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Theater »Mach's leicht, Leander«

Fünf Monate nach dem Tod des Dramatikers Heiner Müller wird sein letztes Stück am Bochumer Schauspielhaus uraufgeführt: »Germania 3 - Gespenster am toten Mann«. Den Theaterleuten galt es zunächst als unspielbar. Nun inszeniert Intendant Leander Haußmann das Werk als Zwitter aus Farce und Tragödie.
Von Reinhard Mohr
aus DER SPIEGEL 21/1996

Gemeinsam bewachen sie die Berliner Mauer, das »Mausoleum des deutschen Sozialismus": Ernst Thälmann und Walter Ulbricht, der tote KPD-Führer aus den dreißiger Jahren und der tote DDR-Staatschef aus den sechziger Jahren. Fragt Ulbricht: »Weißt du was Besseres?« Sagt Thälmann: »Nein.« Schüsse fallen, Soldaten schaffen einen Flüchtling weg. »Was haben wir falsch gemacht?«

Schon in der Eingangsszene von »Germania 3 - Gespenster am toten Mann«, dem letzten Theaterstück von Heiner Müller, legt sich die ganze Schwere vorletzter Fragen, der Schamott des 20. Jahrhunderts, die Magie des Untergangs auf das Gemüt.

Mach''s noch einmal, Müller: wieder ein revolutionäres Mysteriendrama der schwarzen Hoffnung, die sich selber frißt, Lehrstück vom Kampf der Untoten um die Vergangenheit, die ihre eigene Zukunft war. Kein Vermächtnis, aber Quersumme eines Dramendenkers, den die Katastrophe stets mehr faszinierte als die Utopie vom Glück, ein Anachronist des Scheiterns.

Im edlen Wettstreit der Jungintendanten hat Leander Haußmann, 36, die Nase vorn. Das dunkle Werk, kurz vor Müllers Tod im Dezember 1995 zu Ende gebracht, wird am Freitag dieser Woche im Schauspielhaus Bochum uraufgeführt. Erst Mitte Juni kann Martin Wuttke, 34, seine Germania-Version am »Berliner Ensemble«, Müllers letzter Wirkungsstätte, präsentieren. Der Tod des Meisters hat die Ordnung der Dinge auch hier durcheinandergebracht.

Ordnung aber herrscht im Müller-Kosmos der historischen Beschwörung: Preußen und die DDR, die Novemberrevolution von 1918 und der Sieg des Faschismus, Stalingrad und der Fall der Mauer. Wie immer mit dabei: Rosa Luxemburg und Bertolt Brecht, böse West-Yuppies und ein SS-Mann. In den Hauptrollen unvergessen: Hitler und Stalin.

Im längsten Monolog des Stücks intoniert der große Sowjetführer das Leitmotiv der mörderischen Dialektik: »Ich habe dieses Land mit Blut gedüngt / Das Massengrab geht mit der Zukunft schwanger.« Hitlers brüderliche Replik im Führerbunker: »Wenn sie die Leichen zählen deine und meine / Willkommen in der Hölle Bolschewik / Sie werden wissen was sie an uns hatten.«

»Mach''s leicht«, riet der todkranke Dramatiker dem aus dem ostdeutschen Quedlinburg stammenden Haußmann, der zu Beginn der neunziger Jahre mit fetzig-kühnen Klassiker-Inszenierungen auch im Westen reüssierte und seitdem als Popstar des deutschen Theaters gilt - Müllers letzter Zynismus.

»Unspielbar« lautete das einhellige Urteil in Bochum wie Berlin, denn die fragmentarisch anmutende Folge von neun Szenen ist mehr Traktat denn Theater, eher Demonstration als Drama, ein Vexierspiel historischer, literarischer und biographischer Verweise, die ganze Germanistenseminare beschäftigen könnten.

Wie schon in »Germania Tod in Berlin«, das am 20. April 1978 - an »Führers Geburtsstag« - an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde, sind die Figuren Repräsentanten der Müllerschen Geschichtsauffassung, die ihre eigene bizarre Theatralik hervorbringt. Der Szene »Die heilige Familie« etwa konnte damals entnommen werden, daß die Bundesrepublik, ein weißgewaschener Wolf, die Mißgeburt des von Hitler geschwängerten Goebbels ist.

Müller war ganz vernarrt in eine dialektische Bildsprache, die im Kessel von Stalingrad bereits die Erstarrung des real existierenden Sozialismus erkennt, den Pyrrhussieg des Bolschewismus. Seine Besessenheit galt einer mythengetränkten Logik, die noch den Hitler-Stalin-Pakt mit Kriemhilds Rache in Verbindung bringt: »Die Vergangenheit aufheben« nannte er das in schwerdeutsch-Hegelscher Tradition. Tatsächlich war er ihr verfallen.

So war die Ratlosigkeit am Bochumer Schauspiel groß. Auch die sukzessive Enträtselung von Namen und Anspielungen, Zitaten und Bedeutungen verstärkte zunächst nur die Schwierigkeiten, daraus ein Stück zu formen, bei dem das Publikum nicht die Vornamen aller Brecht-Witwen kennen muß, um der Aufführung folgen zu können. Immerhin gab es bald ein handfestes Ergebnis der Recherchen: Einige Szenen, jedenfalls der Thälmann-Ulbricht-Dialog, sind alt und stammen zum Teil aus den fünfziger Jahren. Müller hat sie nur neu montiert.

Doch schon der Versuch einer szenischen Lesung am runden Tisch zeigte, daß auch Müller vor sich selbst gerettet, dialektisch: aufgehoben werden muß. In Bochum, wo bereits seine Stücke »Quartett« und »Verkommenes Ufer/Medeamaterial« uraufgeführt wurden, wird »Germania 3« (das folgerichtige »Germania 2« schien dem Dramatiker zu profan) eine Mischung aus Farce und Tragödie sein, ein grotesker Zwitter ohne Bühnenbild, aber mit Musik. Aus dem Kreuzworträtsel wächst ein Theaterstück.

»Wir mußten das Ding erst mal erden«, sagt Regisseur Haußmann. »Und nicht wichtiger machen, als es ist.« So erfand man »Germania« im Narrenkostüm, als Harlekin mit blonden Zöpfen und Hängebrust, ein zwitterhafter Conférencier, der mit krächzender Stimme durchs Jahrhundert führt, als sei es ein Jahrmarkt der Absurditäten.

Auf einem großen roten Sofa drängen sich die Genossinnen und Genossen und streiten über den Sozialismus. Sie argumentieren sächsisch, schwadronieren fränkisch, babbeln hessisch und dozieren norddeutsch. Und sie trinken, weil so besser über den Sozialismus zu streiten ist. Der sächselnde Sohn des Bürgermeisters - die Dechiffrierung ergab: ein Selbstporträt des jungen Heiner Müller - erzählt Kafkas Geschichte »Das Stadtwappen« über den Turmbau zu Babel. Der Pegel steigt, die Stimmung auch.

Plötzlich verfällt einer, wunderbares Resultat dramaturgischer Quellenforschung in Bochum, auf das LPG-Lied von der »Traktorenwäsche«, ein sozialistisches Agitprop-Werk des DDR-Nationalpreisträgers Erwin Strittmatter - und alle fallen ein:

»Wenn Melk-Marie in kühler Früh / Huscht zu den Küh''n und Ochsen / Dann öffnen wir auf der Station / Geschwind die Traktorboxen. / Na, zeig mal deinen Hintern her, mein lieber Schollenfresser; / Du, Brockenhexe, feist und rot, / sssit, ssit, jetzt wird''s schon besser.«

Schöner und obszöner ist die Dialektik von Sexualtrieb und Planerfüllung nicht beschrieben worden. Ein Volkspolizist mit Pferdeschwanz dirigiert den singenden Ringelpiez, Germania stöhnt nach dem Refrain, und der kleine Heiner fällt über die Architektengattin her: Delirium des Spießbürger-Sozialismus, eine hinreißende Szene, die abrupt endet, als Chruschtschows Geheimrede über Stalins Verbrechen aus dem Westradio dringt.

Der Wechsel und die Balance zwischen befreiendem Sarkasmus und bitterer Tragik scheinen auch deshalb zu gelingen, weil die elf Schauspieler in jeweils mehrere Rollen schlüpfen, ohne sie auszufüllen, weil sie eher mit als in den Rollen spielen. Zudem läßt die offene Bühne Blicke auf Rollen- und Kostümwechsel zu, die Leichtigkeit statt Pathos signalisieren, ohne daß Ironie als Klamauk mißzuverstehen wäre.

Auch die Szene der drei Brecht-Witwen, mit Margit Carstensen als Helene Weigel, die wie Glucken auf dem Erbe des Meisters hocken, gewinnt ihren Witz weniger aus dem notorischen Verfremdungseffekt durch angeklebte Bärte, als durch die rächende Gemeinheit, mit der sie einen jungen Schauspieler an die Grenze des Wahnsinns treiben. Wenn die alte Weigel aufsteht und zu den blechernen Tönen Paul Dessaus unwillkürlich den schleppenden Gang der Marketenderin aus Brechts »Mutter Courage« annimmt, marschiert Germania durch die Szene und spottet: »Heiner hätte es geliebt.«

Das Bochumer Publikum wird auf die dreieinhalbstündige Inszenierung seelisch und moralisch vorbereitet: Lesungen über Untote, Gespenster und Wiedergänger, Filme von Jean-Luc Godard und Dominik Barbier, ein Abend mit Wolf Biermann und eine Original-DDR-Disco unter dem Titel: »Ach, du mein süßer kleiner Vopo.«

In der Schlußszene sitzt Germania als »Rosa Riese« vor der Leiche einer russischen Offiziersfrau und spricht zu der Ermordeten wie zu einer Freundin. Der Riese schleppt die Leiche nach hinten und kehrt, quer über die Bühne gehend, mit einem Teddybären und einer letzten Erkenntnis zurück: »Dunkel, Genossen, ist der Weltraum. Sehr dunkel.«

Drei Buchstaben dann, die das Ensemble ausspricht, kein Mätzchen, sondern philosophischer Kommentar, jeder für sich und die Geschichte gegen alle, markieren Müllers Erlösung: »Tja.«

Reinhard Mohr

* Oben: mit Matthias Leja, Ralf Dittrich; unten: mit SteffenSchult.

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