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»Mach aus dem Haustier kein Raubtier«

aus DER SPIEGEL 9/1978

SPIEGEL: Sie sind jetzt 56 Jahre alt und sollten sich einmal im Jahr vorsorglich auf Prostatakrebs untersuchen lassen. Tun Sie das?

HACKETHAL: Nein. Ich könnte es sogar ohne fremde Hilfe erledigen, aber ich tue es nicht. Vorsorgeuntersuchungen auf Prostatakrebs sind sinnlos.

SPIEGEL: Warum?

HACKETHAL: Erstens gibt es derzeit überhaupt keine vernünftige, erfolgversprechende Behandlungsmethode des Vorsteherdrüsenkrebses. Die entscheidende Frage bei jedem Krebs heißt: Verlängert die Behandlung die Überlebenszeit des Patienten? Es gibt keine stichhaltigen Beweise dafür, daß dies beim Prostatakarzinom gelingt.

SPIEGEL: Und der zweite Grund?

HACKETHAL: Wenn man die Vorsteherdrüsen von verstorbenen Männern scheibchenartig zerschneidet, findet man bei Toten vom 50. Lebensjahr an in großen Prozentsätzen -- je nach Alter zehn bis 80 Prozent, im Durchschnitt bei 30 Prozent -- latenten Prostatakrehs.

SPIEGEL: Und mit diesem Krebs läßt sich leben?

HACKETHAL: Ja. Wenn rund 2,2 Millionen Männer in der Bundesrepublik Prostatakrebs-Träger sind, im Jahr aber nur 7300 daran sterben, dann ist das doch der beste Beweis dafür, daß dieser Krebs in der Regel harmlos ist. Natürlich sind mir die Toten nicht gleichgültig. Es sind genau 7300 zuviel. Aber man kann sie derzeit nicht vor ihrem Schicksal bewahren. Mir könnte auch keiner helfen.

SPIEGEL: Glauben Sie, daß durch diagnostische und therapeutische Maßnahmen die Situation eines Prostata-Krebskranken eher noch verschlimmert werden kann?

HACKETHAL: So ist es. Bei einer Stanzbiopsie* werden ungefähr 200 Millionen Krebszellen in Bewegung gesetzt. Damit geht das Drama los.

SPIEGEL: Es bilden sich Tochtergeschwülste durch Verschleppung der Krebszellen auf Blut- und Lymphwegen?

HACKETHAL: Bei einer sogenannten Radikaloperation ist es

* Stanzbiopsie: Entnahme von Proben des verdächtigen Gewebes in Narkose mit Hilfe einer hohlen Stahlnadel.

noch schlimmer. Die »Krebszitrone« wird gleichsam ausgequetscht. Damit beginnt der tödliche Countdown der Krankheit.

SPIEGEL: Warum wird die Vorsteherdrüse trotzdem vorsorglich untersucht, punktiert, biopsiert, operiert?

HACKETHAL: Das hat viele Gründe. Die Erkenntnis, daß es sinnlos, ja schädlich ist, hat sich noch nicht überall herumgesprochen. Außerdem werden in der Medizin am laufenden Band Dinge getan, die kein Arzt bei sich selbst machen lassen würde. Einfach, weil's Spaß macht, weil's Geld bringt oder weil man es für die Facharzt-Anerkennung braucht.

SPIEGEL: Bringt es viel Geld?

HACKETHAL: Vorsorgeuntersuchungen und ihre Folgen sind ein Millionen-, wenn nicht Milliardengeschäft. Ihre Abschaffung wäre eine schlimme geschäftliche Einbuße.

SPIEGEL: Nun halten sich die Männer meist zurück

HACKETHAL: Ein Glück. Stellen Sie sich mal vor, es würden im Jahr »nur« hunderttausend von den 2,2 Millionen Prostata-Krebsträgern radikal operiert. Fünftausend würden auf dem Operationstisch oder in den drei Tagen nach dem Eingriff sterben, das ist das normale Operationsrisiko. Rund 15 000 bis 20 000 könnten anschließend das Wasser nicht mehr halten, wären Dauernässer, müßten ständig einen um den Oberschenkel geschnallten Urinbeutel tragen. Und alle 95 000 Überlebenden, die sich vorher kerngesund fühlten, wären schlagartig impotent.

SPIEGEL: Wenn die Vorsorgeuntersuchungen auf Prostatakrebs eine größere Resonanz fänden, wäre die Misere also noch schlimmer?

HACKETHAL: Ja. Wenn alle aufgerufenen Männer hingingen. würden nicht 25 von 100 000 an der Prostata sterben, sondern 200, womöglich gar 400 von 100 000.

SPIEGEL: Sollte man es also halten wie der Chirurg Julius Hackethal?

HACKETHAL: Das Prostatakarzinom ist in der Regel ein »friedliches Haustier«, mit dem sich leben läßt. Also: Mach aus dem Haustier kein Raubtier, indem du es mißhandelst oder mißhandeln läßt.

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