Sibylle Berg

Machtlosigkeit Wenn man dem Wahnsinn nur noch mit Phlegma begegnen mag

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Als wäre die Zahl der sichtbaren Katastrophen noch nicht groß genug: Die angeblich so segensreiche Digitalisierung wird das Private vernichten – im Dienste des Kapitals. Wo findet man da noch Frieden?
Frieden mit der Ohnmacht: Mein Freund, der Baum?

Frieden mit der Ohnmacht: Mein Freund, der Baum?

Foto: Westend61 / Getty Images

Erinnern Sie sich an die Hoffnung vieler, dass die Pandemiezeit, das Elend, die Krankheit, die Pleiten, die psychischen Schäden, der Hass aufeinander einem höheren Zweck dienen würden?

Ein Innehalten, die Rückbesinnung auf das Menschsein, die neue Genügsamkeit, die Solidarität, die Brettspiele, und schau nur – in deutschen Flüssen schwimmen wieder Delfine. Putzige Gesellen!

Was stattdessen passierte, wissen wir. Ein paar Pimmelnasen haben ihr Vermögen verdreifacht, wer konnte, shoppte online wie wild irgendwelchen Mist und schickte ihn wieder zurück, um irgendwas zu erleben.

Die Erde wird weiter ruiniert. Wir hoffen auf besseres Wetter und bleiben verwirrt zurück, mit dem Nachklang eines umfassenden Gefühls: der Machtlosigkeit.

Beziehungsweise mit der Realisierung dieses Fakts. Meine These wäre, dass die Menschen einander in den vergangenen zwei Jahren wegen der Einsicht in ihre Wurmhaftigkeit zu hassen begonnen haben. Also, noch mehr als normalerweise.

Wenn man schon keine Macht hat, die Welt zu verändern, langt es doch immerhin, um Leuten, die anders mit der Erkenntnis ihrer Unwichtigkeit umgehen, das Leben schwer zu machen. Wenige verstehen, was da gerade in der Welt passiert, nicht einmal die Welt versteht sich mehr.

Wen interessieren Menschen, wenn man Kapital erzeugen kann

Irgendwo geht gerade ein Öltanker unter, neue Steuersparmodelle entstehen, wieder wird ein Gesetz verabschiedet, das »Milliardäre First« heißen könnte. Atomenergie ist jetzt, da so viele Kapitalisten in sie investieren, auf einmal nachhaltig gesund und sauber (kleinlich, wer an die Entsorgung des Atommülls denkt, deren Kosten die Bevölkerung gern übernimmt). Eine mächtige Allianz entsteht durch das asiatische Handelsabkommen, die neuen Beziehungen von Herrn Putin mit Herrn Xi, und der Westen eiert weiter herum und redet von Fortschritt. Damit ist Digitalisierung gemeint.

Was die meisten darunter verstehen, sind Chats, Insta, TikTok, Onlinebanking und knuffige Roboter, die dem Menschen Spielgefährten sind .

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Die Realität ist banaler. Die Digitalisierung überfordert den menschlichen Verstand, wie fast alles. Sie dient bei vielen Dingen der Vereinfachung von Bürokratie und der Gefährdung sensibler Infrastruktur und Daten , und natürlich ist sie ein neues Feld, um Kapital herzustellen. Nehmen wir nur das große Feld der Überwachungstechnologie, die Trojaner, die Biometrik, die smarten Geräte und Häuser produzieren Milliardenumsätze. Die Kontrolle der Menschheit ist nur ein in Kauf genommener Nebeneffekt. Denn wen interessieren schon Menschen, wenn man Kapital erzeugen kann .

Die Digitalisierung lässt gigantische Konzerne entstehen, die außer Daten kaum etwas herstellen, die einander aufkaufen und bereits mehr Umsatz generieren als Staaten.

Der Segen der Digitalisierung wird uns schon bald komplett lesbar machen . Apropos – der chinesische Staat, der ja vielen als Abschreckung gilt, die chinesischen Verhältnisse, die bei uns nie durchsetzbar wären, hat das System der Zusammenführung aller Bürgerdaten an 80 Länder verkauft.

Wie wehrt man sich gegen den Irrsinn der kompletten Privatheitsvernichtung? Wie wehrt man sich gegen den Digitalisierungswahn, der infrastrukturellen Einrichtung der hochsensiblen persönlichen und technischen Daten, im Bewusstsein, das jedes System gehackt werden kann? Mit dem Argument, dass auch die digitale Verwaltung vernichtet werden kann? Die Zahl der gelungenen Hackerangriffe weltweit würde uns sehr verunsichern .

Darum ist es besser, sich nicht weiter damit zu beschäftigen. Die Zahl der sichtbaren und verständlichen Katastrophen überfordert den Verstand ja bereits. Sie stumpfen ab, die Desaster, die menschengemacht sind, und außer zu hoffen bleibt dem Einzelnen wenig zu tun. Vielleicht hilft es, dem Wahnsinn mit Phlegma zu begegnen. Jaja, schlimm, aber was kann man schon machen.

Oder sich an all den glänzenden Apps und Gadgets, an Google Chrome und Gesichtserkennung auf dem Handy zu erfreuen.

Aber am besten macht ein jeder, eine jede Frieden mit der Ohnmacht, fährt Fahrrad und umarmt Bäume. Oder verabschiedet sich ins Metaverse.