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FILM Mach nur einen Plan

»Vergiss Amerika«, das eindrucksvolle Kinodebüt der Regisseurin Vanessa Jopp, schildert eine Dreiecks-Liebesgeschichte in der ostdeutschen Provinz - und das Elend des Erwachsenwerdens.
aus DER SPIEGEL 45/2000

Fast wortlos, mit ernsten, erschöpften Gesichtern wuchten sie den Mann aus dem Auto, ächzend schleppen sie ihn hinauf durchs steile, enge Treppenhaus. Und obwohl sie alle wissen, dass das Leben nie wieder so sein wird wie zuvor, scheinen sie sich die allergrößte Mühe zu geben, jetzt bloß nichts von diesem Wissen zu zeigen: keine Gefühle, keine Wut und keine Verzweiflung.

Davids Vater ist zurück aus dem Krankenhaus. Der Mann ist bei der Arbeit verunglückt und wird nie wieder laufen können. Der Unfall selbst ist in Vanessa Jopps Spielfilm »Vergiss Amerika« nicht zu sehen - dafür aber die Anstrengung, die es David, seinen Bruder, die Mutter und auch den Invaliden selbst kostet, den Anschein von Normalität zu wahren: Das Leben muss weitergehen, irgendwie.

Dann aber ist Davids Vater in der Toilette zum ersten Mal allein seit seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus. Und plötzlich bricht ein furchtbares Schluchzen aus dem stämmigen, immer noch kraftstrotzenden, aber nun fast vollkommen hilflosen Mann heraus. Es dauert nur ein paar Sekunden, dann hat er sich wieder im Griff - weil er keine Wahl hat und weil er das selbst auch weiß.

Vielleicht sollte man sich kurz ausmalen, mit welchem Bombast die meisten, vor keinem melodramatischen Effekt zurückschreckenden deutschen Film- und Fernsehregisseure von diesem Unfall und seinen Folgen erzählen würden, um zu verstehen, was die Wucht dieser Szene in Jopps Spielfilm ausmacht: Selbst von großen Katastrophen erzählt »Vergiss Amerika« ohne große Worte und in genauen, sparsamen, manchmal schmerzlich intimen Bildern.

»Vergiss Amerika« ist eigentlich ein Film übers Erwachsenwerden - und über eine komplizierte, komische, chaotische Liebe zu dritt. David (Marek Harloff) und Benno (Roman Knizka), beide in der gleichen ostdeutschen Kleinstadt aufgewachsen, sind Freunde. Die ersten Bilder des Films zeigen sie bei einem wunderbar sinnlosen und ziemlich pubertären Jungs-Spiel: Sie tauchen nachts in einem alten Brunnen nach Münzen. Und werden dabei von Anna (Franziska Petri) überrascht, die hübsch und blond ist und neu in der Stadt.

Es dauert nicht lange, bis heraus ist, in wen sich Anna verliebt. Der schmale, leise David ist ein Träumer, der immer ein bisschen verloren in die Welt schaut, und gegen den lauten, lebhaften Was-kostetdie-Welt-Typen Benno hat er erst mal keine Chance. Schon als die drei am nächsten Morgen an der Badestelle am Fluss herumplanschen, werden Anna und Benno ein Paar.

Doch damit ist keineswegs alles entschieden. Im Grunde handelt das Kinodebüt der Regisseurin Jopp, 30, genau davon: wie das im Ungefähren, Unbestimmten geführte Leben junger Leute durch scheinbar schicksalshafte Ereignisse, durch bewusste Entscheidungen und dumme Zufälle plötzlich Konturen bekommt - und wie diese Konturen sich wieder verwischen.

Anna, Benno und David werden erst mal auseinander gerissen und halten doch zusammen: Anna zieht es nach Berlin, wo sie sich zur Schauspielerin ausbilden lässt. David muss seinen Zivildienst ableisten und auf der Insel Rügen Vögel beobachten. Benno lernt bei der Bundeswehr das Fallschirmspringen.

Im Grunde sehnen sich alle drei nach dem Ausbruch aus der Kleinstadt, nach dem Aufbruch in eine größere, verlockende Welt. Nur lässt die Provinz sie nicht los: Als sein Vater verunglückt, muss David, der eigentlich (ebenfalls in der Hauptstadt) Fotograf werden wollte, zurück zu seiner Familie. Benno fällt nichts Besseres ein, als einen Autohandel mit amerikanischen Straßenkreuzern zu eröffnen, und lässt sich mit zwielichtigen polnischen Geschäftsleuten ein. Und auch Anna hat den Schauspieler-Frust in Berlin bald satt und verbringt die meisten Tage in Bennos Auto-Klitsche.

Jopps Film handelt also vom Scheitern toller Pläne und Visionen, von Kindheits-Abschied und Erwachsenen-Elend - und interessiert sich doch weniger für das Allgemeine dieses Dramas als für die Menschen, denen es wiederfährt. »Vergiss Amerika« ist auch das, was man einen Schauspielerfilm nennt.

Die melancholische Beharrlichkeit in Marek Harloffs Gesicht, wenn er um die Liebe des Mädchens kämpft, das eigentlich dem anderen gehört; die Aufschneidergesten von Roman Knizka, die nur notdürftig die Unsicherheit dieses Kerls übertünchen; und die trotzige Sanftmut von Franziska Petri - erst sie machen die atmosphärische Kraft dieses Films aus.

Schon gut, nebenbei spielt »Vergiss Amerika« in der ehemaligen DDR. Natürlich wird es wieder ein paar Schlaumeier geben, die lautstark fragen, was die westdeutsche Regisseurin Jopp denn vom Kleinstadtleben dort verstehe - was von fern an die absurde Debatte im »Literarischen Quartett« erinnert, wo der West-Autor Michael Kumpfmüller unlängst dafür kritisiert wurde, dass sein Roman »Hampels Fluchten« teilweise in einem deutschen Osten spiele, den er so genau gar nicht kennen könne.

Jopp, die an der Münchner Filmhochschule studierte und nebenbei auch in den USA erste Erfahrungen im Film- und Schauspielermetier gesammelt hat, interessiert sich ohnehin vor allem für die spröde Schönheit der Landschaft zwischen Halle und der polnischen Grenze. Und sie zeigt in ihrem Film, was jeder Film, jedes Buch (im besten Fall) schafft: eine eigene Welt.

In diesem Fall ist es eine Welt voller Katastrophen, mal großen, mal kleinen, und voll vergeigter Hoffnungen - und in dieser schönen, traurigen Welt sagt ein Schluchzer manchmal mehr als tausend Worte. WOLFGANG HÖBEL

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