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Luschen im Einsatz

Ein neues Genre erobert deutsche Bildschirme: Reality-TV erzählt Geschichten aus dem wahren Leben.
aus DER SPIEGEL 26/1992

An einem hellen Sommertag vor ungefähr sechs Jahren wurde ein junger und eher unauffälliger Mensch aus dem Schwarzwald vom zweitschlimmsten Unglück seines Lebens ereilt. Der Mann hieß Detlev Ganz, sein Hobby war das Klettern, und an diesem Vormittag wollte er einen steilen Felsen erklimmen.

Auf halber Höhe aber schwanden die Kräfte, und die Hände wurden naß vom Schweiß - dann verlor Detlev Ganz den Halt, stürzte mehrere Meter tief und verletzte sich schwer an der Wirbelsäule. Doch die Bergwacht war nicht weit, Ganz' Freundin holte Hilfe; weil der Notarzt rechtzeitig kam, überlebte der Bergsteiger den Fall ohne bleibenden Schaden.

Im Frühjahr 1992 kam ein böseres Unglück über Detlev Ganz: Sein Schicksal wurde vom Fernsehen entdeckt. Der Privatsender RTL plus engagierte einen Doppelgänger, inszenierte den Fall vom Felsen noch einmal und filmte das Ganze mit verwackelter Kamera, steifen Laien (darunter die echten Sanitäter und der leibhaftige Notarzt) und Dialogen, die so trübsinnig und inhaltslos waren, wie es sonst nur die Gespräche im wirklichen Leben sind.

Der technische Aufwand war gering, der Drehbuchautor wurde eingespart, und als der Doppelgänger am Boden lag, fiel die Spannungskurve noch viel tiefer: Daß Ganz ganz bleiben würde, war von Anfang an bekannt - und was er damals gedacht, gefühlt, gefürchtet hatte, das war den Leuten von RTL plus egal. Nur am Schluß durfte der Mann kurz beichten, daß er, wenn der Berg ruft, noch immer nasse Hände kriegt.

Der Sturz des Detlev Ganz zeugt vom Absturz des Fernsehens in bislang unerreichte Niederungen. Die Sendung, welche einmal in der Woche Geschichten wie diese erzählt, heißt »Notruf« - doch ihr Moderator Hans Meiser macht meist den Eindruck, als hätte er sich in der Nummer geirrt: Sein Tonfall klingt eher nach der telefonischen Zeitansage.

»Wir lassen die Wirklichkeit erzählen«, droht das Magazin im Untertitel - und das Publikum, das doch stets im Verdacht stand, es wolle per Fernbedienung der Realität entrinnen, kann kaum genug davon bekommen: »Notruf« hat Einschaltquoten wie sonst nur Fußball oder Gottschalk, der Rundfunk wird zum Polizeifunk: Immer mehr »Reality-Shows« verfilmen jene Drehbücher, welche angeblich das Leben schrieb.

Seit Januar strahlt Tele 5 den »Polizeireport Deutschland« aus. Unerschrocken ruft die Redaktion zur Hatz auf Herbert den Säger und andere Übeltäter; unerbittlich werden noch einmal solche Fälle recherchiert, in denen die Ermittlungen der Polizei erfolglos blieben - mit dem Ergebnis, daß potentielle Zeugen vor laufenden Kameras noch weniger sagen als beim offiziellen Verhör. Über Fahndungserfolge des Magazins ist nichts bekannt.

Seit sechs Wochen präsentiert der notorisch aufgeregte Olaf Kracht »Auf Leben und Tod - Polizei-Asse im Einsatz«, die RTL-Version der amerikanischen Erfolgsserie »Top Cops": Echte Polizisten spielen hier Räuber und Gendarm mit schlechten Statisten, wackere Beamte stellen noch einmal ihre gefährlichsten Einsätze nach, und weil in Amerika mehr passiert, stammt die Hälfte der kurzen Filme aus den USA. Diese Folgen sind meist schnell und gewalttätig wie die Nächte in Chicago und Los Angeles - die selbst produzierten Beiträge hingegen nähren eher den Verdacht, daß es bei der deutschen Polizei wenig Asse, aber viele Luschen gibt.

Eine Episode beispielsweise erzählte von einem Beamten, der zu vergeßlich war, seine Pistole einzustecken, und schusselig genug, sich von zwei Bankräubern entführen zu lassen. Auf dem Rücksitz des Fluchtautos jammerte der Mann über Übelkeit - und daß er diesen Ausflug trotzdem überlebte, verdankte er nur einem Zufall: Die Gangster waren noch ein bißchen dümmer.

Jeder kann für zehn Minuten ein Star werden, heißt die tröstliche Botschaft all dieser Shows, und er braucht dafür nicht schön, nicht klug und nicht tapfer zu sein. Es reicht völlig aus, wenn ihm irgendwann ein Unglück widerfahren ist. Und es ist von Vorteil, wenn er die Sache einigermaßen heil überstanden hat: Auch das wirkliche Leben muß, wenn es ins Fernsehen kommen will, ein Happy ending bieten.

Jeder kann zehn Minuten lang Fernsehen machen, heißt die zweite Botschaft, und es stört wenig, wenn er von Kamera und Beleuchtung keine Ahnung hat und kein Geld für große Szenen. Es reicht, wenn er seinen Camcorder auf die alltäglichen Mißgeschicke richtet, und es hilft, wenn der Film voller Fehler ist: Unscharfe Bilder werden als wirklichkeitsnah gedeutet, belanglose Dialoge als authentisch - das wahre Leben im Reality-TV unterscheidet sich vom Spielfilm vor allem dadurch, daß es schlechter inszeniert ist.

Nie zuvor bot das Fernsehen solch umfassende Identifikationsmöglichkeit: Nicht nur die Helden, Opfer, Bösewichter sind Versager wie du und ich, auch Kameraleute, Regisseure und Darsteller haben dem Zuschauer nichts mehr voraus. Das Publikum - diesen Schluß jedenfalls legen Einschaltquoten über zehn Prozent nahe - hat genug von jenen Geschichten, die größer und schöner als das Leben sind. Es erwartet vom Fernsehen, daß es genauso durchschnittlich wie seine Zuschauer sei. Insofern handelt Reality-TV tatsächlich von der Realität - von der Realität seines Publikums.

Es ist, als wäre das Fernsehen immer ferner gerückt, je schneller sich die Programme und Kanäle vermehrten. Es ist, als hätte der Zuschauer auf seiner Flucht vor dem grauen Alltag endlich gemerkt, daß all die bunten Illusionen zu einem farb- und konturenlosen Flimmern verwischen, wenn man nur schnell genug durch die Programme zappt. Es scheint, als wäre das Publikum auf seiner Suche nach Orientierung und nach Vorbildern zu dem Ergebnis gekommen, daß es nur noch sich selbst und seinesgleichen glauben mag.

Man guckt in den Fernseher so, wie man in den Spiegel schaut; man vergewissert sich dabei der eigenen Existenz - und daß diese Existenz von Belang und Wichtigkeit ist, das erweist sich eben dadurch, daß sie auf dem Bildschirm erscheint.

Mit der Realität allerdings, welche sie doch angeblich ungeschönt und unverfälscht zeigen wollen, haben diese Bilder noch weniger zu tun als der verlogenste Hollywood-Film: Die Leinwand ist zu groß, das Medium Kino zu komplex, als daß es sich bedingungslos einer manipulativen Absicht unterwerfen ließe; und die Fakten schleichen sich auf Umwegen zwischen die Fiktionen. Ein Film, der nichts als Illusionen schaffen will, taugt immer auch zum Dokument.

Die kleinen, kurzen Geschichten der Reality-Shows hingegen lassen weder Raum noch Zeit für den Einbruch der Wirklichkeit - die nervöse Kamera und die hektischen Schnitte suggerieren, daß das Leben ein Thriller sei; die echten Polizisten verhalten sich so, wie sie das von Derrick oder Schimanski gelernt haben, und dem Zuschauer wird weisgemacht, daß noch die dümmsten Fernsehserien das wahre Leben widerspiegeln: So formt sich eine Spirale aus Lügen und Selbstbetrug, die einen solchen Sog entwickelt, daß sie noch den letzten Rest Realität verschwinden läßt.

In Amerika dreht sich das Karussell schon wieder in die andere Richtung - dort unterwandert der Geist aus der Glotze die Wirklichkeit: So mancher Großstadt-Cop verkauft die Urheberrechte an seinen Ermittlungen exklusiv an eine Fernsehstation, und demnächst, vermutet die Zeitschrift New York, wird jeder Polizist, bevor es zum Showdown mit irgendwelchen Gangstern kommt, erst seinen Agenten verständigen.

In Los Angeles, so klatschen Branchenkenner, spricht die Kriminalpolizei ihre Einsatzpläne längst mit den Regisseuren der Reality-Shows ab. Und bald wird es so weit sein, daß ein Drogendealer nach einem harten Arbeitstag nach Hause kommt, seinen Fernseher anschaltet und bei der Polizei-Show hängenbleibt. Wenn es dann an seiner Tür klingelt, kann er auf dem Bildschirm nachschauen, wer draußen steht.

Das wäre das Ende des Fernsehens und der Beginn des Nahsehens.

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