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Schauspieler Machtvolles Menschsein

Verleihung des Iffland-Ringes an Bruno Ganz im Wiener Burgtheater: Die Laudatio verfaßte Botho Strauß.
aus DER SPIEGEL 21/1996

Schauspieler, insofern als sie immer auch Hanswurste sind, haben gemeinhin nicht die Statur zum Priester. Sind sie nicht Spieler? Ist ihr Kunsthandwerk nicht flüchtig? Und wurden sie nicht einst bei Hofe am Katzentisch abgefüttert? So haben die Theatermenschen sich einfach ihre eigene Walhalla schaffen müssen, und unter mancherlei Traditionsstiftungen hat auf der deutschsprachigen Bühne der sogenannte Iffland-Ring die Aura des höchsten Ehrenzeichens erlangt: Er soll von Generation zu Generation dem jeweils »bedeutendsten und würdigsten« Schauspieler weitergereicht werden.

Daß August Wilhelm Iffland (1759 bis 1814) diesen Eisenring mit Iffland-Bildnis und Diamanten je getragen hat, ist unwahrscheinlich. Die Traditionsstiftung stammt aus dem späten 19. Jahrhundert und bekam erst 1954 unter den Fittichen des österreichischen Unterrichtsministeriums die heute gültige Form. Ende der fünfziger Jahre hat Josef Meinrad die Auszeichnung von Werner Krauß geerbt; Meinrads Vermächtnis gemäß (er starb, 82jährig, vor drei Monaten) wurde der Ring nun dem Kollegen Bruno Ganz übergeben.

Die Erbfolge gab in Österreich Anlaß zu Erstaunen. Zum einen erscheint der ernste, schwerblütige Schweizer Ganz, Jahrgang 1941, unter dessen großen Rollen man allenfalls Molières Menschenfeind eine Komödienfigur nennen kann, als ausgesprochener Antipode des volkstümlich österreichisch geprägten Komödianten Meinrad. Zum anderen steht nicht einmal fest, daß der Burgtheater-Liebling Meinrad jemals den Berliner Schaubühnen-Protagonisten Ganz im Theater gesehen hat. So meinen manche, Meinrads Entscheidung, die schon im Jahre 1984 getroffen wurde, sei auch eine Trotz-Entscheidung gegen die herrschenden Blendkünstler des Burgtheaters gewesen. Heute stellt selbst in Wien niemand in Frage, daß Ganz ein »bedeutender und würdiger« Erbe sei.

Botho Strauß hat in seiner Lobrede für die Wiener Feierstunde seinen Helden entschieden weg vom spielerisch Komödiantischen ins Priesterliche gerückt, zum »Führer durch die Fremde zum Kunstschönen« erhoben, zum Bruder im Geiste, der als entschlossen »Unzeitgemäßer« Moden und Meinungen trotzt.

Strauß erinnert an die glorreichen Gründerjahre der Berliner Schaubühne und schiebt doch diese Zeit so diskret von sich weg, als hätte er an deren »krauser Stimmungslage« nie wirklich teilgehabt.

Strauß war Zuschauer und Kritiker bei Peter Steins Bremer »Tasso«-Inszenierung von 1969 (mit Bruno Ganz, Edith Clever und Jutta Lampe), die als theatralisch exemplarischer Reflex auf den revolutionären Zeitgeist wirkte und zum Pilotprojekt für die Gründung der Schaubühne wurde. Dort in Berlin aber, wo man sich durchaus programmatisch als das neue, revolutionäre Theater der 68er verstand, hat Botho Strauß als Dramaturg einträchtig mit dem Regisseur Peter Stein jene Produktionen »inspiriert und begleitet«, die den Ruhm des Schaubühnen-Stars Bruno Ganz begründeten: Ibsens »Peer Gynt«, Kleists »Prinz von Homburg«, Gorkis »Sommergäste«.

Überraschend und faszinierend ist Straußens Bruno-Ganz-Porträt in dem Maß, wie es Geschichte nicht nur reflektiert, sondern poetisch verwandelt: Die Studentenunruhe wird zur Naturkatastrophe umgedeutet, die Schaubühne zur Kunstinsel »gleichsam im Auge des Zyklons«, und aus Bruno Ganz plus Hölderlin plus Empedokles formt Strauß sich einen Helden nach dem Maß der eigenen Einsamkeit. Schon in seinem Roman »Der junge Mann« hieß es, Schauspieler seien »stets auch die letzten Zeugen eines machtvollen Menschseins«.

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