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Tourismus Lust aus der Tube

Trotz aller Kritik soll in Peenemünde ein »Space Center« für Touristen entstehen - nach den Vorstellungen der Raumfahrtindustrie.
aus DER SPIEGEL 42/1992

Heinrich Metzmacher, 52, hat eine Vision: Teenager schweben schwerelos im Weltraumsimulator, Zehnjährige im Astronautenanzug bergen gestrandete Satelliten, erwachsene Menschen holpern in virtuellen Marsfahrzeugen über den fremden Planeten. Und seriöse Wissenschaftler treffen sich zum astronautischen Weltkongreß.

Scharen von Touristen werden in das 800-Seelen-Dorf Peenemünde auf der Ostseeinsel Usedom pilgern, um Raumfahrt live zu erleben; Investoren werden Arbeitsplätze schaffen, die Erwerbslosenquote wird drastisch sinken - von 21 Prozent auf einen einstelligen Wert. Metzmacher, Wirtschaftsdezernent im Landratsamt Wolgast, glaubt an eine große Zukunft: »Das wird das europäische Raumfahrtzentrum überhaupt.«

»Raumfahrtpark Peenemünde« heißt Metzmachers Vision - und daß dieser Ort, besonders seit dem Skandal um die geplante, dann nach Protesten aus dem Ausland wieder abgesagte Jubelfeier (SPIEGEL 41/1992) einen schlechten Namen hat, stört den Beamten wenig: Dort, wo am 3. Oktober 1942 die erste V-2-Rakete gestartet ist, soll der »Geburtsort der Raumfahrt« als Touristenattraktion gefeiert werden: eine »kluge, richtige und ordentliche Sache«, wie Metzmacher meint.

Die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern begrüßt das Projekt als »wesentlichen Beitrag zur technologischen und wirtschaftlichen Entwicklung in dieser Region«, welcher zudem einer breiten Öffentlichkeit »in pädagogisch ansprechender Form« den Reiz und die Nützlichkeit der modernen Technik vermitteln werde. Daran habe sich auch nach dem Politskandal »nichts geändert«, betont Regierungssprecher Gerhard Herdegen.

Auch Joachim Saathoff vom 1991 eröffneten Historisch-technischen Informationszentrum (HTI) sieht »keinen Grund«, die großen Pläne zu stoppen. Der Stolz auf die Vergangenheit bleibt. Trotz aller Kritik hat der Förderverein dieses Museums sein Jubiläumsfest gefeiert - Konrad Dannenberg, der einst in Peenemünde die V-2-Triebwerke entwickelt hat, zählte am 3. Oktober um 15.58 Uhr auf den Trümmern von Prüfstand VII einen Gedenk-Countdown aus. »Das war aus Quatsch«, sagt Saathoff. »Wir haben in lustiger Form der Sache gedacht.«

Das HTI ist als Keimzelle für den künftigen Raumfahrtpark vorgesehen. Wie dieses Großprojekt aussehen soll, geht aus einer internen »Konzeptstudie zur Realisierbarkeit« hervor, welche der Landkreis Wolgast für 400 000 Mark in Auftrag gegeben hat.

Unter Federführung der Deutschen Aerospace (Dasa) werden derzeit Pläne für das vorgesehene Raumfahrtzentrum entwickelt, das aus einem Museum, einem Trainingscamp und einem Kongreßzentrum bestehen soll. Im November wird das Konzept der Öffentlichkeit vorgestellt.

Rund 380 000 Besucher pro Jahr peilen die Planer an. Das Ziel des Projekts ist in einem bisher unveröffentlichten Dossier so formuliert: Es soll Touristen »attraktiv über die Geschichte, den derzeitigen Stand und die Zukunftsaussichten der Raumfahrt informieren«. Ähnlich wie im »Alabama Space and Rocket Center« von Huntsville wird die Raumfahrt als großes Abenteuer verkauft.

Die »Faszination« dieser Technik soll »spürbar« werden: Besucher dürfen, in Astronautenanzüge verpackt, am Space Shuttle arbeiten, per Computer technische Manöver trainieren oder Astronautennahrung aus der Tube kosten. Metzmacher: »Das wird ein touristischer Lusteffekt.«

Den kann die deutsche Raumfahrtindustrie gut gebrauchen. Die Bundesregierung streicht die Mittel für Großprojekte im All zusammen, und mehrere hundert Wissenschaftler haben Forschungsminister Heinz Riesenhuber unlängst in einer Briefaktion zum Verzicht auf die bemannte Raumfahrt aufgefordert. Es handele sich »um ein Prestigeobjekt, dessen wissenschaftliche Ergebnisse in keinem sinnvollen Verhältnis zu den sehr hohen Kosten« stünden.

Da käme ein Raumfahrtpark sehr gelegen, der »gerade unter jungen Menschen eine neue Plausibilität für diese Hochtechnologie schafft«, wie ein Bonner Raumfahrtexperte zu formulieren versucht.

Die Industrie soll für soviel Werbung zahlen: »Das ganze Projekt wird vielleicht 50 Millionen Mark kosten. Das kann man nur privatwirtschaftlich finanzieren«, sagt Metzmacher.

Wenn er sich da mal nicht verrechnet. Zwar hat die Deutsche Aerospace ihre »Unterstützung und Förderung« des Projekts erklärt. Doch »als Betreiber des Raumfahrtparks«, versichert Michael Wlaka von der Dasa-Tochter Dornier, könne er sich den Konzern »nicht vorstellen«.

Wlaka ist Leiter des Planungsteams, das derzeit die Konzeptstudie für den Raumfahrtpark erstellt, und hält das Projekt für »kommerziell uninteressant«, wie er sagt: »Man kann sich ja ausrechnen, was diese Anlage an Gewinn abwirft. Das wäre kein Happening für uns.«

Die Federführung freilich will sich die Industrie nicht nehmen lassen - und weil es ja um die schöne Zukunft geht, kommt die häßliche Vergangenheit in der Aerospace-Studie kaum vor: Keine Rede von den 20 000 Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen, die bei Arbeiten für die V-2 elend verreckten; nichts Genaues über jene Tausende, die bei Einsätzen von V-1 und V-2 gestorben sind.

Schon im Historisch-technischen Informationszentrum wirkt die Beschäftigung mit den Opfern wie eine lästige Pflicht. In diesem Museum, das 13 ABM-Kräfte mit zwei ehemaligen NVA-Offizieren nach der Wende in den Überresten von Hitlers Raketenlabor installiert haben, weisen zwar ein paar Exponate auf die Unheilsgeschichte hin. Doch die 14 Meter lange V-2 vor dem Bunker ist allemal spektakulärer als die Sterbeurkunde eines französischen Zwangsarbeiters. Neben penibel geharkten Rabatten stehen drei ausgediente MiG-Düsenjäger der NVA, im Kiosk gibt es Plastikmodelle vom britischen Wellington-Bomber zu kaufen.

Als Forschungslabor wird Peenemünde dargestellt, nicht als häßliche Waffenschmiede. Walter Dornberger, der frühere Leiter von Hitlers Heeresversuchsstelle, hat nach dem Krieg klar von einer »rein militärischen Forschungs- und Entwicklungsstelle« gesprochen. Für Joachim Saathoff dagegen, den stellvertretenden Leiter des HTI, muß es heißen: »Peenemünde war eine technische Supersache.«

Zu DDR-Zeiten hielt Saathoff, damals Politoffizier der NVA, noch Vorträge, deren Titel »Der antifaschistische Widerstandskampf in Peenemünde« nicht eben die Massen lockte. Das änderte sich, als Saathoff die Überschrift austauschte: Nun kündigt er »Wunderwaffen aus Peenemünde« an.

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