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Lyrisches Riesenspielzeug

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aus DER SPIEGEL 43/1985

Ein Buch, das dort gar nicht ausgestellt war, hat sich auf der Frankfurter Buchmesse als einer der anregendsten Gesprächsstoffe erwiesen: »Das Wasserzeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen. In 164 Spielarten vorgestellt von Andreas Thalmayr.« Auf 490 Seiten wird, quer durch Epochen und Sprachen, eine Poetologie voll Witz und Boshaftigkeit ausgebreitet: Gedichte als Kunst-Stücke, Spielsachen, Rätsel-Objekte, Scherzartikel, Lyrik als Klang- und Bildspiel, als typographische Fallenstellerei, als parodistisches Abenteuer. Wo beispielsweise ein Serenus M. Brezengang die George-Zeilen vom Geschlecht, das sich einst von Schande gereinigt haben soll, »profaniert«, ist das Original für alle Zukunft lächerlich gemacht: »Wenn einst dieser herd sich gereinigt von sosse ...« Das Buch ist ein Puzzle, so ernst wie unernst, schlau, preziös, snobistisch, köstlich, und von den unzähligen Fragen, das es aufwirft, ist nur eine müßig: Ob sich denn hinter dem eulenspiegelhaften Serenus M. Brezengang (kräftig schütteln!) oder dem ominösen Andreas Thalmayr wirklich Hans Magnus Enzensberger verbirgt. Denn der hat als Herausgeber von Franz Grenos »Anderer Bibliothek«, in der »Das Wasserzeichen der Poesie« (25 Mark) erschienen ist, ohnehin die Verantwortung für diesen erlesenen Streich. Und wer auf der Messe in Frankfurt noch darüber rätselte, mußte nur in den Himmel schauen. Da ließ Verleger Greno drei Flugzeuge mit Enzensbergers Namen im Schlepptau über dem »Bücher-Babylon« ihre Kreise ziehen.

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