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WIEDERBELEBUNG Luft auf Rädern

aus DER SPIEGEL 13/1966

Bewußtlos, schwer atmend lag die zuckerkranke Patientin seit einem Tag auf der Wachstation des Pennsylvania-Hospitals in Philadelphia. Plötzlich sank ihr Blutdruck. Der Puls ging schwach und schnell. Dann stockten Herzschlag und Atmung.

Im selben Moment löste eine Kontroll-Elektrode, am Ohr der Patientin befestigt, Alarm aus: Flackerlicht und Summton der automatischen Notrufanlage mobilisierten das Wiederbelebungs-Team der Klinik.

Im Laufschritt schoben zwei Ärzte und zwei Schwestern einen gedrungenen, kastenförmigen Karren in das Krankenzimmer neben das Bett der klinisch bereits toten Patientin. Sie klappten die Deckplatte der rollenden Apparatur auseinander und betteten die Frau darauf.

Eine der Schwestern stülpte der Patientin eine Atemmaske über das Gesicht - Sauerstoff aus den Tanks im Innern des Karrens wurde in die erschlaffte Lunge gepreßt.

Währenddessen präparierte einer der beiden Ärzte das Herzmassage-Gerät. Aus einem stählernen Schwenkarm, der die Apparatur überragt, senkte sich ein Stößel auf die Patientin: Gleichmäßiger, als es der Handballen des Arztes vermocht hätte, drückte er jede Sekunde einmal auf das Brustbein der Kranken und zwang ihr Herz, wieder zu schlagen. Gleichzeitig stach der zweite Arzt eine Kanüle in ihre Armvene - augenblicklich sickerte Blutersatz aus der am Karren aufgehängten Infusionsflasche.

Kaum 30 Sekunden waren seit dem Aufflackern der Alarmlichter vergangen. Da zeigten die Skalen der Meßgeräte für Puls, Atmung und Herzschlag an, daß die Patientin dem Tod wieder entrissen war.

Lebensretter der Diabetes-Patientin im Pennsylvania-Krankenhaus war das 1,85 Meter lange, 68 Zentimeter breite rollende Wiederbelebungs-Aggregat, das seit einigen Monaten Tag und Nacht auf der Wachstation des Hospitals bereitsteht. Der Apparat - auf den Spitznamen »Max« getauft - wurde von einem Chirurgen, Dr. Joel J. Nobel, entworfen und kürzlich auf einer Tagung amerikanischer Herz-Spezialisten vorgestellt: Es ist die erste von festen Klinik-Einrichtungen völlig unabhängige und zugleich die kompakteste Lebensrettungs-Maschine, die Ärzte ersannen.

Bisher sind Notfall-Aggregate, die an das Bett des Kranken gerollt werden können, durchweg eine unübersichtliche Ansammlung von Apparaturen, Lampen und Meßgeräten, von Schläuchen und Schalen, Medikamentenflaschen und chirurgischen Besteck,

So benötigt selbst ein routiniertes Notfall-Team mit herkömmlichem Gerät drei bis fünf Minuten für ein Wiederbelebungs-Programm. Und oft unterliegen die Ärzte Im Wettlauf mit den Sekunden: Nur vier Minuten vermag der menschliche Organismus ohne Atmung und Herzschlag schadlos zu überstehen - dann beginnen die Gehirnzellen aus Mangel an Sauerstoff abzusterben.

Vor allem aber mußten bisher derartige Apparaturen mit den im Krankenzimmer verlegten Anschlüssen für Atemsauerstoff und Strom verbunden werden. Der Patient war erneut in Gefahr, wenn er zum Operationssaal oder - etwa nach einer kritischen Herzoperation - auf die Station zurück verlegt wurde: Auf dem Weg durch die Korridore mußten die Atem- und Kontrollgeräte meist abgesetzt, äußere Herzmassage und Infusionen unterbrochen werden.

Lebensretter Max hingegen, so erläuterte Dr. Nobel, ist in jeder Sekunde - auch während eines Krankentransports - funktionstüchtig.

Wie bei einem Düsenklipper vor dem Start werden bei dem rollenden Nothelfer die elektronischen Eingeweide vorgewärmt, schon auf dem Wege zum Patienten. Sobald im Bereitschaftsraum die Kabelverbindung mit dem Stromnetz (die für stets volle Batterie-Ladung sorgt) gelöst wird, schaltet Max automatisch seine Elektronik-Geräte ein, die Atmung, Puls und Blutdruck des Kranken registrieren sollen.

Mühelos wie ein Teewagen läßt sich das fünf Zentner schwere Wiederbelebungs-Arsenal auf fünf Rädern durch die Klinikgänge steuern - und notfalls abstoppen: Chirurg Nobel ließ eigens eine Motorrad-Bremse einbauen. Dreißig Minuten lang können die beiden bordeigenen Tanks - die gleichzeitig den Druckluftmotor des Herzmassage-Gerätes beschicken - Sauerstoff für die Atemmaske (oder Luftröhrensonde) liefern. Aber noch ehe die Reserven erschöpft wären, könnte wieder ein voller Ersatz-Tank eingesetzt werden.

»Bisher«, so erläuterte Max-Konstrukteur Nobel, »war der Kranke (bei einer Lebensrettungs-Aktion) von sperrigen Apparaturen umstellt und von sechs bis acht Ärzten und Schwestern, die sich gegenseitig im Wege stehen.« Ein Dreier- oder Vierer-Team reicht hingegen aus, Max zu bedienen. Denn bei der Nobel-Apparatur, die »ein höchst wirkungsvolles Zusammenspiel von Mensch und Maschine« (Nobel) garantiert, ist jeder Handgriff mit höchstem Raffinement vorausgeplant.

Sogar die Medikamente sind in das exakt auf Sekundengewinn und Sicherheit kalkulierte Lebensrettungs-Programm einbezogen. Ein simpler, aber sinnreicher Mechanismus sorgt dafür, daß jede der alphabetisch geordneten Ampullen und Phiolen zuverlässig am vorherbestimmten Platz zur Hand ist: Die Schübe, die bei einem Einsatz der Maschine aufgezogen werden, lassen sich nur mit einem Spezialschlüssel wieder schließen. So wurde sichergestellt, daß alle verwendeten Bestecke und Arzneimittel jeweils auf der Wachstation wieder ersetzt werden.

Mehr als sechzig Patienten konnten die Pennsylvania-Ärzte schon mit Hilfe der neuartigen Apparatur ins Leben zurückrufen. Derzeit ist solche Wiederbelebung, wie die Mediziner eingestehen müssen, allerdings nur bei einer begrenzten Zahl von Fällen sinnvoll, so etwa bei Herzinfarkt, bei Kreislauf -Kollaps oder Herzversagen nach einer Operation.

Die Einsatzmöglichkeiten für Max, so glaubt sein Ersinner, werden sich aber schon in absehbarer Zukunft vervielfachen: wenn Nieren- oder Lungen -Überpflanzungen und Herzen aus Kunststoff zur Alltagspraxis der Chirurgen zählen.

Lebensrettungsmaschine »Max": Vorgewärmt ins Bett

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