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DIE CLIQUE Lustig statt lüstern

aus DER SPIEGEL 44/1965

Das Buch beschreibt Beischlaf und Busenentwickler, ledige und lesbische Liebe, Geburtenkontrolle und das Ende einer Jungfernschaft. Der Film zeigt davon nichts.

Regisseur Sidney Lumet ("Die zwölf Geschworenen") beendete in New York die Dreharbeiten zu dem Film »The Group« ("Die Clique") nach dem gleichnamigen amerikanischen Bestseller von Mary McCarthy. Das Buch, 1963 erschienen, hat eine Weltauflage von rund zehn Millionen Exemplaren.

Der McCarthy-Report berichtet, wie acht Absolventinnen des noblen New Yorker Vassar College zwischen 1933 und 1940 leben, lieben und leiden. Kritiker Helmut Heißenbüttel: »Es wird erzählt in einer Weise, in der vielleicht ein Zoologe die Ereignisse ... in einem Hühnerstall berichtet.«

Mary McCarthy verkaufte die Filmrechte an ihrem Acht-Mädchen-Zoo für 150 000 Dollar und witzelte: »Mir ist es schleierhaft, wie ihr daraus einen Film machen könnt.«

Produzent und Drehbuchautor Sydney Buchman konnte es. Er verwandelte schmutziges Vassar in reinen Wein: Sein Drehbuch ist nicht lüstern, sondern lustig. Und Regisseur Lumet frohlockte: »Wir wollen keinen bösartig lustigen, sondern einen angenehm heiteren Film drehen.« Lumet entwarf kein Sitten-, sondern ein Zeitgemälde.

Die Kostüm-Designerin Anna Hill Johnstone musterte mehr als 1000 zeitgetreue Kleidungsstücke aus - allein die Clique führt über 200 vor. Die Gewänder waren leichter zu finden als ihre Trägerinnen. »Stellen Sie

sich das doch mal vor«, entsetzte sich Lumet, »Natalie Wood und Kim Novak im Kampf um Höchstgagen und Großaufnahmen!« Der Regisseur wagte Außergewöhnliches: Er drehte den Color-DeLuxe-Film für zehn Millionen Mark - ohne Stars.

Er wählte aus 800 Mädchen acht wenig bekannte. Ende Mai präsentierte Produzent Buchman in New York die Nachwuchs-Clique in alphabetischer Reihenfolge:

- Candice ("Candy") Bergen, Tochter des Bauchredners Edgar Bergen, spielt die lesbische Lakey. Candice Bergen arbeitet als Photomodell (Gage: 240 Mark pro Stunde) und Photographin. Zur Zeit schreibt sie einen Essay über die Cliquen-Verfilmung. Titel: »Acht heiße Hündinnen"'.

- Joan Hackett übernahm den Part der Dottie, die auf der Romanseite 40 zum erstenmal ihren Kopf auf ein fremdes Kissen bettet und auf Seite 61 eine Beratungsstelle für Geburtenkontrolle verläßt. Joan Hackett hatte vor der »Clique« 18 Filmangebote.

- Elizabeth Hartman beendete im Frühjahr ihren ersten Film '("A Patch of Blue«, mit Sidney Poitier). Sie agiert nun als Priss, die scheue Kinderarzt-Gattin mit der unterentwickelten Brust.

- Shirley Knight filmte bereits siebenmal, zweimal wurde sie für den »Oscar« vorgeschlagen. Sie protestierte lauthals, als United-Artists-Vizepräsident David Picker alle acht der Presse als »Nicht-Stars« vorstellte. Sie darf eine ganz menschliche Rolle spielen: die Polly mit drei Affären und einer glücklichen Ehe.

- Joanna Pettet, bislang dreimal am Broadway und oftmals im US-Fernsehen, stellt die forsche Kaufhaus-Verkäuferin Kay dar. Mit ihrer Hochzeit beginnt der Roman, mit ihrem Begräbnis endet er.

- Mary-Robin Redd, vordem ebenfalls im Fernsehen zu sehen, nahm neun Pfund zu, um die fleischige Schlampe Pokey zu verkörpern, den Clown der »Clique«.

- Jessica Walter, die zuvor, so sagt sie, »vor allem. Huren und Mätressen« spielte, durfte sich verändern: Sie gibt Libby, das Gruppen-Zankweib.

- Kathleen Widdoes spielte bisher Shakespeare-, Tschechow- und Fernseh-Stücke. Sie hat die Rolle der (schönen) Helena, die im Buch ihre Freizeit nützt, um die Lebensläufe ihrer Klassenkameradinnen zu verfolgen.

Im Film hat ihr das Telephon diese Aufgabe abgenommen: Damit das Wer wo-mit-wem der acht Simultan-Lebensläufe den Zuschauer nicht verwirrt, läßt Lumet es bei der Clique dauernd klingeln.

Der Regisseur rechnet damit, ähnliche Geräusche an den Kinokassen zu hören. Nach der Lektüre des Bestsellers sagte er: »Ich hoffe, der Film wird besser.«

Amerikanische »Clique«-Darstellerinnen* Wer wo mit wem

»Clique«-Autorin Mary McCarthy

Ereignisse in einem Hühnerstall

* von o. l. nach u. r.: Joanna Pettet (Kay), Jessica Walter (Libby), Candice Bergen (Lakey), Shirley Knight (Polly), Elizabeth Hartman (Priss), Joan Hackett (Dottie), Kathleen Widdoes (Helena) und Mary-Robin Redd (Pokey).

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