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»MACHT KAPUTT, WAS EUCH KAPUTT MACHT«

aus DER SPIEGEL 20/1970

Was, außer Bewegungstherapie für seine Angestellten, kann Theater heute noch sein? Es kann, sagt »Hoffmann's Comic Teater«-Kollektiv, »die Lust an der schöpferischen Veränderung der Gesellschaft wecken«.

Und siehe: »Hoffmann's Comic Teater« (HCT) weckt. Zwar nicht die Abonnenten der Stadttheater, sondern Leute, die kaum je im Parkett zu finden sind: die Heloten der Gesellschaft, Lehrlinge zum Beispiel.

Das HCT, seit drei Jahren in Berlin zu Hause, spielt auf Straßen und in Jugendheimen, es nutzt Masken, Beat und Stegreif spiele aus der Arbeitswelt, und es unterscheidet sich von anderen Polit-Prolet-Agitprop-Truppen dadurch: Das Publikum wird eingeladen, mitzuspielen.

Denn im improvisierten Mit-Spiel, entdeckte das HCT, können verbal ungelenke Lehrlinge am besten ihre Probleme schildern, und spielend lernen sie, ihre Lage zu durchschauen. Theater wird zum »gesellschaftlichen Lernprozeß«, und Chef-Lehrling-Szenen enden dann gerne so: Der Lehrling hebt den Eisenhammer und senkt ihn auf den Chef-Kopf.

Freilich: Solche Einübung ins Klassenbewußtsein geht nicht glatt und schnell vor sich; euphemistische Berichte verurteilt der HCT-Sprecher Peter Möbius, 28, als »ideologisches Potenz-Geschrei«. Möbius, Berliner Ingenieur-Sohn und mit der ernsthaften Frau Sibylle vermählt, hat mit der Siebener-Truppe selbst einen langen Marsch zurückgelegt.

Nach dem Start in einem Nürnberger Hinterhoftheater (1961) waren die Künstler ein Jahr lang mit Traktor und Bühnenwagen über Land gefahren und hatten eine Art Commedia dell"arte der Comic-Strip-Zeit vorgespielt: Science-fiction, Grimmsche Märchen und Donald Duck mengten sich zu einem »magischen Theater«, dem der Struwwelpeter-Hoffmann den Namen gab.

Doch die so »mystifizierte Konsumwelt«, erkannten sie bald, verschleierte die »Mechanismen der gesellschaftlichen Wirklichkeit«. Andrerseits merkten sie, »daß die revolutionäre Macht des Proletariats« nicht allein durch »Information über das Miese dieser miesen Welt« geweckt werden könne -- eher durch »populäre Verbreitung von Wissen über gesellschaftliche Zusammenhänge«.

So ließen sie alles Artifizielle fahren, auch die festgefügten stucke, übten sich im Improvisieren und verstanden sich fortan als »Organisatoren und Initiatoren«. Ihr erstes Prolet-Mitspiel ("Rita und Paul") handelte vom behinderten Leben des Jungarbeiters Paul. Das HCT improvisierte das Stück in Jugendheimen, brach an kritischen Stellen ab und riet dem Publikum, darunter oft Rocker, Lösungen selbst zu spielen.

Da gab's kein Zaudern. Die Jugendlichen stülpten sich die HCT-Masken über, spielten Lehrlinge, die für die Aufhebung des Rauchverbots am Arbeitsplatz kämpfen, und besetzten auch die Arbeitgeber-Chargen selbst: Den Fabrikherrn markierte gern der Rocker-Boß.

Mittlerweile hat das HCT rund ein Dutzend Lehr- und Lehrlingsstücke ersonnen -- schlichte Szenarios, in denen Jungproletariern Ausbeutung bewußtgemacht wird, auch Zwang, Abhängigkeit, Vereinzelung und wie dies alles zu überwinden sei: durch Politisierung und Solidarität.

Die Schlagfertigkeit und Spielphantasie der Mitspieler setzt die HCT-Profis immer wieder in Erstaunen. Symptomatische Beobachtung: Beim Improvisieren hat zunächst der »Chef« die besseren Argumente; erst mählich lernen die »Lehrlinge« ihre Bedürfnisse und ihre Position zu artikulieren.

Auch ihren HCT-Chefs gegenüber werden sie antiautoritär. Das Lehrlingskollektiv »Rote Steine«, ursprünglich im Verbund mit dem HCT, hat sich abgespalten und spielt nun Eigenes. Erstes Stück: »Macht kaputt, was euch kaputt macht«.

Die Fortpflanzung durch Zellteilung, sagt Möbius, ist jedoch nur eine Seite der HCT-Arbeit. Die andere: Entwicklung neuer Formen eines »proletarischen Volkstheaters«, das »Lust zum Verändern macht«. In Berlins Märkischem Viertel sah man am 1. Mai davon eine Probe. Anlaß:

Für die 5000 Jugendlichen in den Beton-Abruzzen des Märkischen Viertels gibt es kaum Spielraum. Bürger-Gruppen führen mit der Viertel-Verwaltung einen Grabenkampf um Freizeitheime; kürzlich ließ die Verwaltung den einzigen Schülerladen schließen.

In vier Tagen entwarfen die HCT-Kollektivisten ein Stegreifspiel über den Schülerladen-Schluß; am 1. Mai stellten sie im Freien Beat-Geräte auf, zwängten die pittoresken Häupter in groteske Papp-Köpfe und machten aggressives Kasperletheater.

»In der letzten Szene könnt ihr alle mitspielen«, hatte Möbius den 200 Umstehenden angekündigt. Als letzte Szene zog das Publikum zu einer Fabrikhalle nahebei, um sie symbolisch -- und vorzeitig -- als Jugendheim zu besetzen; im Herbst will das Bezirksamt die Halle freigeben.

Doch das gewaltlose Protest-Ritual, vor dem Gesetz Hausfriedensbruch, mobilisierte die Staatsbrutalität. 100 gepanzerte Polizisten stürmten, ohne vorhergehenden Räumungs-Appell, die Halle und prügelten die Insassen, Frauen und Kinder darunter, viehisch ins Freie.

Polizeirat Krüger, Anführer der Aktion, erklärte nachher auf dem Revier, seine Männer seien nun mal »allergisch« gegen Linke und Langhaarige. Auch SPIEGEL-Photograph Mehner, Bubikopf-Träger« mußte das spüren: Abrückende Beamte stießen ihn die Reviertreppe hinab und entrissen ihm den Presseausweis.

Peter Möbius vom »Hoffmann's Comic Teater« sieht das Knüppel-Nachspiel richtig: als »politisierenden Anschauungsunterricht«.

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