuß Lindenberg.

Die Genesis zum Beispiel beginnt so: »Der Große Boss schlägt zu! Der Große Boss will ein tolles, ein einmaliges Ding drehen, das Ding mit der Welt ...« So geht es frischwärts weiter durch 219 Kapitel. Und wo die katholische Bibel mehr zu bieten hat als die evangelische, in den Apokryphen etwa, bedient sich der Protestant auch da.

Für einen Illustrierten-Mann wie Denger muß es in der Tat schwer verständlich sein, wieso Luthers »gantze Heilige Schrifft« ausgerechnet auf diese schöne Makkabäer-Geschichte verzichtet hat: »Riesige Töpfe und Pfannen werden angeheizt, bis sie glühen, dann bekommt der älteste Sohn die Zunge aus dem Mund geschnitten. Mit 'm Wurstmesser. Anschließend wird er regelrecht skalpiert. Danach kriegt der junge Mann mit dem Beil Hände und Füße abgehackt. Die kommen in den Suppentopf. Zum Schluß muß der Jüngling auf den blutigen

Beinstumpen zur Pfanne humpeln ...«

Der Kannibalismus scheint Dengers Lieblingsthema zu sein. »Maggys klare Kindfleischsuppe« heißt eine Schilderung aus dem zweiten Buch der Könige. Eine Frau »Maggy« kommt im Original zwar nicht vor, aber wenn's dem Kalauer dient, dürfen noch ganz andere mitspielen: »Kannibal ante portas«.

Auch sonst läßt Denger seinen Männerphantasien ungehemmten Lauf. Eva hat bei ihm zum Beispiel das »Gehirn der Turteltaube«.

Um so seltsamer, daß ausgerechnet die frauen-, umwelt- und friedensbewegte Kulturtruppe »Singendes Wendland« der Denger-Exegese zum Verkaufserfolg verholfen hat. Die präsentierte nämlich das vulgäre Testament (von Denger auf 840 Seiten eigenhändig abgetippt und im Selbstverlag veröffentlicht) im Sommer '83 auf dem evangelischen Kirchentag in Hannover. Dort wird es zum Geheimtip der progressiven Christenheit, und allein die hannoversche Lutherhaus-Buchhandlung verkauft in anderthalb Monaten 400 Stück.

Nach diesem Erfolg läßt Denger, maßlos wie immer, seinen »Großen Boss« gleich 13 000mal drucken: im »Summa Summarum-Verlag« seiner letzten Lebensgefährtin (auch die zwölfte Ehe war inzwischen geschieden) Gisela Cremer. Doch der »kleinsten Bibeldruckerei der Welt« (Eigenwerbung) geht das Geld aus, noch bevor die Druckbögen gebunden werden können.

Denger besorgt sich eine Mönchskutte, steckt sein Hundchen in die Kapuze und fährt zur Frankfurter Buchmesse, wo er einen neuen Verleger finden will. Er trifft auf Detlef Hellweg, den Chef der Lutherhaus-Buchhandlung, die noch wenige Wochen zuvor ein so glänzendes Geschäft mit der Denger-Bibel gemacht hatte.

Für rund 40 000 Mark kauft der kircheneigene Lutherhaus-Verlag den Papierstapel und die Rechte. Um beides gleich wieder - mit Verlust - verkaufen zu müssen: die Kirchenleitung interveniert.

Denger stirbt über diesem Handel. Sein Evangelium unter dem Titel »Der Junior-Chef« bleibt Fragment, und von einer auf 24 Ton-Kassetten geplanten »Theothek« sind erst drei besprochen.

Das Geschäft mit dem »unheiligen Knüller« ("Münchner Merkur") macht seitdem Vito von Eichborn. Für nur noch 30 000 Mark erhält der Frankfurter Jungverleger die 13 000 Rohbögen-Sätze inklusive Copyright und bringt sie als kleine, dicke Paperbacks im Frühjahr für 16,80 Mark auf den Markt. Inzwischen wird nachgedruckt: kürzlich das 20. Tausend, und im Oktober soll das 30. Tausend ausgeliefert werden.

Verleger Eichborn wundert sich kaum über seinen Bestseller: »Sex and crime sind doch immer gefragt.«

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